Urteil in Straßburg Muslimisches Mädchen muss zum Schwimmunterricht mit Jungs

Ein muslimisches Mädchen aus Basel darf dem Schwimmunterricht mit Jungen nicht fernbleiben. Das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden.

Muslimische Schülerin im Burkini (Symbolbild)
DPA

Muslimische Schülerin im Burkini (Symbolbild)


Muslimische Eltern aus Basel wollten sich vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof dagegen wehren, dass ihre Töchter in der Schweiz zum gemischten Schwimmunterricht müssen - ihr Glaube verbiete dies. Jetzt scheiterten sie mit ihren Klagen vor dem Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg.

Die Schweizer Behörden durften die Schulpflicht und die Integration der Kinder höher als den religiös begründeten Wunsch der Eltern nach einer Befreiung bewerten, entschieden die Straßburger Richter am Dienstag in Straßburg. Geklagt hatten ein Vater und eine Mutter aus Basel. Ihnen waren Bußgelder auferlegt worden, weil sie sich geweigert hatten, ihre Töchter zum gemeinsamen Schwimmunterricht mit Jungen zu schicken.

Die Straßburger Richter sahen in dem Bußgeldbescheid keinen Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Sie argumentierten, die Schule spiele eine besondere Rolle bei der sozialen Integration, insbesondere von Kindern ausländischer Herkunft. Die Kläger kommen ursprünglich aus der Türkei, sie haben mittlerweile aber auch die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Religiöse Vorbehalte strenggläubiger Eltern führen auch an deutschen Schulen immer wieder zu Konflikten. Ein Grundsatzurteil wurde 2013 vom Bundesverwaltungsgericht gefällt: In Deutschland kann muslimischen Schülerinnen die Teilnahme am gemeinsamen Schwimmunterricht von Jungen und Mädchen zugemutet werden.

Geklagt hatte damals eine Schülerin aus Frankfurt. Die Eltern des marokkanisch-stämmigen Mädchens hatten die Befreiung der damals Elfjährigen vom Schwimmunterricht beantragt - mit Verweis auf muslimische Bekleidungsvorschriften und dem Argument, sie dürfe aus religiösen Gründen keine männlichen Mitschüler in Badehosen sehen.

Beide Begründungen ließen die Richter nicht gelten: Leicht bekleidete junge Männer seien in Deutschland im Sommer überall zu sehen, der Anblick beeinträchtige das Mädchen somit nur "geringfügig" in seiner Glaubensfreiheit. Der staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag überwiege. Um den religiösen Bekleidungsvorschriften gerecht zu werden, könne das Mädchen einen Burkini, einen Ganzkörperbadeanzug, tragen.

Eine Verfassungsbeschwerde der Frankfurter Schülerin gegen das Urteil wurde 2016 nicht zur Entscheidung angenommen.

Urteile zu Muslimen im Schwimmunterricht
September 2013 - Der staatliche Bildungsauftrag überwiegt
Das Bundesverwaltungsgericht lehnt die Klage einer Frankfurter Schülerin ab. Der Anblick leicht bekleideter männlicher Schüler im Schwimmbad beinträchtige die 13-Jährige nur "geringfügig" in ihrer Glaubensfreiheit. Der staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag überwiege. Im Übrigen sei ein Burkini ein akzeptabler Kompromiss.
Juni 2012 - Anspruch auf Befreiung erst mit der Pubertät
Eine muslimische Drittklässlerin wird nicht vom Schwimmunterricht befreit. Das Oberverwaltungsgericht Bremen urteilt, einen solchen Anspruch gebe es erst nach Einsetzen der Pubertät - auf jeden Fall aber nach Vollendung des zwölften Lebensjahrs. Außerdem könne die Grundschülerin in einem Ganzkörperbadeanzug ("Burkini") am Unterricht teilnehmen.
Juni 2009: Unterschrieben ist unterschrieben
Das Oberverwaltungsgericht Münster gibt einer Schulleiterin Recht, die einen Befreiungsantrag für eine elfjährige Muslimin abgelehnt hatte. Die Mutter hatte bei den Aufnahmegesprächen für das Düsseldorfer Gymnasium unterschrieben, dass sie mit der Teilnahme ihrer Tochter am Schwimmunterricht mit Jungen und auch an mehrtägigen Klassenfahrten einverstanden sei.
Mai 2009: Burkini ist zumutbar
Eine Neunjährige muss weiter am Schwimmunterricht ihrer Schule in Gelsenkirchen teilnehmen. Für das Mädchen sei es zumutbar, einen "Burkini" zu tragen, urteilt das Oberverwaltungsgericht in Münster.
Mai 2005: Junge soll keine nackte Haut sehen
Muslimische Eltern scheitern damit, ihren Sohn vom Schwimmunterricht befreien zu lassen. Sie hatten argumentiert, er solle Schülerinnen in Badeanzügen und Bikinis weder sehen noch womöglich sogar berühren.
Juni 1990: Zehnjährige muss nicht mitschwimmen
Das Verwaltungsgericht Köln befreit eine zehnjährige Schülerin vom Schwimmunterricht an ihrer Schule. Der Koran verbiete dem muslimischen Mädchen, weibliche Reize zu zeigen - eine Befreiung vom Unterricht sei deshalb möglich, begründen die Richter.

vet/ler/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.