Nachwuchsmangel bei der Bundeswehr Freundschaftsanfrage in Flecktarn

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2. Teil: Jugendoffiziere - Wie die Bundeswehr an Schulen vordringt


Die Menschrechtsorganisation Terre des Hommes wirft der Bundeswehr vor, "systematisch und umfassend Minderjährige" für den Dienst an der Waffe begeistern zu wollen. Sie sieht darin einen Verstoß gegen die Uno-Kinderrechtskonvention. Besonders empört die Kinderschützer, dass Soldaten an Schulen gehen.

Für solche Einsätze ist Hauptmann Robert Hummel, 29, zuständig, geboren in Dresden, drei Jahre Offiziersausbildung, Wirtschaftsstudium an der Bundeswehr-Universität in München, vier Monate Afghanistan. Hauptmann Hummel ist Jugendoffizier, rhetorisch geschult und steht gerade vor einer Klasse künftiger Versicherungskaufleute an einer Berufsschule. Es ging schon um die Nato und den Warschauer Pakt, den Unterschied zwischen al-Qaida und den Taliban und um die Frage, was eigentlich eine Parlamentsarmee ist. Da meldet sich ein Mädchen, zehn Minuten vor Schluss: "Ich bekomme in meinen Kopf nicht rein, warum unsere Soldaten in diese kaputten Länder gehen. Was machen wir in den Gebieten, wo sich alle bei kranken Aktionen umbringen?"

Schon seit ihren Anfangstagen setzt die Bundeswehr junge, wortgewandte Offziere ein, um solche Fragen zu beantworten. Mittlerweile gibt es rund hundert hauptamtliche Jugendoffiziere. Laut Vorschrift sollen sie zwar nur informieren, ausdrücklich nicht werben. Doch fast 200.000 Jugendliche pro Jahr kommen so zum ersten Mal in Kontakt mit dem Militär. "Jugendoffiziere sind keine Wehrdienstberater, aber sie weisen jungen Menschen den Weg zu den Beratern", schreibt etwa der militärkritische Autor und Blogger Michael Schulze von Glaßer in seinem Buch "An der Heimatfront".

"Wir sind doch keine Rambos"

Die Bundeswehr schließt dafür sogenannte Kooperationsvereinbarungen mit den Kultusministern der Bundesländer ab, sie erleichtern den Jugendoffizieren den Zugang zu Schulen und den Kontakt zu Referendaren. Acht Bundesländer sind solche Vereinbarungen eingegangen.

Sie alle sollten die Abmachung nach Ansicht von Terre des Hommes schnell wieder kündigen: "Wie uns Schüler, Lehrer und Offiziere bestätigt haben, informieren die Soldaten in der Regel sehr einseitig und sprechen die Gefahren von Auslandseinsätzen kaum an", kritisiert Geschäftsführerin Danuta Sacher. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ruft dazu auf, den "Einfluss der Bundeswehr an Schulen" zurückzudrängen.

Die Bundeswehr dementiert, dass die Einsätze der Jugendoffiziere an Schulen der Nachwuchsgewinnung dienen. "Wenn Schulen Informationen über den Arbeitgeber Bundeswehr wünschen, können sie hierzu den Wehrdienstberater zu einer Informationsveranstaltung einladen", teilt ein Sprecher mit. Insoweit gebe es "eine glasklare Abgrenzung" zwischen den Aufgabenbereichen des Jugendoffiziers zur sicherheitspolitischen Kommunikation und des Wehrdienstberaters zur Personalgewinnung. Gäbe es diese Trennung nicht, "würden die Lehrkräfte die Jugendoffiziere nicht mehr in die Schulen einladen".

Auch Hauptmann Hummel würde bestreiten, dass die Kooperationsvereinbarungen an seiner Arbeit als Jugendoffizier etwas geändert haben, er ginge nicht an mehr Schulen als zuvor. Als die Auszubildende in der Berufsschule nach den Auslandseinsätzen fragt, gibt er die Frage an die Klasse zurück. "Dann machen wir es zusammen: Warum sind wir in Afghanistan?" Einer sagt: "Um Sicherheit zu gewähren." Eine andere: "Um das Land voranzutreiben."

"Aber warum Deutschland?", will die Fragestellerin noch einmal wissen. Der Jugendoffizier: "Weil wir Mitgliedstaat der Nato sind: Wird ein Mitgliedstaat angegriffen, helfen die anderen." So klingt Bundeswehrunterricht kurz vor Schulschluss. "Das ist eine Bündnisverpflichtung", sagt der Offizier in den Gong hinein.

Später, auf dem Weg zurück in seine Kaserne, sagt Hauptmann Hummel, er wünsche sich solche Fragen. Sie würden zeigen, dass die Schüler sich nicht nur berieseln lassen. In seinem Büro hängt ein Foto an der Wand, vier Männer in Flecktarn, Hummel ist der Zweite von rechts. Er schwärmt von der "ungewöhnlichen Kameradschaft in Afghanistan". Wenn man ihn anspricht auf Minderjährige, die bei Truppenbesuchen im Schießsimulator ballern durften, spricht er von Einzelfällen: "Wir sind doch keine Rambos."

Mitarbeit: Sonja Hartwig

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