Neue Sozialstudie Top-Themen für Kinder sind Terror und Krieg

Sie können noch nicht lesen und schreiben, entwickeln aber erhebliches politisches Interesse. Grundschüler haben verblüffend früh Werte und Überzeugungen, ergab eine Studie von Sozialforschern. Ihr Fazit: "Wir haben alle unterschätzt, was Kinder bereits über Politik wissen."

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Krieg funktioniert eigentlich ganz einfach: "Der eine, der will das ganze Land, und der andere will das nicht, und dann kämpfen die gegeneinander und wer gewinnt, der kriegt dann das Land." Wer die Schuld trägt, ist auch klar: natürlich "der Bürgermeister". Und was kann man tun, um Krieg zu verhindern? "Die sollten sich wie Baden-Württemberg, die haben ja auch gegeneinander gekämpft, und da sollten sie sich auch so vertragen."

Große Politik, erklärt in den Worten einer Erstklässlerin, sieben Jahre alt.

Kleine Staatsbürger: Grundschüler wissen mehr über Politik, als Erwachsene es ihnen zutrauen
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Kleine Staatsbürger: Grundschüler wissen mehr über Politik, als Erwachsene es ihnen zutrauen

Wer Grundschüler fragt, was sie denken über Hunger, Umweltverschmutzung, Terrorismus, den Kopftuchstreit oder Arbeitslosigkeit, der bekommt keine druckreifen Sätze - aber er stößt auf etwas anderes: auf politisches Interesse, auf Grundhaltungen, Werte, Überzeugungen. Und er erfährt, wie viel bereits Kinder am Anfang ihrer Schulzeit über Politik wissen. Es kommt jedoch darauf an, wie man fragt.

Jahrzehntelang konzentrierten sich Politikwissenschaftler und Soziologen auf Jugendliche. Wie selbstverständlich gingen sie davon aus, dass politisches Wissen und Denken erst irgendwann mit der Pubertät einsetzt - als würde das rein hormonell gesteuert. In der Diskussion um das Absenken des Wahlalters wird eher der Vorschlag für voll genommen, 16-Jährige wählen zu lassen. Grundschülern aber traut niemand so recht zu, dass sie ein Interesse oder gar ein Gespür für politische Argumente mitbringen.

Wann politisches Denken und Wissen beginnt

"Der Common Sense war: Kinder wissen nichts über Politik", sagt Jan van Deth vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Der Politologe war selbst skeptisch zu Beginn eines groß angelegten Forschungsprojekts: Mit einer Forschergruppe befragte er dreimal binnen vier Jahren mehrere hundert Mannheimer Grundschüler - zum Schulbeginn, nach dem ersten Schuljahr und erneut am Ende der vierten Klasse.

Die Wissenschaftler wollten herauszufinden, wann das einsetzt, was sie "politische Sozialisation" nennen. Ihr Projekt nannten sie "Demokratie leben lernen". Im Mittelpunkt steht die Frage: Wann wird, wie van Deth sagt, "der Grundstein für die Entwicklung einer demokratischen Persönlichkeit gelegt"?

Die Forscher mussten Schwierigkeiten meistern, die sonst bei politischen Umfragen eher selten vorkommen: Erstklässler können in der Regel weder schreiben noch lesen. Also interviewten die Forscher zunächst elf Kindergartenkinder und entwarfen dann Fragebögen, die ganz ohne Zahlen und Buchstaben auskommen.

Ein Fragebogen ganz ohne Text

Kleine Bilder und Symbole stehen für die großen Themen und Amtsträger: ein Panzer für Krieg, ein Mann hinter einem Rednerpult für den "Bestimmer". Anhand von Kinderwagen, Waschmaschine und Auto sollten die Kinder die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau beschreiben. Antworten konnten sie, indem sie Lachgesichter ("Smileys") für "ja" und Weingesichter ("Heulies") für "nein" ankreuzten. Statt die Fragen zu nummerieren, kennzeichneten die Forscher sie ebenfalls mit Symbolen: von der Pokal- bis zur Schlüsselfrage.

