Netzwerk gegen Rechtsextreme Wenn Schüler einander als "Drecksjuden" beschimpfen

Was sie an Schulen erleben, ist für Paul und Marianne oft schwer zu verdauen. Die Studenten engagieren sich gegen Rechtsextremismus an Schulen. Das Ziel: rechte Denkblockaden lösen, Schüler zum Nachdenken bringen. Doch das hält manchmal nur bis zur nächsten Pause - ein Unterrichtsbesuch in Brandis.

Von Anne Fromm

Student Paul zu Besuch in Brandis: "Wenn sie über den Tag sprechen, ist viel erreicht"
Anne Fromm

Student Paul zu Besuch in Brandis: "Wenn sie über den Tag sprechen, ist viel erreicht"


Der Tag beginnt mit Verwirrung. Paul und Marianne zeigen den Neuntklässlern der Mittelschule Brandis ein Bild: Ein weißer Mann in Polizeiuniform rennt einem Schwarzen in Zivil hinterher. Was passiert sein muss, ist den Schülern schnell klar: "Der Schwarze hat etwas verbrochen und wird von der Polizei gejagt." Grinsend löst Marianne die Situation auf: Vor den zwei Männern rennt ein weißer Krimineller, der nicht mit im Bild ist. Der Schwarze ist nicht Gejagter, sondern Zivilpolizist.

Mit diesem Foto warb die englische Polizei 1989, um mehr Menschen mit Migrationshintergrund für die Ausbildung zu gewinnen. Paul und Marianne wollen damit zeigen, wie äußere Merkmale und Vorurteile zu falschen Schlüssen führen.

Die beiden Studenten gehören zum Netzwerk für Demokratie und Courage. Das NDC klärt auf Einladung der Lehrer an Schulen in elf Bundesländern über menschenverachtende Ideologien auf. Allein im Großraum Leipzig waren es in den vergangenen zehn Monaten 149 Klassen in Mittelschulen und Gymnasien. Teils, wie in Brandis, holen engagierte Lehrer oder Schulsozialarbeiter die Leute vom NDC in den Unterricht, teils kommen aber auch Hilferufe von Lehrern, die mit ihren Schülern nicht mehr klarkommen.

So wandte sich kürzlich der Lehrer einer neunten Klasse aus Leipzig an das NDC. Bei einer fiktiven Schülerwahl hatten 9 seiner 16 Jugendlichen die NPD gewählt. Trotz Projekttagen und Aufklärung im Unterricht gelang es dem Lehrer nicht, den rechten Gedanken seiner Schüler entgegenzusteuern.

Als es um Ausländer geht, wird der Ton schärfer

Der Projekttag in Brandis beginnt locker. Im Stuhlkreis tauschen die Schüler Erfahrungen mit Rechtsextremismus aus. Fast jeder kann eine Geschichte erzählen. Die Jungs vor allem vom Fußball.

Fußball und Rechtsradikalismus, das ist in Brandis besonders aktuell. Im Oktober 2009 hatte dort eine Gruppe bewaffneter Neonazis ein Fußballspiel des linken Vereins Roter Stern Leipzig überfallen und mehrere Menschen schwer verletzt. Alle Schüler sind sich einig, dass die Brutalität nicht vertretbar ist. Aber ganz verurteilen will sie niemand. Schließlich hätten "die Linken" ihren Teil dazu beigetragen, dass die Situation eskaliert sei.

Es ist unruhig in der Klasse. Paul und Marianne haben Mühe, gegen das Durcheinander anzukommen. Was ist ein Vorurteil? Wie sieht ein klassischer Nazi aus? Was sind rechte Symbole und geheime Codes? Bilder, Filme, Diskussionen sollen diese Fragen klären. Als das Thema auf Ausländer kommt, wird der Ton schärfer. "Die ganzen Türken in Leipzig. Oder Berlin-Kreuzberg, da gibt's ja nichts anderes mehr", ruft ein Schüler.

Die "Wunderfrage" zwingt die Schüler zum Nachdenken

Paul und Marianne bleiben ruhig und fragen kühl: "Was meint ihr denn, wie hoch der Ausländeranteil in Sachsen ist?" "30, 40 Prozent", sagt ein Schüler. "Es sind knapp drei Prozent", erwidert Paul nüchtern. Ungläubig sehen ihn die Jugendlichen an.

Die "Wunderfrage" zwingt die Schüler zum Nachdenken: Stellt euch vor, über Nacht passiert ein Wunder, und alle menschenverachtenden Gedanken würden verschwinden, es gäbe keinen Rechtsradikalismus und keine Ausgrenzung mehr. Was wäre dann?

Jeder Schüler schreibt seine Antwort auf. "Weltfrieden" notieren einige, aber auch "Dann gäbe es keine Meinungsfreiheit mehr". Ein Mädchen ruft: "Ohne Nazis wäre in Deutschland keine Action." Marianne fragt, ob Action für sie bedeutet, dass Menschen schwer verletzt und totgetreten werden. "Das nicht unbedingt, aber so passiert wenigstens mal was", sagt die Schülerin. Paul schluckt und widerspricht.

