Neues Lernen Die pädagogische Revolution hat begonnen

Stillsitzen, Gleichschrittpauken, Frontbeladung: Vom klassischen Programm haben sich manche deutsche Schulen abgewandt. Sie erproben neues Lernen, individuell und mit aufregenden Projekten. Denn den besten Schulen ist jedes einzelne Kind wichtig - eine Rundreise.

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Wenn Gäste in die Berliner Hannah-Höch-Schule kommen, sind sie meist ein wenig ratlos. Sie finden in der Grundschule fast alles, was man von Schulen so gewohnt ist, Kinder, Pädagogen, Bücher - nur richtige Klassenzimmer, die gibt es nicht mehr. "Wir denken Schule völlig neu", sagt Michael Tlustek, Rektor der Höch-Schule. Und dann erzählt er, wie seine Lehrer zusammen mit Architekturstudenten die Wände aus den Klassenzimmern herausgerissen haben, um sogenannte Lernetagen einzurichten. Landschaften des Lernens sind das.

In einem dieser 400 Quadratmeter weiten Areale treffen die Besucher nun zum Beispiel Lisa und Marie. Die beiden sechsjährigen Mädchen arbeiten gerade an ihrem Wochenplan - ganz allein. Eine Lehrerin ist zunächst nicht zu sehen. Nach und nach sind 80 Schüler zu entdecken. Auf einer Tribüne sitzen ein paar Schüler, die sich in Büchern vertieft haben. In einer Ecke ruht ein Mädchen sogar, auf Kissen gebettet. Hinter einem Raumteiler steht schließlich doch eine Lehrerin vor einer größeren Gruppe von Schülern und erklärt etwas. Wenn Gäste verwundert fragen, wo hier eigentlich gelernt wird, dann tippt sich Rektor Tlustek gern mal man an die Stirn: "Hier oben, im Kopf."

Die Hannah-Höch-Schule ist nicht allein. Egal ob in der Bodenseeschule ganz im Süden der Republik, der Reformschule Hamburg-Winterhude, der Montessori-Oberschule in Potsdam oder der Grundschule an der Kleinen Kielstraße in Dortmund (eine der offiziell "besten Schule Deutschlands"): Ein gutes hundert Schulen in Deutschland macht inzwischen ganz anders Schule. Sie haben die alte industrielle Schule abgeschafft. Das war eine Schule, in der Schüler wie Arbeiter Dinge in ihren Kopf einbauen sollten, die Lehrer an einem Fließband namens Lehrplan vor ihnen abspulten. Die neue Zauberformel heißt individuelles Lernen statt Frontalunterricht, heißt selbständig an Schülerprojekten arbeiten statt "Schlagt bitte alle Seite 35 auf".

Ulrike Kegler, Rektorin der Montessori-Schule in Potsdam und eine der wichtigsten Protagonistinnen des neuen Lernens, meint: "Wenn Sie die Tafel aus dem Klassenzimmer herausnehmen, passiert schon ganz viel." Dann könne der Lehrer nämlich nicht mehr von vorne wie ein Belehrender agieren, mit der Gesetzestafel als Absicherung im Rücken. Dann muss er eine neue Rolle einnehmen.

Fördern nach dem individuellen Leistungsstand

Als die Lehrerin an der Grundschule in Köln-Rösrath das Übungsblatt verteilt, bricht große Enttäuschung aus. "Oh, Frau Rock, ich will nicht immer nur Plus und Minus rechnen", schimpft der kleine Marc. Auch die Hand von Florian schnellt hoch. "Ich finde das zu einfach. Ich bin in meinem Übungsheft längst beim Malrechnen." Während die beiden kleinen Schlauberger noch protestieren, ziehen die ersten Mitschüler bereits von dannen. Marc und Florian bekommen eine andere, viel schwerere Aufgabe - obwohl sie in der gleichen Klasse sind.

"Es kommt nicht darauf an, dass alle in Mathe zugleich lernen, bis 20 zu addieren", erklärt Lehrerin Nina Rock. "Wichtig ist vielmehr, an welcher Stelle das jeweilige Kind laut seinem Plan ist. So kann es immer genau nach seinem Leistungsstand gefördert werden." Die 33-Jährige praktiziert etwas, das nach und nach in allen Grundschulen Deutschlands Einzug halten soll: jahrgangsübergreifender Unterricht. Erst- und Zweitklässler lernen gemeinsam in einem Klassenzimmer. Das bedeutet aber auch, dass die Lehrer ein Dilemma lösen müssen: Wie kann man dafür sorgen, dass jeder Schüler in seinem Lerntempo arbeiten kann? Und doch kein Schüler zurückbleibt?

