Demokratische Schule Freiheit, Gleichheit, Kürbissuppe

Keine Klassen, kein Gong, keine Noten: An einer von Nena mitgegründeten Schule in Hamburg dürfen die Kinder machen und lernen, was sie wollen. Sie können mit übers Schulgeld verfügen, Lehrer entlassen und die Regeln ändern. Das klingt nach Chaos. Kann das gutgehen?

Von Heike Sonnberger

SPIEGEL ONLINE

Wenn Valeska ihre Schule beschreiben soll, ringt sie um Worte. Nein, sie geht in keine Klasse. Nein, sie hat auch keinen Stundenplan. Ja, sie kann sich selbst aussuchen, was sie tun und lernen will. "Es ist so, als ob man in einer Straße wohnt, die auf keiner Karte ist", sagt die 13-Jährige und zieht ein Knie eng an den Körper.

Es ist Dienstagvormittag und Valeska zeichnet ein Porträt, die Augen gelingen ihr immer besser, findet sie. Später wird sie vielleicht runter in den Hof gehen, "mal sehen, was so auf mich zukommt". Neulich hat sie sich auch mit Mathe beschäftigt, obwohl sie das Fach eigentlich hasst, aber sie hatte nichts anderes zu tun und der Unterricht war dann doch spannend.

Valeskas Schule liegt im Hamburger Stadtteil Rahlstedt. Die 85 Schüler, die täglich hierher kommen, sind zwischen 6 und 16 Jahren alt. Und sie haben mehr Freiheiten, als ihnen eine öffentliche Schule je bieten könnte oder wollte. Die Neue Schule Hamburg versteht sich als demokratisch. Die Kinder bestimmen nicht nur, wie sie ihre Tage verbringen, sondern sie entscheiden auch mit, welche Lehrer eingestellt oder entlassen werden und wofür Geld ausgegeben wird.

Popsängerin Nena hat die Privatschule vor fünf Jahren mitgegründet, der prominente Name rückt die Schule ebenso ins Rampenlicht wie das ungewöhnliche Konzept. Vorbilder sind die Sudbury Valley School im US-Bundesstaat Massachusetts und das britische Internat Summerhill. Das Konzept basiert auf einer Annahme, die auch Hirnforscher vertreten: Jedes Kind will lernen. Und es lernt am besten, wenn es selbst entdecken darf, was es wissen möchte.

Die Schule ist voll ausgelastet, dieses Jahr gibt es sogar zum ersten Mal eine kleine Warteliste. Doch die Einrichtung eckt auch an. Die Presse berichtete von Mobbing und Schülerschwund, Nachbarn stöhnen über Lärm. Klar ist: Die Neue Schule Hamburg polarisiert. Der Ansatz ist gewagt, der Anspruch hoch. Die Schüler müssen sich selbst organisieren und zum Lernen motivieren, jeden Tag neu. Kann das gutgehen?

Noten gibt es nur auf Wunsch

Hohe Bäume verdecken die weiße Villa, in der auf den ersten Blick das Chaos regiert. In der Sofaecke unterm Dach zockt ein Dutzend Schüler Nintendo, andere poltern die Treppe hinauf und herab, im Hof spielen einige Basketball, irgendwo klimpert ein Klavier. Im großen Saal im ersten Stock gehen ein paar Lehrerinnen Praktikumsbewerbungen durch, dauernd fliegt die Tür auf. Auf dem Teppich in der Ecke schlägt ein kleines Mädchen Rad.

Es ist oft laut in dieser Schule. Doch je länger man dem Trubel zusieht, desto mehr Struktur lässt sich erkennen. Da sind zum Beispiel die Gremien, die sich regelmäßig treffen, wie das Komitee "Einladen und Kennenlernen", das gerade im großen Saal tagt, das Putzkomitee oder die Lösungskomitees. Jede Gruppe steht Schülern wie Lehrern offen und jede Stimme wiegt gleich viel. Über Dinge, die alle betreffen, wird freitags in der Schulversammlung abgestimmt.

Unterrichtseinheiten in Mathe, Englisch oder Deutsch sind freiwillig. Heute steht Deutsch für den Hauptschulabschluss an, der Tagesplan leuchtet auf einem Bildschirm gegenüber der Eingangstür. Lehrerin Sarah Alexi, 31, teilt Übungsblätter aus, zehn Schüler sind gekommen. Sie entscheiden selbst, wann sie fit für die Hauptschul- oder die Realschulprüfung sind, Noten gibt es nur auf Wunsch. "Letztes Jahr wollten manche Schüler sogar in den Ferien lernen", sagt Alexi, die hier alle Sarah nennen. Von sieben Prüflingen bestanden sechs.

Die meisten Schüler legen sich in den Monaten vor dem Abschluss richtig ins Zeug. Und keiner hält sie davon ab, in den Jahren davor ständig Fußball oder Computer zu spielen. "Wenn man das nicht verbietet, verliert es irgendwann seinen Reiz", sagt Alexi. Mehrmals in der Woche quengele ein Kind, dass ihm langweilig sei. "Doch auch Langeweile kann produktiv sein, weil man sich dann mit sich selbst auseinandersetzt." Meistens müsse man die Schüler allerdings nur darauf aufmerksam machen, was um sie herum passiere.