"Wenn du ein bisschen bohrst, merkst du schnell, dass solche Äußerungen meist keine gefestigte Grundlage haben. Viele sind sich gar nicht bewusst, was so ein Satz bedeutet", sagt er hinterher.

Die Studenten reisen mit dem Mietwagen an - zur Sicherheit

Das wird klar, als die beiden Studenten einen Film zeigen, in dem ein Farbiger in der U-Bahn von Skinheads attackiert wird und nur wenige Fahrgäste eingreifen. Nach dem Video ist es so still wie an dem ganzen Tag nicht. Es dauert eine Weile, bis eine Schülerin spricht. "Ich hatte Mitleid mit dem Schwarzen", sagt sie - dieselbe, die eben noch die "Action" der Rechtsradikalen gepriesen hat. Aber ob sie selbst eingegriffen hätte? "Vielleicht."

Viele Schüler haben Rechtsextreme im Freundeskreis. So wie Eric, 17. Kürzlich fragte ihn ein Freund, ob er in die NPD eintreten wolle. "Erst wollte ich unbedingt, aber eigentlich weiß ich zu wenig über deren Themen. Die Politik überlasse ich lieber denen, die richtig Ahnung haben." Zum Beispiel dem Freund, Rechtsextremist, Eric vertraut ihm. "Von dem habe ich viel gelernt und erfahren über die Hintergründe."

Beim NDC-Projekttag sagt Eric, er fühle sich bedroht von Türken am Leipziger Bahnhof und habe schon oft "Stress" mit ihnen gehabt. Mit seiner Sympathie für die NPD steht er nicht allein. Die Partei sitzt in Sachsens Parlament; bei der letzten sächsischen Kommunalwahl 2009 fuhr sie 4,4 Prozent der Stimmen ein.

"Ich wollte mich umdrehen und gehen"

Das Schlimmste, was Paul bisher passiert ist, war ein Projekttag vor einer Klasse mit elf überzeugten Rechten. "Du kommst in den Klassenraum, und die sitzen vor dir mit einer großen 18 - dem Code für Adolf Hitler - auf dem T-Shirt. Ich wollte mich umdrehen und gehen." Nachdem die Schüler ihn als "Scheiß Zecke" beschimpften und bedrohten, brach er den Projekttag ab. Aus Sicherheitsgründen reisen die Teamer immer im Mietwagen an - schon das Nummernschild ihres Privatautos wäre ihnen eine zu heikle Information für die Schüler.

Erschöpft und ein wenig unzufrieden packen Paul und Marianne nach sechs Unterrichtsstunden ihre Taschen, stecken Bilder wieder ein, schieben Pinnwände zur Seite. "Ich finde es nicht schlimm, dass wir nicht alle Themen geschafft haben, die für heute auf dem Plan standen. Mich ärgert es viel mehr, wenn du ausführlich über Antisemitismus sprichst - und die Schüler sich in den Pausen als 'Drecksjude' beschimpfen. Dann frag ich mich: Wofür mach ich das eigentlich?", erzählt Paul.

Es gehe nicht darum, überzeugte Rechtsextremisten zu bekehren, hakt Marianne ein. Das sei schwer und an einem Tag gar nicht möglich. Vielmehr gehe es darum, die anderen darin zu bestärken, sich gegen rechtes Gedankengut zu stellen. "Wie nachhaltig das ist, weiß ich nicht. Aber wenn sie wenigstens auf dem Weg nach Hause noch mal über den Tag sprechen und in einer späteren Situation daran zurückdenken, haben wir viel erreicht."