Von wegen Kuschelpädagogik

Der Lehrer redet, alle Schüler hören zu - das war gestern. Das Lernen von morgen sieht anders aus. Fast immer gehören dazu die sogenannte Freiarbeit, Wochenpläne und Schülerprojekte. Der Lehrervortrag von vorne (Szenejargon: Frontbeladung) ist nicht abgeschafft, aber ziemlich selten geworden. Wie diese Lernformen arrangiert werden, ist von Schule zu Schule anders. Das Prinzip aber ist immer dasselbe. Die Schüler sind es, die sich möglichst selbständig den Stoff erarbeiten sollen.

Wie dieses Lernen abläuft, kann man auch gut an der Reformschule Hamburg-Winterhude beobachten. Sechs Wochen pro Jahr arbeiten Schüler der Achten und Neunten dort an Aufgaben, die sie sich selbst gestellt haben. Ein Junge recherchierte bei der Fußball-WM, wie Fußbälle in Kinderarbeit entstehen. Er berichtete hinterher nicht nur über die unmenschlichen Bedingungen, unter denen Kinder in Pakistan die Bälle fertigen. Er nähte auch eigenhändig einen Fußball zusammen. Eine Mitschülerin schrieb, komponierte und spielte derweil ein eigenes Musikstück - und produzierte es anschließend in einem Profi-Studio. Die Ergebnisse der Projekte werden vor 400 Zuschauern vorgeführt, denn dann sieht die ganze Schule zu, inklusive Eltern und Freunden. "Jeder Schüler weiß, das ist nicht irgendeine Präsentation", sagt Schulleiter Martin Heusler, "das ist unsere große Leistungsshow."

Die ungekrönten Könige des Projektlernens aber sind die Schüler der Helene-Lange-Gesamtschule in Wiesbaden. Dort akquirierten 14-Jährige für ihr Filmprojekt 30.000 Euro Fördergelder. Sie heuerten einen professionellen Regisseur an und, als ihre eigenen Künste nicht mehr reichten, einen Toningenieur. Der musste allerdings vorher ein Bewerbungsgespräch über sich ergehen lassen - vor den Teenies des Produktionsteams. Unglücklicherweise wurde der Streifen bei Jugendfestivals nicht angenommen. Dafür lief er in Haarlem bei einem richtigen Wettbewerb. Das sind Leistungen, die im Stinknormal-Unterricht an Regelschulen kaum möglich scheinen. Auch bei den Pisa-Ergebnissen schneiden die neuen Reformschulen sehr gut ab.

"Diese ganze Reformscheiße ist doch ein Lehrer-Trick"

Deswegen können die Fans des neuen Lernens mit dem alten Vorwurf der Kuschelpädagogik wenig anfangen. Die ehemalige Leiterin der Helene-Lange-Schule, Enja Riegel, hat einen alten FDP-Slogan entlehnt, um zu zeigen, wohin das neue Lernen heute zielt: "Leistung muss sich wieder lohnen." Sie meint damit das alte Dilemma des Frontalunterrichts, der die Regelschulen laut Videostudien ja immer noch stark dominiert. Er kann sich immer nur an ein Mittelmaß richten, die besseren Schüler aber langweilen sich, und die schlechteren kommen nicht mehr mit.

Die neuen Schulen räumen damit auf, indem sie verschiedene Lernformen anwenden. Die Potsdamer Rektorin Kegler sagt über das Prinzip etwas, was man eher in einem Olympiatrainingszentrum erwartet hätte als an einer Schule: "Wir versuchen das Maximum aus jedem unserer Schüler herauszuholen." Allerdings gibt es dafür im Gegenzug etwas, was der selektiven Regelschule nicht selten fremd ist - Hilfe. Denn das Prinzip der neuen deutschen Schulen heißt fast immer: Kein Kind darf zurückbleiben. "Mein oberstes Paradigma ist: große Herausforderungen - bei guter Unterstützung", sagt Rektorin Kegler.

Auch die Schüler haben inzwischen gemerkt, was neues Lernen für sie bedeutet. "Das ist das letzte", regt sich Dennis, 15, auf. Er gehört zu jenen Schülern, die Winterhude noch als normale Schule erlebt haben. Jetzt aber, wenige Jahre, nachdem dort das neue Lernen Einzug gehalten hat, müssen die Jungs auf ihren letzten Metern noch Reformschule mitmachen. "Diese ganze Reformscheiße ist ein gigantischer Trick der Lehrer", sagt Dennis' Kumpel Sven dazu: "Die Lehrer wollen überhaupt nichts mehr leisten. Wir sollen uns das jetzt alles selber erarbeiten." Selbständiges Lernen erfordert mehr Engagement des Schülers.

Nächste Woche beschreibt Christian Füller auf SPIEGEL ONLINE, wie die Kultusminister das neue Lernen und die Gesamtschulen per Geheimbeschluss sabotierten. Füller ist Redakteur der "taz" und Autor des neuen Buches "Schlaue Kinder, schlechte Schulen: Wie unfähige Politiker unser Bildungssystem ruinieren - und warum es trotzdem gute Schulen gibt" (Verlag Droemer-Knaur).