Jeden Fragebogen ging ein Wissenschaftler Schritt für Schritt mit den Kindern durch. Erst bei der Viertklässler-Befragung kamen normale Schrift-Fragebögen zum Einsatz - ähnliche Inhalte, aber neue Köpfe. So wurde ein Bild von Gerhard Schröder ausgetauscht durch die Frage: "Kennst du Namen von Politikern und Politikerinnen?" Immerhin fast zwei Drittel schrieben Angela Merkel in ein gelbes Kästchen neben der Frage. Sieben Prozent der Befragten kannten Gerhard Schröder, fünf Prozent George W. Bush.

Rund 750 Kinder an 19 Mannheimer Grundschulen befragten die Forscher, 431 Kinder nahmen an allen drei Befragungen teil. Die Ergebnisse zeigen, dass politisches Denken wesentlich früher einsetzt als bislang angenommen. Und: Das politische Wissen der Grundschüler ist schon zu Beginn der ersten Klasse ganz passabel und wächst im Laufe der Grundschulzeit. "Kinder sind in Bezug auf Politik und Gesellschaft eben keine unbeschriebenen Blätter", sagt Sozialforscher Markus Tausendpfund.

Türkische Kinder interessieren sich nicht für Kopftuchstreit

Es hängt aber stark von der Schichtzugehörigkeit ab und davon, ob beide Eltern aus Deutschland kommen. Einfach gesagt: Kinder aus Mittelstandshaushalten, in denen viel geredet und gelesen wird, wissen deutlich mehr über Politik und denken intensiver darüber nach als Kinder "nicht-deutscher Herkunft oder aus einer niedrigen sozioökonomischen Wohnumgebung", wie es in holperigem Wissenschaftlerjargon heißt. Wie oft jemand Fernsehnachrichten guckt, scheint hingegen keine allzu große Rolle zu spielen.

"Eigentlich merkwürdig" findet es van Deth, dass Kinder aus armen Familien seltener etwas von Arbeitslosigkeit gehört haben als Mittelstandskinder. Auch türkische Kinder geben seltener an, sich mit Themen wie dem Kopftuchstreit und Migration zu beschäftigen als deutsche. Die Grundschule steigert zwar bei allen Kindern das politische Wissen, schafft es aber nicht, den Vorsprung der Wohlbetuchten auszugleichen.

"Wir mussten feststellen, dass die Unterschiede bleiben und sich von der ersten bis zur vierten Klasse verstärken", sagt van Deth. "Ich hatte gehofft, dass die Unterschiede ausgeglichen werden und die Schule Lücken kompensiert. Doch das ist leider nicht so."

Das Top-Thema zu Beginn der ersten Klasse war bei allen Kindern, unabhängig von Alter und Geschlecht: Terroranschläge. Am uninteressantesten fanden sie Migration. Bei den Viertklässlern interessieren sich Mädchen eher für soziale Themen, Jungen nach wie vor hauptsächlich für Terror und Krieg.

Der Bestimmer und die Spatzen

Die Kinder haben auch gesagt, welches Verhalten sie mit einem "Preis für gute Bürger" belohnen würden. "Jemand, der anderen hilft", gaben fast alle (95 Prozent) an, dicht gefolgt von "jemand, der sich an Regeln hält". Nicht so preiswürdig fanden sie "jemanden, der oft zur Wahl geht" (27 Prozent) oder "jemanden, der viel Geld hat" (9 Prozent).

Zu Beginn der ersten Klasse gaben 40 Prozent der Befragten "dem Bestimmer" die Schuld an der Arbeitslosigkeit, gefolgt von "man selbst" mit rund 20 Prozent und "Gott" mit weniger als vier Prozent. Der Rest gab an, es nicht zu wissen.

