Neonazis auf Kinderfang Brauner Drill im Jugendlager

HDJ klingt nach HJ, und das soll es auch. Martialisch trimmt die "Heimattreue Deutsche Jugend" ihren Nachwuchs: Uniformen, Fahnenappell, Strammstehen im Fackelschein - früh übt sich, wer ein Neonazi werden will. Der Staat lässt den tiefbraunen Verein gewähren.


Die Mädchen auf dem Hof tragen lange blaue Röcke, die Jungs dunkle Hosen und schwere Stiefel. Eine Fahne wird gehisst, die Kinder stehen stramm. Mit diesen Bildern geht die rechtsextreme Jugendorganisation "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) auf Nachwuchsfang - bundesweit.

Rechtsextreme (bei Celle): Kinder im Visier
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Rechtsextreme (bei Celle): Kinder im Visier

Das beklemmende Werbevideo eines HDJ-Jugendlagers, voll von braunem Schwulst, wurde auf einer Burg in Franken gedreht. Verfassungsschützer nehmen die Gruppe "sehr ernst". Experten werfen den Behörden trotzdem vor, die Gefahr durch die HDJ massiv zu unterschätzen. Die Grünen hatten jüngst im Bundestag gefordert, ein Verbot der Jugendorganisation zu prüfen.

Mitte Mai waren die Wohnungen von zwei Mitgliedern der HDJ von der Polizei durchsucht worden. Den Männern wird das Verbreiten verfassungswidriger Propagandamittel und Volksverhetzung vorgeworfen. Einer der beiden stellte sich den Ermittlern als "Führer der Leitstelle Nord der HDJ" vor.

Der Verein ist aus dem bereits in den fünfziger Jahren gegründeten "Bund Heimattreuer Jugend" hervorgegangen, spaltete sich 1990 davon als "Die Heimattreue Jugend" ab und änderte dann 2001 den Namen in "Heimattreue Deutsche Jugend" mit Sitz in Plön. Die Namensnähe zwischen HDJ und HJ ist alles andere als zufällig. Die Führung begründete die Umbenennung selbst damit, man könne "Heimattreue Jugend nicht gescheit abkürzen, ohne das Kürzel einer seit '45 in Deutschland verbotenen Organisation zu nutzen" - der Hitlerjugend nämlich.

Kaderschmiede für den Neonazi-Nachwuchs

Bundeschef ist der Radebeuler Sebastian Räbiger, früher einmal "Gauleiter" der verbotenen Wiking-Jugend in Sachsen. Der Verein beschreibt sich als "aktive, volks- und heimattreue Jugendbewegung für alle deutschen Mädel und Jungen im Alter von 7 bis 25 Jahren", die unter anderem Zeltlager, Kanufahrten, Lagerfeuer, Nachtwanderungen und Leistungsmärsche organisiere. Die Vereinszeitschrift heißt "Funkenflug" und trägt den Untertitel "jung - stürmisch - volkstreu".

Neonazi-Experten ordnen die Organisation, die vor allem in Nord- und Ostdeutschland aktiv ist, dem extremen rechten Spektrum zu. Die HDJ vermittele "den Eindruck, als handele es sich mehr oder weniger um eine direkte Nachfolgeorganisation der verbotenen Wiking-Jugend", sagt Martin Dietzsch vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Die Wiking-Jugend war im Herbst 1994 verboten worden. Sie galt als Kaderschmiede für den Neonazi-Nachwuchs.

Ganz harmlos hatten die HDJ-Mitglieder auf Steffen Hörtler gewirkt. Dem Geschäftsführer der Burg Hohenberg in Oberfranken stellten sich vor Monaten ein paar junge Leute vor - mit einem unverfänglichen Wunsch: Sie wollten in dem Schullandheim ein "Pfadfinder"-Wochenende veranstalten. "Die waren ganz nett und ganz normal", sagt Hörtler, "es gab keinen Grund, irgendwas anzuzweifeln."

Welcome to Brainwash City

Beim Start des Camps wuchsen die Bedenken umso schneller. Die vermeintlichen Pfadfinder kamen in eigenartigen Uniformen, stellten Wachen vor den Burgtoren auf und schlugen einen militärischen Ton an. "Die wollten mich erst gar nicht reinlassen", erzählt Hörtler.

Drinnen wurde scheinbar friedlich gebastelt, gemalt und gesungen. "Auf den ersten Blick sah das aus wie ein tolles Kinderprogramm", sagt Hörtler, "das ist das Gefährliche an der Sache." Herbeigerufene Polizisten zuckten mit den Schultern: Solange nichts Verfassungsfeindliches passiere, könne man nicht einschreiten, hieß es.

