Leistungswahn Jeder siebte Schüler bekommt Nachhilfe - trotz guter Noten

Eltern schicken ihre Kinder wegen schlechter Noten zur Nachhilfe? Nicht nur. Heute pauken auch Einser- und Zweierschüler, zeigt eine Studie. Fast 900 Millionen Euro geben deutsche Familien für den Zusatzunterricht aus.

Nachhilfe trotz guter Noten: Viele Eltern setzen auf zusätzliche Hilfe für ihr Kind
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Nachhilfe trotz guter Noten: Viele Eltern setzen auf zusätzliche Hilfe für ihr Kind


Rund 1,2 Millionen Schüler im Alter zwischen sechs und 16 Jahren bekommen Nachhilfeunterricht - obwohl ein Drittel von ihnen befriedigende bis sehr gute Noten hat. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Elternbefragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

"Wir sehen den deutlichen Trend, dass es nicht mehr nur darum geht, schulisches Scheitern abzuwenden", sagt Bildungsforscher und Studienautor Klaus Klemm. Gute Noten seien den Eltern wichtig, damit ihre Kinder den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium leicht schaffen und später gute Chancen auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz haben.

Besonders gefragt ist Nachhilfe in Mathematik, gefolgt von Fremdsprachen und Deutsch. Im Schnitt lassen sich die Familien den Zusatzunterricht monatlich 87 Euro kosten. Damit geben die Deutschen pro Jahr fast 879 Millionen Euro für Nachhilfe aus.

Wie die Studie weiter zeigt, haben Einkommensunterschiede nur einen leichten Effekt auf die Entscheidung, Kinder zur Nachhilfe zu schicken: Schüler aus Familien mit einem Haushaltseinkommen über 3000 Euro nutzen die Angebote fast genau so häufig wie Kinder aus Elternhäusern mit weniger Geld (15 Prozent zu rund 12 Prozent).

Vor einem Jahr war eine Forsa-Studie zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Jeder vierte Elternteil glaubt, dass Schulen ihre Schüler generell zu wenig fördern.

Die Bertelsmann Stiftung sieht den Befund kritisch: Nachhilfe dürfe kein Ersatz für individuelle Förderung im Schulunterricht sein. "Bildungschancen dürfen nicht von privat finanzierter Nachhilfe abhängen", mahnte Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

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vet/dpa



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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
mik.a 27.01.2016
1.
Und dann wundern sich die Eltern wieso die Kindern einen "Blackout" haben
nordschaf 27.01.2016
2. optimierte Kindheit
Als unsere große Tochter zur Schule kam, hatten wir uns an die Anweisung des Kindergartens gehalten, ihr nicht schon vor der ersten Klasse das Lesen beizubringen. Wenn sie fragte, erklärten wir zwar, aber verwiesen darauf, dass sie das noch in der Schule lernen würde. In der ersten Klasse stellte sich dann heraus, dass zwei Drittel der Kinder bereits zuhause das Lesen gelernt hatten und in der Folge hat sich das Lerntempo dann doch an der Mehrheit der Klasse orientiert und unsere Tochter musste schon in der ersten Klasse ein Aufholrennen absolvieren. Toller Anfang. In der zweiten Klasse brach bei vielen Eltern die Panik aus, als in einem Projekt jahrgangsübergreifender Unterricht stattfand, bei dem die eine Gruppe "das Eichhörnchen" bearbeitete, die andere "den Igel". Die helikopternden Eltern waren ernsthaft in Sorge, wie ihr Kind denn die Schule schaffen solle, wenn es gar nichts über das jeweils andere Tier gelernt habe. Besser wurde es, als unsere Tochter wegen gesundheitlicher Probleme auf eine private Ganztagsschule wechselte, wo individuell gefördert wurde. Allerdings hat man dort mit anderen Problemen der Klientel-Eltern zu tun, z.B. (leider insbesondere) Jungs, die wenig Erfahrung mit Grenzsetzung haben oder Geburtstagsfeiern, die wegen beruflicher Abwesenheit der Eltern vom au pair ausgerichtet und beaufsichtigt werden. Verblüffende Erfahrung, sowas. Unsere jüngere Tochter haben wir dann mit 4 1/2 Jahren in die Vorschulklasse der neuen Schule geschickt, wodurch wir ihr dann wenigstens eine frühe Aufholjagd zu Beginn der Grundschule ersparen konnten. Allerdings mussten wir da die Erfahrung machen, dass auch an Privatschulen hochbegabte Kinder möglicherweise unentdeckt bleiben und verhaltensauffällig werden, weshalb wir jetzt ärgerlicherweise in eine Lerntherapeutin investieren müssen. Man hat das Gefühl, das müsste eigentlich alles nicht sein, wenn das staatliche deutsche Schulsystem etwas besser aufgestellt wäre und den Lehrern mehr Raum zu vernünftiger Arbeit bliebe.
zaunreith 27.01.2016
3. Einser und Zweierschüler
Eigentlich ganz einfach: "Einser und Zweierschüler" sind deshalb "Einser und Zweierschüler", WEIL sie Nachhilfe bekommen und pauken.
Hamid A. 27.01.2016
4. Andere Formulierung wäre passender
Ich würde den Titel anders formulieren, dann würde man auch verstehen wieso es so ist, und zwar "Jeder siebte Schüler bekommt gute Noten WEGEN Nachhilfe". Da sieht die Welt dann doch viel logischer und verständlicher aus, oder?!
colephelps1247 27.01.2016
5. Ich bin
ziemlich froh darüber, dass ich in meiner Kindheit nicht so einen Leistungsdruck hatte, wie die Kinder heutzutage. Es muss schlimm sein für die Kinder. Oder sie haben sich dran gewöhnt.
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