Noch in den Interviews vor Beginn der eigentlichen Studie hatten ein paar Kinder gesagt, der Bundeskanzler sei der "Chef von Deutschland", er müsse "klug sein" und "lieb". Er habe aber auch mal Zeit, "sich aus dem Fenster die Spatzen anzuschauen".

Zum Ende der vierten Klasse wussten fast zwei Drittel der befragten Schüler, wer in Deutschland wie viel zu bestimmen hat: Sie entschieden sich für den Bundeskanzler. Gut 50 Prozent befanden, der Bürgermeister entscheide "etwas" - und der König nichts.

"Wir haben die Kinder alle unterschätzt"

Eltern waren überrascht, womit sich ihre Kinder beschäftigen. Manche riefen besorgt bei den Wissenschaftlern an. Vor allem wollten sie wissen: Wie hat mein Kind abgeschnitten? Zur Zeit der Umfrage im Schuljahr 2004/2005 schwappte noch die Pisa-Panik-Welle durchs Land.

Aber um Leistungstests ging es van Deth und seinem Team überhaupt nicht. Sie wollten vor allem Grundlagenwissen sammeln. "Wir haben alle unterschätzt, was Kinder bereits über Politik wissen", sagte van Deth SPIEGEL ONLINE. Nach der ersten Fragerunde war er noch verblüfft, jetzt nach der dritten zeigt er sich vor allem bestätigt. Doch mahnt der Forscher auch: Die Schule müsse sich stärker auf benachteiligte Gruppen konzentrieren. Schließlich seien auch diese Kinder die Wähler von morgen.

Zum Start der Studie hatten die Forscher noch mit einem weiteren Problem zu kämpfen, das in der Wissenschaft eher selten vorkommt: Die Schüler wollten die Fragebögen einfach nicht wieder rausrücken. So viel Mühe hatten sie sich beim Ausmalen und Ankreuzen gegeben, so begeistert waren sie bei der Sache - da sahen sie gar nicht ein, warum die Wissenschaftler ihnen die Zettel wieder wegnehmen wollten. "Von Politikverdrossenheit keine Spur", sagt van Deth.

