Neonazis Schlips statt Springerstiefel

Sie verzichten auf markante Symbole und geben sich unauffällig. Dennoch dominieren Neonazis die Jugendkultur in Ostdeutschland. SPIEGEL-ONLINE-Reporter Christian Fuchs war in ostdeutschen Städten und Dörfern unterwegs - drei Protokolle, drei Szenen.


"Wenn ich Anfang der neunziger Jahre in eine Klasse kam und fragte: 'Wer ist hier rechts?', stand gleich die Hälfte der Schüler auf und rief 'hier'. Das war für sie cool, provokant, gewalttätig. Heute steht keiner auf, es herrscht erstmal Schweigen", sagt Klaus Farin. Der Jugendforscher vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin veröffentlichte Ende 2005 eine Untersuchung mit provokanten Thesen: Bei der ostdeutschen Jugend schwinde die Sympathie für den Rechtsradikalismus, so Farins Befund. Die rechte Szene sei nicht mehr angesagt; nur drei Prozent der Jugendlichen sympathisierten noch mit rechtem Gedankengut.

Symbol Springerstiefel: Inzwischen sind ostdeutsche Neonazis schwerer zu erkennen
DPA

Symbol Springerstiefel: Inzwischen sind ostdeutsche Neonazis schwerer zu erkennen

Ob die Studie dem Wandel in der Szene gerecht wird, ist allerdings umstritten. Denn markante Zeichen wie Glatzen und Springerstiefel, Baseballschläger und Bomberjacken sind größtenteils aus der Öffentlichkeit verschwunden - aber rechte Parolen und Gedanken nicht zwangsläufig aus den Köpfen. Die rechte Szene hat sich gewandelt. Die Neonazis sind nicht mehr so einfach zu erkennen wie noch vor zehn Jahren. Sie kommen heute im bürgerlichen Gewand daher und ködern Jugendliche jetzt mit Aktionen, die nicht jeder auf den ersten Blick als braune Propaganda durchschaut.

"Man findet immer mehr Schlips-und-Kragen-Antidemokraten und immer weniger Skinheads in der rechten Szene", sagt Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, benannt nach einem Angolaner, der 1990 im brandenburgischen Eberswalde von Skinheads ermordet wurde. "Damit wollen sich die Neonazis der gesellschaftlichen Mitte anpassen."

Rechte Umdeutung linker Symbole

Bernd Wagner von der Aussteigerinitiative Exit beobachtet, dass beispielsweise die NPD in den vergangenen Jahren stark auf Jugendliche und junge Erwachsene als Zielgruppe setzt. Und das durchaus mit Erfolg. Ein seriöses Äußeres und wählbare Kandidaten sollen rechten Parteien den Einzug in die Parlamente ebnen. Mit einer " ", sagt Wagner. Zugleich deuten die Rechten politisch oder kulturell neutrale oder linke Symbole und Stile um. So gibt es heute rechte Musikfestivals, eine eigene Szenemarke, die stark an HipHop-Mode erinnert, oder kostenlose CDs, die braunes Gedankengut auf die Schulhöfe tragen sollen.

Wer einige Monate in ostdeutschen Städten und Dörfern unterwegs ist, merkt, dass rechter Lifestyle in die Mitte der Gesellschaft sickert. Die Rechten beherrschen oft die Plätze und Freizeitangebote für Jugendliche. In manchen Regionen, vor allem auf dem Land, haben es Jugendliche sogar immer schwerer, nicht rechts zu sein. Darüber erzählen ein Schüler und ein Student, die mit viel Courage etwas gegen die braune Szene unternehmen. Und ein Neonazi-Aussteiger berichtet, wie er jahrelang Jugendliche zu den militanten Rechten lockte.

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Christian Fuchs

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