Konzepte gegen Amokläufe So sicher sind Deutschlands Schulen

Wie lassen sich Schulen besser schützen? In Deutschland hat sich nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden wenig getan, vor allem die Gebäude sind kaum sicherer geworden. Experten setzen bei der Prävention auf ganz besondere Fachleute - die Schüler.

Polizist vor Gymnasium (Archiv): Diskussion um die Festung Schule
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Polizist vor Gymnasium (Archiv): Diskussion um die Festung Schule

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"Tun wir genug, um unsere Kinder zu schützen?", fragte Barack Obama. Er habe in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht - und die ehrliche Antwort sei: nein. Das sagte der US-Präsident in Newtown, wo ein 20-jähriger Amokläufer am Freitag an einer Grundschule zwanzig Kinder, sieben Erwachsene und schließlich sich selbst erschossen hatte.

Es war der vierte Besuch Obamas am Tatort eines Amoklaufs seit seinem Amtsantritt. Und die Fragen nach einer solchen Tat sind immer dieselben: Wie konnte das passieren? Was muss getan und verändert werden, damit sich so etwas nicht wiederholt?

So war es auch in Deutschland, nach Erfurt, nach Winnenden und nach den anderen ähnlichen Fällen. Als im März 2009 ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden 15 Menschen erschossen hatte, forderten Experten zum Beispiel Warnsignale an Schulen: Wenn bestimmte Lautsprecherdurchsagen oder Klingeltöne zu hören sind, sollen alle Schüler und Lehrer wissen, was zu tun ist. Sie forderten auch spezielle Türschlosssysteme, mit denen die Klassenzimmer automatisch von innen verriegelt werden. Was hat sich seither an deutschen Schulen getan? Wie sicher sind deutsche Klassenräume?

Klar ist: Kaum jemand will Schulen zu Festungen machen. Politiker und Lehrerverbände lehnen es überwiegend ab, Schulen mit Videokameras, Eingangskontrollen und Metalldetektoren zu Hochsicherheitstrakten auszubauen. Zumal die Bluttat von Newtown zeigte, dass auch an einer baulich gut gesicherten Schule so etwas möglich ist.

Bereits nach Winnenden kamen Experten zu dem Ergebnis, dass es "keine einzelne Maßnahme und kein Bündel von Maßnahmen" gebe, "die mit hinreichender Sicherheit einen Amoklauf an einer Schule verhindern könnten". Gleichwohl könnten "erkennbare Risikofaktoren für Amokläufe an Schulen reduziert und Schutzfaktoren gegen Amok an Schulen gestärkt werden".

Wer sich jetzt, einige Jahre nach Winnenden, umhört bei Fachleuten und Praktikern, der hört: Es mangelt nicht an Ideen, es mangelt zu oft am Geld. Für sinnvoll halten sie vor allem folgende Maßnahmen:

  • Psychologische Vorsorge: Bundesweit kommt ein Schulpsychologe auf 9100 Schüler. Das ist zu wenig, sagt Stefan Drewes, Vorsitzender für Schulpsychologen im Berufsverband deutscher Psychologen. Teilweise dauert es Monate, wenn eine Schule für einen auffälligen Schüler um einen Termin bittet. Zusätzlich gibt es schulinterne und -externe Krisenteams. Sie werden aktiv, wenn Dritte auf dem Schulhof oder im Netz Drohungen mitbekommen haben. Ihre Arbeit hängt also in hohem Maße davon ab, wie rege Schüler, Lehrer und Eltern ihre Beobachtungen, Sorgen oder Fragen mitteilen. Die Versorgung ist allerdings von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich: Schulinterne Krisenteams sind bislang nur in Baden-Württemberg Pflicht - als Reaktion auf Winnenden. Stadtstaaten wie Hamburg, Berlin und Bremen sind Drewes zufolge relativ gut versorgt, so gibt es in Berlin 15 Krisenpsychologen, die hauptberuflich nur eines in der Hauptstadt machen: Prävention und Nachsorge von Gewalttaten an Schulen. Im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen sei die Ausstattung mit Schulpsychologen "mittelmäßig" und in anderen Ländern wie Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein "schlecht".
  • Vorsorge durch Information: "Nach den Amokläufen in Deutschland wurden bundesweit Notfallpläne eingerichtet. Dazu gehören Materialien für das Verhalten bei einem Amoklauf und Zettel mit den relevanten Telefonnummern", sagt Marianne Demmer, stellvertretende GEW-Vorsitzende. Das reiche jedoch nicht aus, sagt Demmer und fordert zusätzliche Trainingseinheiten für Lehrer, um sie auf Amok-Situationen vorzubereiten.
  • Schulumbauten: Baulich ist kaum etwas passiert. Warnsignale sowie Türschlosssysteme sind Ausnahmen, und auch Kameras gibt es nur vereinzelt. "Das ist auch eine Kostenfrage", sagt Demmer. "Erst wenn etwas passiert ist, wird meistens die entsprechende Schule hochgerüstet, das ist natürlich psychologisch bedingt." So wurde die Albertville-Realschule in Winnenden rundherum erneuert und sicherheitstechnisch aufgerüstet, mit Alarmknöpfen, Türverriegelung und einem Alarmsystem wie in einer Bank. Andernorts sei jedoch nur wenig oder gar nichts passiert. "Das Thema wird gescheut, von allen Beteiligten. Dabei setzt man ja auch Brandschutzmaßnahmen um und testet den Feueralarm. Aber bei Amok-Prävention schrecken viele zurück", sagt Drewes.