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Tarja13, 11.12.2008
1.
Zitat von sysopVon wegen Politikverdrossen: Schon in der Grundschule haben Kinder eine Meinung zu Krieg, Hunger, Terrorismus. Forscher haben Neuland betreten und die politischen Überzeugungen von ABC-Schützen erkundet. Viele Eltern halten diese Erkundungen für überflüssig - sind Kinder zu klein für Politik?
Oh prima. Also nun auch noch das Wahlrecht für 6jährige? Ganz großes Kino, wirklich! Aber praktisch für die Politik: Künftig könnte man Stimmen schon mit einem Kinderriegel kaufen. Die EU ist damit natürlich mittelfristig am Ende. Da reicht dann ein auf Ibiza weggenommenes Sandförmchen aus, um D und E zu entzweien. Mit F sind wir dann abwechselnd ganz doll befreundet oder wollen gerade nichts damit zu tun haben. Mit GB und I erst recht nicht, denn wie schon Asterix wusste: Die spinnen, die Römer/Briten... Am meisten würde aber unsere Kanzlerin davon profitieren: Dann könnte sie sich endgültig aus der Realpolitik komplett heraushalten und nur noch diffus dahersalbadern. Hauptsache, es klingt nett. In Bayern wird dann Hitzefrei wieder eingeführt, damit die CSU endlich wieder über 50 % kommt. Einzig möglicher positiver Effekt: Vielleicht würde dann das unsäglich verhunzte G8 in Bayern wieder kassiert, weil nämlich auf einmal die davon Betroffenen wählen könnten...
inci 11.12.2008
2.
Zitat von sysopVon wegen Politikverdrossen: Schon in der Grundschule haben Kinder eine Meinung zu Krieg, Hunger, Terrorismus. Forscher haben Neuland betreten und die politischen Überzeugungen von ABC-Schützen erkundet. Viele Eltern halten diese Erkundungen für überflüssig - sind Kinder zu klein für Politik?
wie erst die ABC-schützen? viel zu spät, so was sollte man schon bei den dreijährigen im kindergarten untersuchen.
M. Michaelis 11.12.2008
3.
Zitat von sysopVon wegen Politikverdrossen: Schon in der Grundschule haben Kinder eine Meinung zu Krieg, Hunger, Terrorismus. Forscher haben Neuland betreten und die politischen Überzeugungen von ABC-Schützen erkundet. Viele Eltern halten diese Erkundungen für überflüssig - sind Kinder zu klein für Politik?
Natürlich sind sie dafür zu kein. In diesem Alter werden sie lediglich indoktriniert. Die Komplexität der Realität dieser Phänomene kann von den Kindern nicht erfasst werden, zumal ja schon die Erwachsenen damit überfordert sind.
Dschinny, 11.12.2008
4.
Klar bilden sich Kinder zu allem Ansichten, was um sie herum ist, also auch Politik - was ist daran überraschend? Andererseits: nur weil ein Kind weis, wo der Kühlschrank steht, heisst es noch lange nicht, dass es auch kochen kann. Echte Meinungsbildung ist etwas anderes, die hängt nicht unbedingt vom Alter ab, sondern von der Fähigkeit, Information aus verschiedenen Quellen zu beschaffen, aufzunehmen, zu verstehen und zu bewerten, sich eine Meinung zu bilden und diese auch allgemein verständlich zu äußern. Damit hapert es nun mal, wenn man noch nicht lesen oder schreiben kann, mit den Tücken der Grammatik kämpft und in seiner Informationsbasis davon abhängig ist, was einem Eltern und Lehrer vorsetzen. Solche Meinungsversatzstücke machen sich Kinder aus mehr oder minder begründetem Vertrauen zu eigen. Zur Entscheidung ob richtig oder falsch fehlt i.d.R. die Erfahrung bzw. Vergleichsmöglichkeit. Der Informationsgehalt der meisten Fernsehsendungen zur Kinderzeit geht gegen Null. Ansonsten wirkt hier der Lernmechanismus in gegenteiliger Richtung: Kein Vertrauen - Keine Prägung. Zum Glück. Kinder, die jeden x-beliebigen Müll für bare Münze nehmen würden wären ein Alptraum. Aber ehrlich gesagt: auch viele Erwachsene sind in dieser Hinsicht nicht politikfähig.
yato, 11.12.2008
5. Kinder sollten ab 8 oder 10 Jahren wählen dürfen
Zitat von sysopVon wegen Politikverdrossen: Schon in der Grundschule haben Kinder eine Meinung zu Krieg, Hunger, Terrorismus. Forscher haben Neuland betreten und die politischen Überzeugungen von ABC-Schützen erkundet. Viele Eltern halten diese Erkundungen für überflüssig - sind Kinder zu klein für Politik?
...wenn 90jährige mit getrübten sinnen politisch wählen dürfen, dann sollte dies Kinder, um deren zukunft es ja geht, dies erst recht tun dürfen. Ich habe einmal ein 8jähriges Mädchen sprechen hören"..die sind doch alle bekloppt mit ihren Kriegen und all der Gewalt..." klüger, treffender und emotionaler hätte man dies einfach nicht sagen können. ich empfinde es als ungerecht, das dieses kind nicht wählen darf (früher wurde das wahlrecht frauen verweigert, heute den jugendlichen, beides ist unrecht!) übrigens zu jedem wahlschein sollte künftig von jeder partei ein DIN A4 Zettel mitgeliefert werden in dem verständlich steht, was ihre politik ist (mit webadresse zur weiteren info). ..es war ein kind, das bemerkt hat, dass der kaiser keine kleider trägt. deshalb hat sich grönemeyer sehr wohl was dabei gedacht, als er sagte: kinder an die macht!
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