Marode Schulen Wegen Steinschlag geschlossen

Risse in der Fassade, Hohlräume in den Wänden: Im hessischen Neukirchen mussten kurz vor den Ferien fünf Schulgebäude geschlossen werden - wegen Einsturzgefahr. Bundesweit müssten viele Schulen dringend renoviert werden.

Demonstranten protestieren im November 2017 gegen Baumängel an Schulen in Berlin
DPA

Demonstranten protestieren im November 2017 gegen Baumängel an Schulen in Berlin


Plötzlich ging alles ganz schnell: Ein Trakt der Astrid-Lindgren-Grundschule in Neukirchen in Nordhessen wurde Mitte Juni von einem Statiker als nicht mehr standsicher eingestuft, die Klassen mussten evakuiert werden. An den letzten Tagen des Schuljahres haben die Lehrer improvisiert: Stunden in Ausweichgebäuden, mehr Exkursionen als geplant. Auch in der benachbarten Steinwaldschule, einer Gesamtschule, wurden Gebäudeteile abgesperrt - Einsturzgefahr.

Er wolle den Eltern versichern, "dass die Sicherheit lhres Kindes und unserer Schülerinnen und Schüler an erster Stelle steht", schreibt Olaf Rödiger, Leiter der Steinwaldschule, in einem Elternbrief. Bei Sanierungsmaßnahmen seien die Mängel in der Statik entdeckt worden. Insgesamt fünf Gebäude, Baujahr 1963, wurden gesperrt.

Bei einer Sondersitzung des Kreistagsausschusses konnten die Behörden noch keine Entwarnung geben. "Die Prüfstatiker sind angefordert, wir haben aber noch keine Terminzusage", sagt Stephan Bürger, Sprecher des Schwalm-Eder-Kreises. Wie es mit den Schulgebäuden weitergeht, ist deshalb noch unklar.

Dass Schulen wegen Einsturzgefahr nicht mehr betreten werden dürfen, ist kein Einzelfall.

  • Die Johann-Amos-Comenius-Hauptschule in Köln-Zündorf ist seit dem 27. Juni geschlossen: Weil in den Zwischendecken Stare brüten, fällt immer wieder Vogelkot von der Decke und die Raumluft ist mit Vogelmilben belastet. Auch ohne die Piepmätze ist das Gebäude sanierungsbedürftig. Im Winter fällt immer wieder die Heizung aus, Fenster sind undicht und haben unerlaubt scharfe Kanten.
  • In Kassel wurde Ende April ein 1946 errichtetes Gebäude der Paul-Julius-von-Reuter-Schule, einer berufsbildenden Schule, gesperrt. Grund dafür sind schwere Schäden an der Betondecke, die bei Sanierungsarbeiten aufgefallen waren. Die elf betroffenen Klassen mussten in andere Räume umziehen, sagte ein Sprecher der Stadt auf SPIEGEL-Anfrage. An einem weiteren Gebäude hat sich die Außenwand abgesenkt. Die mittlerweile vorliegenden Gutachten zeigten, "dass auf absehbare Zeit ein Gebäudeabriss und Neubau wirtschaftlicher ist" als weitere Sanierungsarbeiten.
  • Im Februar musste in Berlin die Carl-Kraemer-Grundschule im Wedding gesperrt werden. Auch hier: Risse in den Wänden, absturzgefährdete Zwischendecken, dazu Wasserschäden und Schimmelbefall. Der ist so stark, dass der Keller der Schule bereits seit längerer Zeit nicht mehr betreten werden darf.
  • Im Herbst 2017 war ebenfalls in Berlin an einer Spandauer Sekundarschule nach einem Wasserschaden eine abgehängte Decke abgestürzt - zum Glück, als die Schule leer war. Als vor wenigen Tagen Gewerkschafter zu einem Presserundgang durch die Carlo-Schmid-Oberschule eingeladen hatten, grätschte der Bezirksbürgermeister dazwischen: Er untersagte den Journalisten den Besuch, weil Bilder aus der Schule "nicht repräsentativ" seien, berichtet die "Berliner Morgenpost".

Möglicherweise liegt er mit dieser Einschätzung falsch: Bundesweit wird der Sanierungsbedarf an Schulgebäuden auf 34 Milliarden Euro geschätzt. "Einsturzgefährdete Schulen setzen unsere Kinder und auch unsere Lehrkräfte einer Gefahr für Leib und Leben aus", sagt Brigitte Koch, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW in Hessen.