Forum - Die ideale Schule - wie soll sie sein?
insgesamt 1075 Beiträge
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Seite 1
Die_Geistwurst, 26.03.2008
1.
Zitat von sysopStillsitzen, Gleichschrittpauken, Frontbeladung: Vom klassischen Programm haben sich manche deutsche Schulen abgewandt. Sie erproben ein neues Lernen, individuell und mit aufregenden Projekten. Was ist Ihre Meinung: Wie sollen Schule und Unterricht am besten sein?
Individuelles Lernen ist - das nur am Rand - gar keine neue, sondern eine alte Idee, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in reformpädagogischen Konzepten beschrieben wurde, z. B. bei Bernfeld.
Dr.Strangelove, 26.03.2008
2. Finnland haha
Es gab auf einem skand. Sender eine Doku-Reihe in der Lehrer als Dänemark, Schweden, Norwegen und Schweden die Arbeitsplätze getauscht haben. Es gibt zwar in Finnland eine individuelle Förderung, aber der Unterricht ist weitgehend frontal., während Dänemark und Schweden eher offene Arbeitsformen bevorzugten. Offene Arbeitsformen oder Frontalunterricht beide können vorteilhaft sein, wenn Sie dann richtig durchgezogen werden und es eine Selbstüberprüfung gibt. Ohne eine ständige Selbstkontrolle wird jede Unterrichtsform erstarren und gegen die Kinder arbeiten. Und das ist es, was in Deutschland zu fehlen scheint.
carlosowas, 26.03.2008
3. Erziehungsmethoden in der Geschichte
Alle 50 Jahre fällt man bei den Erziehungsmethoden von einem Extrem ins andere. Das ist oft politisch motiviert oder von Wichtigtuern unter den Pädagogen gefördert. Die älteren von uns haben noch die stenge Erziehungsmethode aus der Kaiser- und Nazizeit mitbekommen, also mit Prügelstrafe. Heute würde ein Lehrer mit dieser Erziehungsmethode in den Knast kommen. Aber gute Soldaten für den 1. und 2. Weltkrieg hat sie uns beschert. J.-J. Rousseau hat einen Erziehungsroman geschrieben und seine eigenen vier Kinder ins Waisenhaus geschickt. Das sagt doch alles. Theoretikern sollte man bei Erziehungsmethoden keinen Glauben schenken. Die Menschheit ist viele tausend Jahre alt, die richtige Erziehungsmethode ist immer noch nicht gefunden. Ähnliches gilt für die Sexualität; die haben die Menschen trotz Religionen, Philosophien und Psychologien immer noch nicht begriffen. Vielleicht gibt es da nichts zu begreifen; deshalb die vielen zum Teil widersprüchlichen Theorien dazu. Aber funkioniert hat es trotzdem irgendwie.
von wegen, 26.03.2008
4.
Bin ich mit der Zeitmaschine unterwegs gewesen, oder lese ich ne Spiegel Online Ausgabe aus den siebzigern ? Das ganze Schulsystem hat sich doch schon lange verändert (Stichwort 68er) meiner Meinung nach nicht immer zum besseren. Ich selbst, hatte in den frühen 80igern in Hessen fast nur Lehrer mit langen Haaren/Bärten. Die uns ständig auf Demos schickten mit uns per du waren und keinen Wert auf Hausaufgaben legten. Habe nix gegen Reformen ganz im Gegenteil, aber was damals begann war keine Reform sondern eine Revolution von Illusionisten/innen.
testthewest 26.03.2008
5.
Zitat von sysopStillsitzen, Gleichschrittpauken, Frontbeladung: Vom klassischen Programm haben sich manche deutsche Schulen abgewandt. Sie erproben ein neues Lernen, individuell und mit aufregenden Projekten. Was ist Ihre Meinung: Wie sollen Schule und Unterricht am besten sein?
Ach, die ganzen neuen Konzepte sind doch naiv. Kein Mensch will lernen, dazu ist er von Natur aus zu bequem. Es muss schon die sprichwörtliche Not kommen, um ihn erfinderisch zu machen. Lernen ist anstrengend, und heutzutage gibt es auch zuviele Distraktoren wie Fernsehen, Internet, Spiele usw. welches ein konzentriertes Auseinandersetzen mit einem Fach zusätzlich erschweren. Der Frontalunterricht ist im Endeffekt das Beste, oder anders ausgedrückt: Am besten man liest konzentriert ein Buch...das ist meist besser als der bunteste Vortrag. Indiviuelles Lernen sollte privat durchgeführt werden. So wie es jedem selber überlassen ist wie er sich auf eine Prüfung vorbereitet. Die Schule mit so "pseudomodernen Lernkonzepten" zu fluten, wird gewiss nicht in besseren Schülern münden.
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