Die HDJ blieb und drehte ihren Werbefilm. Hörtler ging gerichtlich gegen das Video vor. Mittlerweile ist es verboten, die HDJ hat es von ihrer Homepage genommen. Im Internet kursiert es trotzdem weiter. Eine gespenstische Szenerie: Man sieht brennende, knisternde Fackeln, eine Schneeballschlacht, Jungen und Mädchen beim Tanzreigen und Flaggehissen, unterlegt mit einer vollen Pathos-Dröhnung. Das klingt dann so:

Wir suchen Kameraden und keine Schreier.
Wir suchen den Freund bei Frohsinn und Feier.
Wir suchen den Kerl und nicht die Massen.
Wir suchen den Frischen und nicht den Blassen.
Wir suchen den treuen und tapferen Gefährten,
der mit uns schreitet zu neuen Werten.

Dirk Wilking, Chef des Mobilen Beratungsteams in Brandenburg, hebt den elitären Charakter des Vereins hervor: "Da soll nicht jeder rein." Seit den fünfziger Jahren gebe es eine relative Kontinuität - sowohl personell als auch ideologisch. Auch nach seiner Auffassung steht die HDJ in der Tradition der verbotenen Wiking-Jugend, die als eine der größten und militantesten Gruppen in der rechtsextremen Szene galt.

Das Bundesinnenministerium verwies damals auf Parallelen zur NSDAP und Hitlerjugend. Es wurde ausdrücklich verboten, Ersatzorganisationen für die Wiking-Jugend zu bilden. Und doch gibt es die tiefbraune Truppe weiter, der Staat lässt sie bisher gewähren. Warum? Es ist ein Rätsel. Und das Innenministerium will oder kann es nicht lösen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE schickte das Ministerium folgende Stellungnahme, die sich mit einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage grüner Bundestagsabgeordneter im Juli 2007 deckt:

"Um rechtsextremistische Phänomene wirkungsvoll zu bekämpfen, müssen neben zivilgesellschaftlichem Engagement auch alle zur Verfügung stehenden repressiven Mittel eingesetzt werden. Dazu gehören eine konsequente Strafverfolgung, aber auch exekutive Maßnahmen wie das Vereinsverbot. Den in letzter Zeit häufig genannten neonazistischen Verein 'Heimattreue Deutsche Jugend' hat das Bundesinnenministerium im Blick. Jeder, der öffentlich über das 'Ob' und 'Wann' eines konkreten Vereinsverbots spricht, schadet der Sache einer effektiven Bekämpfung des Rechtsextremismus. Deshalb nimmt die Bundesregierung grundsätzlich zu Fragen im Zusammenhang mit Verbotsverfahren nicht öffentlich Stellung."

"Kinder werden straff gedrillt"

In den Augen von Wilking ähnelt die "Heimattreue Deutsche Jugend" einer Sekte. "Für Jugendliche ist es total schwer, da wieder rauszukommen", sagt er. Wer während der Pubertät nicht gegen diese Form der autoritären Erziehung rebelliere, sei für die demokratische Gesellschaft verloren.

Dass die HDJ nahezu unbehelligt vorgehen kann, ist für die Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke nichts Neues. Seit Jahren recherchiert die Politologin und Journalistin über die Gruppe, unter anderem für den Beitrag "Nazi-Schulungen für Kinder" des ARD-Magazins "Panorama". "Das ist eine versteckte braune Parallelgesellschaft, in der Kinder aufs Straffste gedrillt werden", sagt sie. Mit Geländemärschen, Sportübungen, Fahnenappellen und ideologischen Schulungen zögen sich die Neonazis ihre "Kader von morgen" heran.

"Jeder, der in der Szene was auf sich hält, schickt seine Kinder in die Lager der HDJ", so Röpke. An jedem zweiten oder dritten Wochenende biete die Gruppe irgendwo in Deutschland ein Camp oder eine Veranstaltung für Kinder und Jugendliche an.

Die Behörden seien mit der HDJ oftmals überfordert und hätten die Organisation etwa in Bayern viel zu lange vernachlässigt, kritisiert Röpke: "Dabei spielen die bayerischen HDJ-Funktionäre bundesweit eine wichtige Rolle." Ein Verbot sieht sie allerdings nicht als Lösung. "Die machen doch weiter. Dann geben sie sich eben einen neuen Namen." Wichtiger sei es, die Kinder selbst zu erreichen - "da müssen Pädagogen ran".

Einige führende Aktivisten leben nördlich von Berlin, weiß der Politikwissenschaftler Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam. Die "Einheit Preußen" spiele auch bundesweit eine Rolle. Doch viel sei in der Öffentlichkeit über die Aktivitäten nicht bekannt. "Es herrscht eine extreme Abschottung", betont Bosch. Er geht davon aus, dass der HDJ bundesweit rund 400 Jugendliche angehören.

Christiane Jacke, Kathrin Hedtke, Martin Teigeler, Matthias Hasberg (ddp); Jochen Leffers



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