Nenas 100. Luftballon Schule der Pop-Mutti in der Krise

Keine Noten, keine Hierarchien, keine Klassen - Sängerin Nena wagt mit der Neuen Schule Hamburg ein Experiment und will freies Lernen ermöglichen. Doch einige Eltern haben ihre Kinder bereits abgemeldet und äußern harte Vorwürfe, etwa zu Gewaltproblemen an der Privatschule.


Stundenlang Geschichte pauken, heute einen Zahlenstrahl malen oder doch lieber Musik machen? Schulgründerin Nena und ihre Mitstreiter sind fest davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche das besser selbst entscheiden können. Und so denken die 85 Schüler der Neuen Schule Hamburg zwischen 5 und 18 Jahren jeden Morgen gemeinsam über den idealen Schultag nach.

Wie so ein regelfreier Schultag abseits von Geschichte und Mathematik auch aussehen kann, erzählte jetzt ein Ex-Schüler dem Magazin "Stern": "Die großen Schüler haben mich getreten, an den Kopf und ins Gesicht. Einmal hat sich ein Großer auf meine Brust gesetzt, bis ich keine Luft mehr bekam." Eine Mutter klagt, die Lehrer setzten den Schülern keine Grenzen: "Die Kleinen wurden von den Großen gemobbt, die Lehrer sind nicht eingeschritten."

Auch drei der vier Kinder von Nena, die einst die Schule nach der elften Klasse abgebrochen hatte, gehen auf die Neue Schule Hamburg. Das Vorzeigeprojekt steckt offenbar in Schwierigkeiten. Dem "Stern"-Bericht zufolge haben bereits acht Eltern ihre Kinder von der Schule genommen; weitere Eltern denken demnach über eine Abmeldung nach, weil Gewaltprobleme und organisatorisches Chaos den Alltag an der Modellschule unerträglich machten. Drei Monate nach dem ersten Schultag im September 2007 hatten bereits vier Schüler die Schule verlassen, wie Nena in der Sendung "Johannes B. Kerner" im Dezember 2007 einräumte. Und die Schulleitung bestätigte auch Kündigungen von zwei der sechs Lehrer.

Die Neue Schule Hamburg hatte Nena gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Philipp Palm sowie zwei weiteren Mitstreitern gegründet. Den "Stern"-Bericht wies die Schulleitung jetzt als "relativ frei erfunden" zurück - mit jedem Tag würde sich das Projekt festigen. Philipp Palm, einer der Schulleiter, sagte der Nachrichtenagentur AP, der Artikel grenze schon fast an Verleumdung: "Wir sind absolut nicht in einer Krise. Viele der geschilderten Aussagen sind alt."

Seit Gründung der Schule habe es zwar Unfälle gegeben, aber "vom Einzelfall auf Mängel am Konzept zu schließen, ist unseriös", so Palm. "Dass hier Erwachsene Gewalt zugucken und nichts unternehmen stimmt nicht." Die Schule sei zwar anders als andere, es gebe aber keine chaotischen Zustände: "Es gibt Regeln, und die werden immer wieder überarbeitet." Tatsächlich hätten acht Eltern ihre Kinder wieder abgemeldet, das werde auch immer wieder vorkommen.

"Die Schule ist total unorganisiert"

Die Hamburger Ganztagsschule ist der amerikanischen "Sudbury Valley School" nachempfunden. Mehr als 40 Schulen dieser Art gibt es weltweit, Kern des Konzepts ist die Mitbestimmung der Schüler: Sie entscheiden jeden Tag aufs Neue, was, wann und wie sie lernen. Auch die Unterrichtszeiten werden ständig neu ausgehandelt. Zum Unterricht verabreden sich die Schüler mit ihren Lehrern, wenn sie es wollen. Es gibt keine Noten, keine Hierarchien, keine Klassen, kein Sitzenbleiben. Hier soll das Lernen Spaß und keine Angst machen, so das große Ziel.

Für manche Eltern, die sich vom Hamburger Modellversuch ein besseres Schulleben für ihre Kinder erhofft hatten, bedeutet das offenbar zu wenige Regeln und zu viel Anarchie: "Die Schule ist total unorganisiert", so eine Mutter im "Stern". Ihr Sohn habe sich mehrfach mit seinem Lehrer zum Pauken verabredet, Einzeltermine und Lerngruppen seien jedoch nicht zustande gekommen. Andere Schüler beklagen sich darüber, dass Sprachunterricht nicht angeboten werde, weil es zu wenige Lehrer gebe.

Zu der Auseinandersetzung und zum "Mobbing" unter Schülern räumte die Schulleitung dem Bericht zufolge ein, dass ein Schüler mit einer Gehirnerschütterung ambulant behandelt werden musste. Gewalt werde aber in keiner Weise toleriert; vielmehr gebe es Konsequenzen bis hin zum Schulverweis. Nena selbst wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Ihre PR-Agentur erklärte lediglich: "Die exponierte Stellung des Gründungsmitglieds mahnt zur Zurückhaltung."

Die Hamburger Schulbehörde will der Privatschule noch Zeit lassen. "Eltern haben uns über die Probleme informiert, wir geben das an die Schule weiter", sagte Schulaufseherin Eva Neumann-Roedenbeck dem "Stern". Die Schulaufsicht schaue generell bei einem neuen Schulträger noch intensiver hin als bei einem alteingesessenen wie beispielsweise der katholischen Kirche; das sei auch in diesem Fall so. Sie habe die Schule aufgefordert, zwei zusätzliche Lehrer einzustellen, so Neumann-Roedenbeck. Ein Schulversuch könne aber erst nach einiger Zeit beurteilt werden, außerdem müssten sich die teilnehmenden Eltern bewusst sein, dass sie viel Verantwortung tragen.

Ähnlich hatte Nena zu Beginn des Projekts argumentiert: "Diese Schule ist für Eltern eine größere Herausforderung als für die Kinder, denn sie müssen lernen, den Kindern zu vertrauen."

wie/jol/dpa/ddp/AP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.