Das formulierte Ziel des NDC heißt: "Maximale Verwirrung stiften". Das haben Marianne und Paul in der Mittelschule Brandis geschafft.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
HALHAL 15.04.2010
1. Danke!
Hochachtung und Dank an Paul und Marianne für ihre sicherlich oft frustrierende Arbeit. Es kann gar nicht darum gehen, an einem Tag tiefsitzende Vorurteile zu widerlegen - die Erfolge werden sich wenn überhaupt erst später zeigen, soviel ist klar. In der Stunde zuzugeben, daß man falsch lag, ist - selbst wenn die Erkenntnis schon so zeitig kommt - sicherlich zu viel verlangt. Interessant schien mir die Aussage eines Schülers, er habe am Leipziger Hauptbahnhof schon Ärger mit "den ganzen Türken" gehabt, die mich in meiner Annahme bestärkt, solche "Erlebnisberichte" - auch hier im Forum oft aus Neukölln kolportiert - entspringen der blühenden Phantasie der Berichtenden. In Leipzigs Innenstadtbezirken beträgt der Ausländeranteil durchaus ca. 20 % und liegt damit - im Osten wohl einmalig - tatsächlich auf westdeutschem Niveau. (Das gilt allerdings wirklich nur für das unmittelbare Zentrum, also den Innenstadtring und ein, zwei angrenzende Bezirke; insgesamt liegt der Ausländeranteil in Leipzig weit unter dem vergleichbarer westdeutscher Städte. Anders als im Westen handelt es sich hier jedoch i. d. R. tatsächlich um Migranten - "Wandernde" der ersten Generation, so daß Leipziger Schüler auch heute noch durchaus bis zum Abitur kommen können, ohne je einen Migranten kennengelert zu haben - in Brandis wird das die Regel sein.) Jedenfalls: Ich habe den Leipziger Hauptbahnhof drei Jahre lang im Schichtdienst zu allen Tages- und Nachtzeiten und Wochentagen frequentiert, und noch nie, noch nie, nie, nie bin ich dort mit "Türken" - derer gibt es in Leipzig nur sehr, sehr wenige, aber der brave Junge macht's wie er's bei seinen Eltern hört und nennt alles, was südländisch aussieht, Türken - aneinandergeraten. Das einzige Mal, daß ich mich bedroht fühlte, gab es im Zusammenhang mit einem Fußballspiel und Fans aus Aue (oder Zwickau?). Ein - wie sich bei der Antwort herausstellte, offensichtlich rußlanddeutscher - Jugendlicher, den ich mal auf das Rauchverbot hinwies (würde ich nach den Vorfallen in München wohl trotz dieser Erfahrung nicht mehr machen), war hingegen ganz friedlich. Diese angeblichen "Erfahrungen", mit denen Rassisten ihre menschenverachtende Haltung zu rechtfertigen suchen, sind in aller Regel erfunden! Man kann am Leipziger Hauptbahnhof von Betrunkenen herumgeschubst - einem Kollegen passiert -, vom Wachdienst besonders in den frühen Morgenstunden grundlos belästigt ("Sie dürfen hier nicht sitzen!"), oder von Punks angepumpt und durchaus auch mal angepflaumt werden - aber wie man's schaffen kann, in Händel mit den zumindest tagsüber und am frühen Abend durchaus wahrnehmbaren Gruppen von Schwarzen oder Arabern zu geraten, ist mir wirklich ein Rätsel, und das dürfte den Hunderttausenden, die täglich ein- und auspendeln und zur Straßenbahn eilen, ähnlich gehen.
b. a. 15.04.2010
2. Die giftige Brühe blub(b)ert
Dieser erste Satz macht schon klar (wie der gesamte Beitrag), dass es dringend nötig ist, mit langem Atem den gebrauchte-Windeln-farbigen Mördern, Totschlägern, Brandstiftern und Banditen entgegen zu treten. Überall, speziell aber bei Kindern und Jugendlichen. Denn dort wird Denken geprägt, und genau deshalb ist die Strategie von NPD und ihren Spießgesellen, sich an sie heranzuwanzen. Großen Respekt für die beiden hier Beschriebenen, wie auch alle anderen die sich öffentlich für Menschenrechte stark machen!
LenaKob 15.04.2010
3. ...
Das Projekt ist toll und ich denke, dass die Form des Projekttages mit jungen Teamern den Jugendlichen sehr gefällt. Leider ist das Projekt in Sachsen gefährdet, weil die schwarz-gelbe Landesregierung Sozialkürzungen im Jugendbereich plant. Aus einer Pressemitteilung des NDC Sachsen: "Ebenso wie viele weitere Projekte im Jugend- und Sozialbereich treffen die Kürzungen das NDC hart. Für alle soll es 30% weniger Mittel geben - womit die Jugendhilfearbeit in Sachsen massiv gefährdet wird." Schön, dass der Artikel vom NDC Sachsen handelt. Schade, dass das Projekt in Sachsen vielleicht bald eingeschränkt wird. Schade, dass der Artikel auf die finanzielle Situation nicht hinweist. Ist doch klar, dass sowas finanziert werden muß. Protestnote gegen die Kürzungen der sächsischen Landesregierung gibts online beim Kinder- und Jugendring Sachsen: http://www.kjrs-online.de/
grummeln, 15.04.2010
4. 1
Zitat von sysopWas sie an Schulen erleben, ist für Paul und Marianne oft schwer zu verdauen. Die Studenten engagieren sich gegen Rechtsextremismus an Schulen. Das Ziel: rechte Denkblockaden lösen, Schüler zum Nachdenken bringen. Doch das hält manchmal nur bis zur nächsten Pause - ein Unterrichtsbesuch in Brandis. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,683210,00.html
Aber dann doch bitte die Aufklärung-insbesondere, was den Gebrauch von antisemitischen und homophoben Schimpfwörtern betrifft, auch nach Neukölln, Kreuzberg, Moabit, Duisburg-Marxlohe tragen. Wäre auf die Resonanz der dortigen SchülerInnen sehr gespannt.
lionelhutz 15.04.2010
5. Haaaallooooooo
Die Rede war nicht von Arabern, sondern von deutschen Jugendlichen, die sich gegenseitig als "Drecksjuden" bezeichnen! Wie kommen Sie jetzt auf die Araber???
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