Schüler klagen über Unterrichtsdefizite Wenn die Bio-Lehrerin fehlt. Und fehlt. Und fehlt

Daniel Nottle schreibt gerade sein Abitur, fühlt sich wegen des häufigen Unterrichtausfalls aber schlecht vorbereitet - und fordert: In Zukunft sollen Lehrer-Fehlstunden auch auf Zeugnissen vermerkt werden.

Lehrerin in Brandenburg (Symbolbild)
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Lehrerin in Brandenburg (Symbolbild)

Ein Interview von


Wenn Daniel Nottle an diesem Freitag mit seinen Abiturklausuren beginnt, fühlt er sich nicht so richtig gut vorbereitet. Im ersten Fach Englisch sieht es noch ganz okay aus, in Biologie aber könnte es Wissenslücken geben, fürchtet der 18-Jährige aus Neuruppin in Brandenburg. Er hat zwar viel gelernt, aber in den vergangenen Monaten sei sehr viel Unterricht ausgefallen.

Der Abiturient hat deshalb ein paar Tage vor seinem letzten Schultag eine Online-Petition aufgesetzt, um den Unterrichtsausfall auch auf dem Schulzeugnis zu dokumentieren. "Der Ausfall von Unterrichtsstunden ist eine Auswirkung von zu wenig Lehrkräften und somit zu wenig Mitteln für die Bildung im Land", heißt es in der Petition, "spätestens zum Schulabschluss rächt sich die fehlende Zeit, daraus kann ein schlechteres Abgangszeugnis resultieren." Im Interview erklärt Daniel Nottle, warum er die Petition gestartet hat.

Daniel Nottle

SPIEGEL ONLINE: Herr Nottle, Sie wollen, dass ausgefallene Unterrichtsstunden auf dem Zeugnis vermerkt werden. Warum?

Daniel Nottle: Früher waren wir in der Unter- und Mittelstufe froh darüber, wenn mal eine Stunde ausgefallen ist. Das war ja wie Freizeit. Aber mit dem Beginn der Oberstufe hat sich das bei mir geändert, weil sich der Druck erhöht hat. Wenn ich mich für einen Studienplatz oder eine Ausbildung bewerben möchte, kommt es einfach auf gute Noten an - und die hängen nun mal mit dem Unterricht zusammen und nicht mit den ausgefallenen Stunden.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das denn wirklich so dramatisch, wenn mal ein paar Stunden ausfallen?

Nottle: Offiziell fallen in Brandenburg nur etwas mehr als zwei Prozent der Schulstunden aus. Aber auch Stillarbeit oder Vertretungsstunden, in denen die Schüler irgendwelche Aufgaben bekommen, nur um die Zeit totzuschlagen, gleichen einem Ausfall. Wenn die Fachlehrer fehlen, können sie den Stoff nicht vermitteln. Bei mir ist vor einigen Monaten die Biologielehrerin krank geworden und bisher noch nicht zurückgekommen. Aus diesem Grund konnten wir nicht einmal den ganzen Lehrstoff durchnehmen. Ab Freitag schreibe ich meine Abi-Klausuren, bald auch in Bio - und den Stoff müssen wir uns selbst aneignen, anstatt einfach nur zu wiederholen wie die Schüler in anderen Fächern. Das geht doch nicht!

SPIEGEL ONLINE: Was ist aber, wenn ein Personalchef in Ihrem Zeugnis sieht: In Biologie hat Herr Nottle nur die Hälfte der eigentlich vorgesehenen Stunden gehabt? Der stellt doch lieber jemanden ein, der mehr Unterricht hatte.

Nottle: Fehlender Unterricht macht sich ja ohnehin in schlechteren Noten bemerkbar. Wenn die ausgefallenen Stunden gekennzeichnet werden, hat man wenigstens eine Erklärung dafür. Fehlstunden führen zu Bildungslücken - und wenn es die gibt, sollte man transparent machen, dass dafür nicht die Schüler verantwortlich sind.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie mit Ihrer Petition erreichen?