Die verantwortlichen Bildungspolitiker müssten sich "darüber Gedanken machen, ob es generationengerecht ist, dass Kinder und Jugendliche oft in unansehnlichen und maroden Schulen unterrichtet werden", so die Gewerkschafterin.

Für solche grundsätzlichen Diskussion fehlt allerdings im hessischen Neukirchen gerade die Zeit: Der Landkreis arbeitet mit Hochdruck daran, den Unterricht nach den Sommerferien wieder sicherzustellen - mit Containern, in denen die Schüler erst einmal lernen müssen.

him

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insgesamt 12 Beiträge
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benuron 28.06.2018
1. Berlin, Hessen, Nürnberg
Im Artikel klingt es so, als sei die Lage im armen aber enorm sexy Berlin a prekärsten. In Nürnberg wurde das Pirckheimer Gymnasium drei Jahe lang eingerüstet, weil Gefahr durch herabfallende Ziegel und Putz bestand. Saniert wurde in dieser Zeit nichts. Zum 50. Jubiläum der Schule dieses Jahr ließ der Direktor nun das Gerüst abbauen, weil das einfach nicht schön aussieht. Die Gefahr von abbröckelnden Fassadenteilen und Ziegeln ist dieses Jahr offensichtlich nicht mehr so groß. Nächstes Jahr wird das Gerüst wieder aufgestellt. Nein, das ist kein Witz, das ist ganz, ganz in echt und wirklich so
bafibo 28.06.2018
2. Merkwürdig
Ich möchte vermuten, daß alle erwähnten Schulgebäude im 20. Jahrhundert, und da überwiegend in dessen zweiter Hälfte, errichtet wurden. Ich selbst hatte nur Unterricht in Schulen, deren Gebäude vor 1900 errichtet worden waren. Der Verdacht liegt nahe, daß diese in traditioneller Bauweise erstellten Gebäude mindestens wartungs- und sanierungsfreundlicher sind als ihre modernen Nachfolger. Ich habe zudem den Eindruck, daß die Dauerhaltbarkeit und Wartbarkeit moderner Konstruktionen nicht ausreichend überwacht werden. Irgendwann erlebt man dann ein Desaster wie mit den extrem feuergefährlichen externen Dämmplatten, die zudem auch noch gern von Spechten zerlöchert werden.
Plasmabruzzler 28.06.2018
3.
Und wieder einmal zeigt sich eindrucksvoll: es muss in die Infrastruktur in Deutschland investiert werden. Die Beispiele dafür werden zahllos und so langsam wird man wohl den Überblick verlieren, wo man am besten anfangen soll. Es geht hierbei ja nicht um riskante Renditeobjekte, sondern um essentielle Dinge wie Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Brücken, Straßen, Tunnel usw. Dafür muss einfach Geld da sein, ansonsten stelle ich in Frage, warum ich überhaupt Steuern zahle.
adamk 28.06.2018
4. Da fehlen aber noch einige Schulen
Auch bei uns hier (BaWü) ist eine Schule jetzt seit 4 Jahren geschlossen, weil irgendwas mit Statik. Passiert ist bisher nichts. Eine andere Schule wurde letztes Jahr geschlossen, weil man sanieren wollte. Passiert ist bisher ebenfalls nichts. Hier hat jetzt sogar das beauftragte Architekturbüro die Reißleine gezogen und den Auftrag storniert. Eine Sporthalle die gleich von 3 Schulen genutzt wird: Geschlossen. Sanierung nicht einmal in der Planung. Baden-Württemberg.
stiller-denker 28.06.2018
5. Schulen der Gründerzeit weiterhin sicher
In unserer Region (zentrales NRW) sind ausschließlich ca. 40 bis 60 Jahre alte Gebäude marode. Diese werden mit so hohem Aufwand saniert, daß ich mich frage, warum nicht Abriss und Neubau nach einheitlichem Standard, wie z.B. McDonalds und ALDI? Die alten Gründerzeit Schulen brauchen nur zusätzliche Fluchttreppen, neue Fenster und Heizungsanlagen sowie Brandmeldeanlagen (alles gleichzeitig in 6 Wochen Sommerferien machbar). Diese wurden jedoch bis vor 3 Jahren (zu den Zeiten, als die Politik die zunehmeneden Schülerzahlen statistisch noch nicht wahrnehmen wollten) geschlossen und teils abgerissen, da diese zentrumsnahen Grundstücke anderweitig Verwendung finden sollten.
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