In der Küche bereitet eine Lehrerin jeden Tag das Mittagessen vor und freut sich über Helfer, gerade kocht sie mit Vivien, 13, Kürbissuppe und Gemüseauflauf. Im Atelier bastelt die siebenjährige Luzi eine Katzenmaske aus Papier, im Stock darüber planen vier Mädchen eine Party, und im Musikraum übt Danielle Schlagzeug. Zwei andere Schüler haben der 16-Jährigen die ersten Rhythmen beigebracht, seither unterrichtet sie sich selbst.

Im Hof beaufsichtigt Jörn Becker zwei Jugendliche, die mit dem Laubbläser die Herbstblätter beiseite pusten. Seit ein paar Jahren kümmert sich der 52-Jährige in der Schule um Handwerksarbeiten. "Am Anfang war ich skeptisch, ob das hier funktionieren kann", sagt Becker. Doch mutwilliges Geschmiere auf den Toiletten, wüste Gewalt oder Drogenprobleme gebe es nicht.

Streit schlichtet man im Lösungskomitee

Rund 240 Euro zahlen die Eltern pro Monat an die Schule. "Manche machen sich Sorgen, ob ihr Kind bei uns auch genug lernt", sagt Daniela Schaal, die für Erdkunde, Schulentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Lesen, Schreiben und Rechnen habe bisher aber jeder Schüler gemeistert, "aus natürlicher Neugierde". Und dazu viele andere Dinge, die sich nicht in schulische Raster pressen ließen, zum Beispiel Verantwortung und Zeitmanagement.

Im Sekretariat steht ein Ordner voller Regeln, an die sich die Schüler halten müssen. Sie müssen 35 Stunden in der Woche anwesend sein. Sie dürfen zum Supermarkt gehen, aber nur zu dritt und für höchstens eine halbe Stunde. Jeder ist einmal pro Woche mit dem Putzen dran. Und wenn jemand "Stopp!" sagt, darf er nicht länger geärgert werden. Wer eine Regel ändern möchte, kann das in der Schulversammlung beantragen.

Manchmal gibt es Ärger, weil jemand sein Geschirr nicht wegräumt oder andere beim Lernen stört. Dafür liegen Formulare bereit, die jeder ausfüllen und bei den zwei Lösungskomitees einreichen kann. Die bestehen aus je einem Lehrer und vier Schülern und treffen abwechselnd jeden Tag zusammen, um mit den Betroffenen nach Lösungen zu suchen. Auch Probleme mit Lehrern kommen hier zur Sprache. Marlin sitzt in beiden Komitees. "Es macht Spaß, Dinge zu klären", sagt der Zwölfjährige.

Die Selbstverwaltung kostet aber auch Kraft, und Unfug ist nicht auszuschließen. Manche Schüler hätten sich in den Formularen schon über den Weihnachtsmann beschwert, sagt Marlin. Bei besonders schweren Fällen wird eine SSV einberufen, eine Sonderschulversammlung. Dann muss sich der Störenfried vor der ganzen Schule verantworten, etwa wenn er aggressiv war oder mehrmals dieselbe Regel gebrochen hat. Meist sind die Lösungskomitees jedoch abschreckend genug. "Man fühlt sich wie angeklagt", sagt Valeska, die einmal das Putzen vergaß.

In die Neue Schule Hamburg gehen viele Kinder, die in staatlichen Schulen nicht zurechtkamen - und für sie ist das freie Lernen oft eine Erlösung. Shari aus Gütersloh ist seit fünf Jahren hier. "Ich bin in meiner alten Schule unter dem Druck fast zusammengebrochen", sagt die 16-Jährige. Hier habe sie herausgefunden, dass sie Chirurgin werden wolle, als sie sich im Notfallteam engagiert und verletzte Mitschüler verarztet habe. Das Medizinstudium - berüchtigt für Büffelei - schreckt sie nicht: "Ich will das schaffen, es interessiert mich total!"

Man traut Shari zu, dass sie als Studentin und Ärztin bestehen wird. Schließlich hatte sie Zeit, eins herauszufinden: Was sie will.



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Seite 1
vogtnuernberg 22.11.2012
1. Sie dürfen Lehrer entlassen...
Sie dürfen Lehrer entlassen... Klasse, ich hoffe die Kids beschweren sich dann aber nicht, wenn ihr Chef das mit ihnen später auch einfach so machen kann und rennen dann nicht zur Gewerkschaft oder zum Anwalt.
aetschm 22.11.2012
2. ganz wie im Mittelalter
ganz wie im Mittelalter... da hat man auch nur das gelernt, was man für nötig empfunden hat...
Guy Montag 22.11.2012
3. Super!!
"Och nö du, lass mal. Ich hab' jetzt keine Böcke zu lernen..." Super-Idee! Das sind die Kompetenzen, die wir im globalen Wettbewerb brauchen!!
banteng 22.11.2012
4. optional
Lesen, schreiben, und rechnen zu können reicht aber nicht aus um Medizin studieren zu können... Irgendwie muss man aber auch quantizieren können wieviel Wissen die Kinder angesammelt haben, oder?
muellerthomas 22.11.2012
5.
Zitat von Guy Montag"Och nö du, lass mal. Ich hab' jetzt keine Böcke zu lernen..." Super-Idee! Das sind die Kompetenzen, die wir im globalen Wettbewerb brauchen!!
Welche Kompetenzen benötigen wir denn Ihrer Meinung nach im "globalen Wettbewerb"? Und wer ist eigentlich "wir" und wer steht da im Wettbewerb?
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