Auch das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" kritisiert fehlende deutschlandweite Standards. Doch die Sicherung von Schulen ist, wie andere Bildungsfragen auch, Ländersache. Und zahlen müssen daher die Kommunen.

Anstatt Einlasskontrollen und dicker Schlösser fordert Demmer einen schärferen Blick - von allen: Schülern, Lehrern, Hausmeistern. "Der Faktor Mensch scheint in solchen Fällen dem Faktor Technik überlegen zu sein. Es gibt bei Amokläufen immer Anzeichen im Vorfeld." Vor allem eine Gruppe steht den Experten zufolge bei der Prävention im Mittelpunkt: die Schüler. "Meistens bemerken die Mitschüler schneller als die Lehrer, wenn ein Klassenkamerad komisch wird. Sie brauchen dann jemanden, an den sie sich wenden können", sagt Drewes.

Ein klassischer Beratungslehrer reicht da oft nicht aus, in so einem Fall sind professionelle Schulpsychologen gefragt. Die Schüler müssen das Gefühl haben, dass schnell reagiert wird und dass sie weder uncool noch eine Petze sind, wenn sie sich melden. Dafür sei laut Drewes aber auch ein soziales Klima an der Schule wichtig. "Wenn es nur um Leistung geht, aber wenig um ein Miteinander, werden sich die Schüler auch weniger umeinander sorgen und kümmern."

Angriffe an Schulen
18. Februar 2010: Ludwigshafen
Bei einem Angriff auf mehrere Lehrer an einer Berufsschule in Ludwigshafen wurde nach Polizeiangaben ein Lehrer getötet. Ein 23-jähriger Tatverdächtiger sei festgenommen worden. mehr auf der Themenseite...
17. September 2009: Ansbach
Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen Gymnasium Carolinum in Ansbach acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.

Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt. mehr auf der Themenseite...
11. März 2009: Winnenden
Der 17-jährige Tim K. ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst. mehr auf der Themenseite...
Dezember 2008: Pattensen
Im niedersächsischen Pattensen verletzen fünf Jungen im Alter von 15 und 16 Jahren einen Lehrer schwer. Sie waren dem Pädagogen aufgefallen, weil sie einen anderen Schüler angegriffen hatten. Als der Lehrer sich ihnen in den Weg stellt, wird er mit einer Metallstange niedergeschlagen.
Dezember 2008: Neu-Ulm
Wegen eines Schulverweises schlägt ein 14-Jähriger im bayerischen Neu-Ulm seinen Lehrer mit zwei Fausthieben dienstunfähig.
Oktober 2008: Dortmund
In Dortmund schlägt ein 17-Jähriger einen Pädagogen im Klassenzimmer nieder und bedroht ihn mit einem Messer. Der Lehrer hatte sich ihm in den Weg gestellt, als der Jugendliche seine Ex-Freundin verfolgte.
Juli 2008: Biberach
In Biberach in Baden-Württemberg sticht ein 15-Jähriger mit einem Küchenmesser auf seinen Lehrer ein und verletzt ihn. Zuvor hatte er angegeben, mit dem Pädagogen über seine Nicht- Versetzung reden zu wollen.
20. November 2006: Emsdetten
Der 18-jährige Sebastian B. schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen Emsdetten um sich. Elf Menschen werden verletzt. mehr auf der Themenseite...
Juli 2003: Coburg
Ein 16-jähriger Realschüler im fränkischen Coburg schießt während des Unterrichts auf seine Klassenlehrerin und verletzt eine Schulpsychologin. Danach tötet sich der Jugendliche. Die Lehrerin bleibt unverletzt. Der Schüler hatte die Tat angekündigt.
26. April 2002: Erfurt
Bei einem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden. mehr auf der Themenseite...
Februar 2002: Freising
In einer Berufsschule im oberbayrischen Freising tötet ein 22-Jähriger den Direktor und verletzt einen Lehrer schwer. Anschließend tötet er sich selbst. Zuvor hatte der schwer bewaffnete Täter in einer Firma zwei Ex-Kollegen erschossen.
März 2000: Brannenburg
Weil er von einem Realschulinternat in Brannenburg (Bayern) verwiesen wurde, schießt ein 16 Jahre alter Schüler dem Leiter der Anstalt in den Kopf und verletzt sich selbst schwer. Der 57-Jährige stirbt einige Tage nach dem Angriff.
November 1999: Meißen
Im sächsischen Meißen stürmt ein 15 Jahre alter Gymnasiast maskiert in ein Klassenzimmer. Er tötet vor den Augen der Schüler seine Lehrerin mit 2 Messern. Er hatte die Tat angekündigt und wird kurz darauf gefasst.
20. April 1999: Littleton/Colorado, USA
Beim Schulmassaker von Littleton stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die Columbine High School in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen. mehr auf der Themenseite...

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