Nationalpreis verliehen Ausgezeichnete Deutsch-Pflicht

Zunächst musste die Berliner Hoover-Realschule heftige Kritik für ihr selbst auferlegtes Sprachgebot einstecken. Heute hat sie dafür den Nationalpreis erhalten. Die Schüler haben sich an die Regel, nur Deutsch zu sprechen, gewöhnt - und ziehen daraus ganz eigenen Nutzen.

Von Christopher Stolzenberg


Berlin - Es gibt viele gute Gründe für das Deutsch-Gebot an der Herbert-Hoover-Schule, doch für Asad Suleman liegt einer besonders nah: "Mit gutem Deutsch kann man viel besser Mädchen kennen lernen", sagt der Schülersprecher, 17, am Ende seiner Festrede zur Verleihung des Nationalpreises.

Seit eineinhalb Jahren leben die Schüler und Lehrer an der Herbert-Hoover-Realschule mit einem ausgefallenen Sprachgebot. Überall auf dem Schulgelände darf zu jeder Zeit nur Deutsch gesprochen werden, statt sich in einer der 15 anderen Muttersprachen zu verständigen. Denn 90 Prozent der Schüler an der Hoover-Schule sind keine deutschen Muttersprachler. Zuhause sprechen sie meistens Türkisch, Arabisch, Polnisch, Serbisch. Dadurch war es zu Feindseligkeiten unter den Cliquen gekommen.

Im Scherz von Schülersprecher Suleman schwingt Erleichterung darüber mit, dass die Aktion der Hoover-Realschule heute nicht mehr so umstritten ist wie in den vergangenen Monaten. Schüler, Lehrer und Eltern hatten sich wiederholt für die einstimmig gefundene Regel rechtfertigen müssen. Im Januar dieses Jahres prangerte eine türkische Zeitung die angebliche Diskriminierung durch die Deutsch-Pflicht an, Migrantenverbände und Parteien sprachen von einem "Verbot der Muttersprache".

Die Wogen haben sich mittlerweile mehr als geglättet: Am heutigen Dienstag bekam die Schule für die Verpflichtung zum Deutschsprechen den mit 75.000 Euro dotierten Preis der Deutschen Nationalstiftung von Bundestagspräsident Norbert Lammert überreicht. Gegründet wurde die Stiftung 1993 von einem Kreis hochrangiger Politiker, Künstler und Unternehmer um den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Weniger Konflikte durch Sprachgebot

"Wer in Deutschland kein Deutsch kann, ist benachteiligt", sagt Vorstandsmitglied Richard Schröder. Daher zeichne die Deutsche Nationalstiftung Eltern und Schüler dafür aus, dass sie den entscheidenden Vorteil erkannt hätten, den die deutsche Sprache für die berufliche Zukunft der Kinder bedeute.

Die Schüler wissen, wie wichtig die deutsche Sprache für ihre berufliche Zukunft ist. Viele haben bereits eine klare Vorstellung von ihrem Berufsweg. "Ich mache zuerst meinen Abschluss und dann eine Ausbildung zur Arzthelferin", sagt die 15-jährige Fatmeh El-Challouf. Der gleichaltrige Mehmet Celik möchte nach dem Abitur einen Computerladen eröffnen, und Halime Narin, 17, wird im Herbst ihr Fachabitur Sozialwesen beginnen.

Dieses Selbstvertrauen der Schüler könne man zwar nicht allein auf das Deutsch-Verpflichtung zurückführen, meint die Schulleiterin Jutta Steinkamp. Aber wenn ein Schüler Deutsch beherrsche, entstehe ein "wichtiges Selbstwertgefühl", das sich auf andere Lebensbereiche übertrage.

"Für uns Eltern war die Deutsch als Schulhofsprache stets eine Selbstverständlichkeit", sagt auch Elternvertreter Yener Polat. "Wir wollten Konflikte wie in der Vergangenheit und die regelmäßige Polizeipräsenz an der Schule vermeiden." Seit die Sprachregelung eingeführt wurde, habe es viel weniger Probleme gegeben.

Neues Gefühl der Zugehörigkeit

Das kann Halime Narin bestätigen: "Ich habe seit Monaten keine Konfliktgespräche mehr gehabt." Als Schulsprecherin stellt sie sich anderen Schülern freiwillig als Streitschlichterin zur Verfügung. Handgreiflichkeiten seien aber merklich weniger geworden, findet sie. "Wenn wir unter uns sind, dann sprechen wir manchmal immer noch türkisch", sagt Halime. Aber heute spielten sie nicht mehr "das Spiel" von einst, als sie sich in ihrer eigenen Sprache über andere Schüler lustig machen konnten, weil die kein Türkisch verstanden. "Heute nehmen alle mehr Rücksicht aufeinander."

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) lobte das Sprachgebot der Hoover-Realschule als Bekenntnis zu einem "fundamentalen Band der kulturellen Überzeugungen", wobei er den Begriff "Leitkultur" in seiner Laudatio bewusst vermied. "Eine gemeinsame Sprache ist Mindestbedingung für Zugehörigkeit und Integration", fügte er hinzu. Sowohl das Sprachgebot an der Hoover-Realschule als auch die Weltmeisterschaft stünden für den "qualitativen Sprung im Gefühl der Zugehörigkeit", den Deutschland in diesem Jahr erlebe. "Es gab bisher kein Ereignis, bei dem sich Deutsche und Türken so nahe gewesen sind", sagte Lammert.

Asad scheint dafür ein gutes Beispiel: "Ich freue mich für Deutschland, das ist doch selbstverständlich." Bei jedem Deutschlandspiel gehe er in Schwarz-Rot-Gold zur Fanmeile und jubele für die Nationalmannschaft.



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