Kommentar zum Schulsystem Verplempert eure Zeit!

Deutschland diskutiert den Tweet einer 17-jährigen Schülerin, die lieber mehr über Steuern lernen würde als Gedichtanalysen zu schreiben. Für ihre Entrüstung über unser scheinbar so nutzloses Schulsystem erntet sie viel Zuspruch. Hier nicht.

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Unterricht: Fürs Leben? Oder doch nur für die Prüfung?
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Unterricht: Fürs Leben? Oder doch nur für die Prüfung?


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Teenager dürfen Unsinn verzapfen. Das ist eines von vielen Privilegien, die das Leben von Kindern und Jugendlichen von dem von Erwachsenen unterscheidet. In der Schule Zeit zu verplempern oder sich zumindest so zu fühlen, ist ein Weiteres. Aber dieses Privileg ist anscheinend in Gefahr, sonst würdest du, Naina, nicht schreiben, was du schreibst.

Die Vorstellung einer glücklichen Kindheit erfährt ja schon seit Jahren eine irritierende Wandlung. Frühkindliche Förderung, Eltern, die ihre Kinder trotz guter Noten in die Nachhilfe schicken - es scheint, als wäre für viele Heranwachsende (und vor allem deren Eltern) die Spanne zwischen Geburt und Volljährigkeit nur noch eine lästige Vorstufe zum Erwachsensein, die möglichst effizient überbrückt werden muss. Und möglichst sinnvoll.

Dabei liegt gerade in der scheinbaren Sinnlosigkeit dessen, was zum Beispiel in der Schule gelehrt wird, ein großer Sinn, den wir uns unbedingt bewahren sollten. Der Deutschunterricht ist das beste Beispiel. Jede Wette, dass mindestens 90 Prozent aller Schüler das dort Gelernte nie brauchen und sofort vergessen werden.

Aber sollte man solche Fächer deswegen absetzen und durch lebensnaheren Stoff ersetzen, zum Beispiel durch das kleine Steuererklärungseinmaleins?

Gedichte bilden den Charakter - Steuererklärungen eher nicht

Auf gar keinen Fall! Weil das Absitzen von Zeit in Fächern, die man nicht mag, einen viel besser auf das Leben vorbereitet als jeder Mietvertrags-Crashkurs. Was man daraus lernen kann? Sich mit unangenehmen Situationen zu arrangieren, die man nicht ändern kann, zum Beispiel. Schule ist der perfekte Ort, um Strategien für das eigene Ressourcenmanagement zu entwickeln. Wie schaffe ich es, mir Materie draufzuschaffen, die mich nicht interessiert? Wie viel Energie muss ich aufwenden, um dort den Anforderungen zu genügen und Raum zu haben für die Dinge, die mich wirklich begeistern? Alles Lektionen, die später Gold wert sind.

Und so gibt es bei fast allem, was in der Schule gelehrt wird, Nebeneffekte, die nicht auf Anhieb erkennbar sind. Aber trotzdem wichtig. Nicht umsonst beklagen viele Experten die rein auf Leistung ausgerichtete Einseitigkeit der Pisa-Philosophie, die den Aspekt der Charakterbildung weitgehend unter den Tisch fallen lässt.

Aber genau das leistet die Schule im besten Fall. Wir lernen viel - auch das, was wir nicht brauchen. Und werden so zu kompletteren und damit mündigeren Menschen. Dann können wir auf Basis eines breiten Bildungs- und Erfahrungsschatzes eigenständig entscheiden, statt durchs Leben zu roboten. Wie man eine Steuererklärung macht, kannst du, Naina, auch als Erwachsene immer noch lernen. Vielleicht sogar besser, weil dir die Schule gezeigt hat, dir auch Dinge anzueignen, die dir keinen Spaß machen. Vielleicht kommst du aber auch zu der Einsicht, dass du deine Steuererklärung lieber jemand anderen machen lässt, weil dir andere Dinge wichtiger sind.

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Was soll in der Schule gelehrt werden?

Die Schülerin Naina beschwert sich darüber, in der Schule zu wenig über Steuern, Miete oder Versicherungen zu lernen - und stattdessen Gedichtanalysen schreiben zu müssen. Was meinen Sie?

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Michail Hengstenberg ist Auto-Ressortleiter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Michail_Hengstenberg@spiegel.de

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Seite 1
cannelloni 16.01.2015
1.
Ein gutes Argument des Autors. Irgendwo in der Mitte zwischen mehr Alltagstauglichkeit (also das Erlernen konkreter Alltagsaufgaben) und das "Unnütze" wie Gedichte. Es kommt auf die Exzessivität, und das meint wahrscheinlich auch der Tweet: es würde reichen einen Goethe durchzulesen und die ein oder andere Stunde zu besprechen, anstatt ihn teils monatelang zu zerpflücken.
Thomas C 16.01.2015
2. Etwas provokativ gesagt...
Umfangreiches Wissen über Apps und Nutzung 13 paralleler Chats vor der ersten Schulstunde werden auch nicht in der Schule gelehrt.
JordiderElf 16.01.2015
3. Warum entweder oder?
Ich stimme beiden Seiten zu. Man muss sich ja nicht zwischen Gedichten und Steuern entscheiden, es ist auch möglich beides zu unterrichten! Denn ich sehe tatsächlich keinen Nutzen darin zwei Schuljahre lang nur Gedichte zu interpretieren. Da hätte man gut ein Schuljahr für die Vorbereitung auf das Leben nach der Schule nutzen können. Es gibt Menschen die kommen vom Gymnasium und wissen nicht was eine Steuererklärung ist und erst recht nicht wie man eine macht.
MarkusW77 16.01.2015
4.
Denno wären Grundzüge aus dem täglichen Leben zu vermitteln sinnvoll. Klar sollten das auch die Eltern machen, aber das können viele ja selbst nicht ! Zur Nachhilfe werden die doch nur geschickt, um bessere Noten zu bekommen. Nich damit das Wissen da ist.
Mimimat 16.01.2015
5. Aha!
"Gedichte bilden den Charakter - Steuererklärungen eher nicht" Ist mir nicht aufgefallen, dass in der Schule die typischen Raufbolde plötzlich freundliche Menschen wurden, weil sie ein Gedicht lernen mussten. Auch andere charakteränderungen sind irgendwie nie passiert, auf die Art. Ich tippe eher, Erziehung bildet den Charakter und Umgang formt den Menschen. Ist aber nur ne Einzelmeinung. Sicher gehören Gedichte usw. zur Bildung dazu, keine Frage. Aber deshalb muss die bildung nicht weltfremt und abgehoben werden. Etwas mehr vorbereitung auf das richtige Leben kann nicht schaden.
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