Nottle: Ich will Druck auf die Bildungsverantwortlichen ausüben. Da muss einfach etwas passieren, um guten Unterricht in ausreichendem Umfang sicherzustellen. Eltern und Schüler unterstützen mich bisher dabei, manche Lehrer sind allerdings skeptisch. Ich hoffe aber trotzdem auf die Unterstützung von Lehrern - denn die Petition richtet sich ja nicht gegen sie, sondern soll auch zeigen, was die wenigen Lehrkräfte alles leisten müssen.



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Seite 1
RobertW 21.04.2018
1.
Da merkt man das der Kurze noch keine Ahnung von der Arbeitswelt hat. Ich verstehe das Problem und finde es gut das Schüler darauf aufmerksam machen wollen, aber ein solcher Eintrag im Zeugnis schadet im Endeffekt nur einem: dem Schüler.
Turing Maschine 21.04.2018
2. Selbst aneignen nicht möglich?
Tja, den Schüler und Schülerinnen wünsche ich viel Spaß in ihrem angestrebten Studium, denn da ist selbst aneignen und Eigenrecherche der Großteil der Arbeit. Natürlich ist es gut, wenn eine Lehrkraft einem einen roten Faden durch den Unterrichtsstoff gibt. Aber einfach direkt zu sagen, dass man nichts mehr lernen kann, weil jemand einem nicht das Händchen dabei hält, ist in Zeiten von Internet und nahezu grenzenlos kostenlos verfügbaren Lernmaterial eine Weltansicht, der ich keine sonderlich erfolgreiche Zukunft prognostiziere.
njotha 21.04.2018
3. gute Idee
Eine wirklich gute Idee, auch, um die Statistik-Tricks und -Lügen der Kultusministerien in Sachen Unterrichtsausfall aufzudecken. Im Moment wird es ja noch als "Unterricht ist nicht ausgefallen" gewertet, wenn ein Musiklehrer für den fehlenden Physiklehrer einspringt.
whitewisent 21.04.2018
4.
Die Befürworter des Vorschlags denken in der falschen Richtung. Sie glauben scheinbar, daß ein solcher Hinweis im Zeugnis wie ein Entschuldigungszettel für das künftige Leben wirkt. Denn nicht die Schüler und deren Eltern sind schuld, sondern die Schule und fehlende Lehrer. Was soll sowas bewirken? Mitgefühl, Toleranz, oder ein Bonus wenn es um den Vergleich der Noten, zum Beispiel bei NC-Fächern geht? Soll dann eine 3 in Bio und 50 Fehlstunden gleichgesetzt werden mit einer 2 und 10 Fehlstunden? Es ist eine Alibidiskussion, und zeigt nur die Hilflosigkeit vieler. Denn nicht die Lehrer sind Schuld, sondern Politiker und Bürger, welche die letzten Jahrzehnte systematisch die Schulen kaputtgesparrt haben. Und ja, auch die Medien waren daran kräftig beteiltigt, wenn es um die angebliche geringe Arbeitsbelastung von Lehrenden ging. Das eine Schule nur mit einem Personalbestand von 120% reibungslos funktioniert, der erst dadurch die fachliche Kompetenz besitzt, 100 verschiede Fächer und Lehrstoffe zu lehren und ggf. zu vertreten, war völlig nebensächlich. Der Abbau ging ja auch sehr reibungslos vonstatten, weil eben halt keine Stellen besetzt wurden. Das aber der Krankenstand von überalteten, überlasteten Kollegien höher ist, sagt der gesunde Menschenverstand. Es würde als "Schulzeugnis" angebrachter sein, wo Personalausstattung und Kosten/Leistungswerte enthalten sind, um Managern beim Bewerbungsgespräch nachvollziehbar mangelhafte Noten zu erklären.
titoandres 21.04.2018
5. @RobertW
Bitte seien Sie doch ein wenig respektvoller im Umgang mit einem jungen Menschen und der deutschen Sprache. (Rechtschreibung und Grammatik) Ich denke auch, dass er ganz im Gegenteil die Sachlage klüger einschätzt als Sie.
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