Nachhilfe für gute Schüler Lasst Eure Kinder auch das Scheitern lernen

Selbst gute Schüler werden von ihren Eltern zur Nachhilfe geschickt. Das schadet mehr, als es nützt - denn die Kinder lernen dabei vor allem eines: dass sie nicht scheitern dürfen.

Junge brütet über Hausaufgaben - mithilfe einer Erwachsenen
Corbis

Junge brütet über Hausaufgaben - mithilfe einer Erwachsenen

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Liebe Eltern, was wünschen Sie sich für Ihre Kinder - bitte ankreuzen:
a.) dass sie gelassen und selbstbewusst durchs Leben gehen.
b.) dass sie gestresst und ängstlich durchs Leben hetzen.

Wenn Sie - wovon ich ausgehe - a.) wollen, warum machen Sie dann alles, damit b.) eintritt?

Eine aktuelle Studie zeigt: Rund 1,2 Millionen Schüler in Deutschland im Alter von sechs bis 16 Jahren bekommen Nachhilfeunterricht - obwohl ein Drittel von ihnen befriedigende bis gute Noten hat.

Was lernen gute Schüler in diesen Tausenden von Stunden am Nachmittag, nachdem sie bereits den halben Tag in einem Klassenzimmer gesessen haben? Ja, vielleicht lernen sie ein paar mehr Vokabeln oder Formeln (die sie in zehn Jahren eh wieder vergessen haben). Aber vor allem lernen sie: Gut sein reicht nicht. Ich muss sehr gut sein. Immer. Und wenn ich es nicht bin, brauche ich Hilfe. Von außen. Denn allein schaffe ich es nicht. Und das ist eine große Bedrohung für mein ganzes Leben.

Studien sehen bei einem Fünftel der 3- bis 17-Jährigen die Gefahr, psychisch auffällig zu werden. Der Kinder- und Jugendpsychologe Michael Schulte-Markwort nennt als eine mögliche Hauptursache, dass Kinder heute mit dem ständigen Gefühl aufwachsen, besser sein zu müssen als die Eltern. Doch wer früh lerne, dass diese Gesellschaft nur Wachstum dulde, der habe von Anfang an Angst, sich in Ruhe auszuprobieren und Fehler zu machen, schreibt der Arzt.

Viele Eltern wollen ihre Kinder vor dem Gefühl des Scheiterns bewahren. In Hamburg gibt es Kinder-Fußballturniere, bei denen die Tore nicht gezählt werden, damit sich ja nur alle als Gewinner fühlen. Dahinter steckt die gleiche Denkweise wie bei der Nachhilfe für Zweier-Schüler: Kinder dürfen nie schlecht sein.

Doch genau das sorgt dafür, dass sie sich schlecht fühlen. Weil sie nicht erfahren, wie sie es aus eigener Kraft beim nächsten Mal besser machen können. Oder erkennen, was sie vielleicht nicht so gut können. Vielleicht niemals gut können werden. Und dass das gar nicht schlimm ist.

Es ist bekannt, dass Vorbilder eine der stärksten Kräfte in der Erziehung sind. Sie wollen entspannte Kinder? Dann seien Sie es selbst. Hören Sie auf, sich Fett absaugen zu lassen, obwohl Sie schlank sind. Hören Sie auf, Vitaminpillen in sich reinzukippen, obwohl Sie jeden Tag frisches Obst essen. Und schicken Sie Ihre Kinder nicht zur Nachhilfe, wenn es nicht wirklich sein muss.

Zur Autorin
Lena Greiner ist stellvertretende Ressortleiterin Bildung bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Lena.Greiner@spiegel.de

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insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
Rehlein 1 27.01.2016
1.
ich bin begeistert, so viel gesunder Menschenverstand in einem so kurzen Kommentar!
Pinin 27.01.2016
2. Richtig
Scheitern lernen, und Fehler machen lernen und Fehler zugeben lernen. Alles wichtige Tugenden die unserer Politik-Elite vollständig fehlen. Und wir müssen dafür bezahlen.
lupidus 27.01.2016
3.
schön gesagt, "scheitern lernen". vielleicht sollten die kinder mal sport betreiben, also wettkampfsport. dort kommt es zwangsläufig zu niederlagen und damit muss man umgehen können. einstecken, daraus lernen, wieder aufstehen und weitermachen. kinder können das durchaus. die frage ist, ob die helikoptereltern das schauspiel ertragen wenn der nachwuchs mal nicht der mittelpunkt der welt ist.
Besorgter Schüler 27.01.2016
4.
Natürlich ist es sinnvoll mit dem Scheitern umgehen zu können, aber wenn nun mal in der Oberstufe jede Klausur den Abiturdurchschnitt beeinflusst, kämpfe ich um jeden Punkt! Ansonsten kann man das angestrebte Studium vergessen oder die Gerichte mit dem "Einklagen" vollmüllen. Deshalb finde ich es zu wenig, wenn sich nur über die "naiven" Eltern aufgeregt wird. Vielleicht sollte man sich mal Gedanken über das Schulsystem oder über die Auswahlkriterien von Unis/Arbeitgeber machen.
talksuse 27.01.2016
5. Perfekter Kommentar
Unsere Kinder sind keine Kinder mehr, sondern nur noch Abbilder ihrer Erzeuger, die aber noch eine Schüppe drauf setzen müssen, um vor ihren Eltern zu bestehen. Vollgepackte Tage, durchorganisierte Freizeit und Druck vom ersten Wort an. Das gruselt es mich! Eine Schande, was unsere Gesellschaft den Kindern antut.
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