Studien über falsche Liebe Wie Kinder Egoisten werden

Du bist was ganz Besonderes! Eltern, die ihren Kindern das zu häufig sagen, ziehen kleine Narzissten groß, warnt eine aktuelle Studie. Auch übertriebener Materialismus ist gefährlich.

Material Girl? Materielle Belohnungen und Sanktionen können zu Materialismus führen
Corbis

Material Girl? Materielle Belohnungen und Sanktionen können zu Materialismus führen

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Kinder, die man anbetet, halten sich irgendwann für Götter. So salopp könnte man die Ergebnisse einer aktuellen niederländischen Studie zusammenfassen, die nach dem empirischen Nachweis für den Ursprung der Selbstverliebtheit suchte.

Die Hypothese des niederländisch-amerikanischen Forscherteams: Wenn Eltern ihr Kind auf ein Podest heben, dann glaubt es irgendwann selbst, dass er mehr wert sei als andere. Die Studie wurde nun in den "Proceedings" der US-Amerikanischen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") veröffentlicht. Wer sein Kind über die Maßen lobe, ziehe sich damit einen kleinen Narzissten heran, heißt es darin. Und die Forscher warnen: Ein Narziss zu sein, sei für das Kind nicht gut und schade womöglich der Gesellschaft.

Die Psychologen und Erziehungswissenschaftler um Eddie Brummelman von der Universität Amsterdam befragten 565 niederländische Kinder zwischen sieben und elf Jahren sowie deren Eltern viermal in zwei Jahren.

Heranwachsende, deren Eltern angaben, ihr Nachwuchs sei "besonderer als andere Kinder" oder "verdiene im Leben etwas Außergewöhnliches", waren später narzisstischer: Sie besaßen wenig Einfühlungsvermögen und reagierten überempfindlich auf Kritik. Narzissmus, betonen die Autoren, dürfe dabei nicht mit hohem Selbstwertgefühl verwechselt werden. Eltern, die ihre Kindern mit viel emotionaler Wärme behandelten, stärkten das Selbstwertgefühl.

Anfang vergangener Woche erschien im "Journal of Consumer Research" eine Studie mit ähnlicher Stoßrichtung, in der es allerdings um Materialismus ging. Genauer: um Menschen, die den Wert von Menschen an Besitz festmachen.

Schaden Rundumversorgung und Daueraufmerksamkeit?

Die Forscher führten Tiefeninterviews mit 701 Erwachsenen, die sie über ihre Lebenseinstellungen und über ihr Heranwachsen befragten. Der Befund: Kinder, die oft materielle Belohnungen erfahren hatten und Strafen, bei denen ihnen Materielles entzogen wurde, wuchsen zu Materialisten heran. Auch das ist weder für die Betroffenen noch für die Gesellschaft gesund.

Viele Kinder wachsen in Industrieländern heute behütet, gefördert und üppig versorgt auf. Problematisch ist, wenn dabei das Maß verloren geht. In Zeiten eines relativ hohen Grundwohlstandes investieren Eltern heute eine Menge. Und wer den Wohlstand nicht teilt, gerät unter Konkurrenzdruck und streckt sich doppelt, damit zumindest der Nachwuchs mithalten kann.

Verstärkt werden Rundumversorgung und Daueraufmerksamkeit durch späte Elternschaft und geringe Kinderzahl, wodurch oft auch die materiellen Zuwendungen wachsen. So kostet das deutsche Durchschnittskind nach den letzten Erkenntnissen des Statistischen Bundesamtes 584 Euro im Monat. Selbst die ärmsten zehn Prozent geben demnach für ein Einzelkind 328 Euro im Monat aus, wohlhabende Eltern sogar 900 Euro monatlich. Bis zum 18. Geburtstag kann ein Kind bei Wohlhabenden also eine Viertelmillion Euro "teuer" werden.

Auch wenn beide Studien auf den ersten Blick Erwartbares liefern - mitunter bedeutet sozialwissenschaftliche und psychologische Forschung eben Selbstvergewisserung. Sie verifiziert oder falsifiziert Annahmen, weil etwas, das gemeinhin geglaubt wird, deshalb noch nicht richtig sein muss. Erst wenn die Ursachen benannt sind, wird es möglich, gegenzusteuern.

mit Material von dpa



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