Neusprech in Neuseeland "Uv got 2 b joking!"

Schüler in Neuseeland dürfen lieb gewonnene SMS-Abkürzungen jetzt auch in Schularbeiten benutzen, ohne dafür einen Fehler angekreidet zu bekommen. Kürzer formuliert: "NZQA sez OK 2 SMS-txting in xms" - eine Entscheidung, die für Sprachalarm im Parlament sorgte.


In Zukunft sind Kreativität und Auffassungsvermögen neuseeländischer Lehrer beim Korrigieren von Klassenarbeiten besonders gefordert, denn: NZQA sez OK 2 SMS-txting in xms. Was soviel heißt wie: Die neuseeländische Schulbehörde lässt SMS-Sprache in Schularbeiten zu, meldete die Tageszeitung "The Press". Abkürzungen wie "txt" statt "text", willkürliche Groß- und Kleinschreibungen und Zahlen als Buchstabenersatz - all das soll von nun an möglich sein.

Simsende Jugendliche: Wundervolle Entwicklung oder Sprachverfall?
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Simsende Jugendliche: Wundervolle Entwicklung oder Sprachverfall?

Sind neuseeländische Schulen toleranter gegenüber sprachlichen Entwicklungen - oder kapitulieren sie vor dem grammatikalischen Verfall? Die neuen Prüfungsregelungen blieben nicht unumstritten und lösten eine heftige Debatte im Parlament aus. Die Opposition warf Bildungsminister Steve Maharey vor, "nur cool sein" zu wollen, berichtete die Tageszeitung "Dominion Post". "Die Schüler laufen Gefahr, von den Lehrern nicht verstanden zu werden und durchzufallen, wenn sie die Abkürzungen benutzen", sagte Oppositionspolitiker Bill English im Parlament.

Die Schulbehörde hingegen findet nichts Besonderes an ihrer Entscheidung, SMS-Sprache in Schularbeiten zuzulassen. Die Schüler müssten zeigen, dass sie verstanden haben, was sie schreiben. Dann gebe es auch keinen Grund, ihnen Abkürzungen als Fehler anzurechnen. "Auch jetzt ist es schon so, dass die Schüler volle Punktzahl bekommen, wenn der Inhalt stimmt. Auch wenn sie Fehler in Grammatik oder Zeichensetzung machen", sagte Bali Haque von der Behörde der "Press".

Lediglich Schularbeiten im Fach Englisch sind ausgenommen, dort werden Abkürzungen als falsch benotet. So wird es wohl auch in Zukunft nicht möglich sein, in einer Shakespeare-Klausur zu schreiben: "2b or nt 2b, thts da qstn". Die Schüler seien außerdem angehalten, in allen Fächern weiterhin korrektes Englisch zu benutzen, so Behördensprecher Haque.

Schulleiter: "SMS-Sprache ist wundervoll"

"Die Entscheidung reflektiert die Situation, mit der Lehrer ohnehin jeden Tag umgehen müssen", sagte auch eine Sprecherin des Lehrerverbandes. Die Lehrer zeigten sich allerdings besorgt, sollte diese Umgangssprache in der geschriebenen Sprache alltäglich werden. Zu den Abkürzungen ermutigen würden sie ihre Schüler jedenfalls nicht.

Euphorischer reagierte ein Schulleiter aus der Stadt Christchurch. Er finde, die SMS-Sprache sei eines der aufregendsten Dinge seit langem. "Es ist eine weitere Entwicklung dieser wundervollen Sache, die wir englische Sprache nennen", sagte er "The Press".

Im englischen Sprachraum wird die Diskussion über SMS-Sprache im Schulunterricht schon seit einigen Jahren geführt. Bereits im Jahr 2003 schockierte eine 13-jährige schottische Schülerin ihre Lehrer, in dem sie einen Aufsatz mit den Worten "My smmr hols wr CWOT" begann - auf Deutsch: "Meine Sommerferien war totale Zeitverschwendung". Der Urlaub sei nämlich viel langweiliger als früher gewesen, schrieb das Mädchen: "B4, we usd 2 go 2 NY 2C my bro, his GF & thr 3 :-@ kds FTF." Was soviel heißt wie: "Früher sind wir immer nach New York geflogen, um meinen Bruder, seine Freundin und ihre drei schreienden Kinder persönlich zu sehen."

Halb Schottland debattierte anschließend hitzig über den vermeintlichen Verfall der sprachlicher Sitten. Die Vereinigung der schottischen Lehrer und Eltern warnte vor einem Niedergang der Schriftsprache. Der Verband der Rektoren vermutete, dass die meisten Lehrer ein härteres Durchgreifen "gegen das schludrige Schreiben" begrüßen würden. Lediglich die Sprachwissenschaftlerin Sheila Hughes von der Universität Strathclyde hielt damals dagegen: "Eine Veränderung der Sprache kann niemand verhindern. Und selbst wenn Schüler Vokale und Interpunktion weglassen, denken sie darüber nach. "

SMS-Schreiber sind phantasivolle Menschen

Das hat auch eine im September dieses Jahres veröffentlichte britische Studie ergeben. Die SMS-Sprache sei alles andere als schädlich für die Kinder, urteilten Forscher der University Coventry fest. Sie hatten nach einer Untersuchung mit Elfjährigen festgestellt, dass regelmäßige SMS-Schreiber in Sprachtests sogar oft besser abschnitten als andere Schüler. Wer "C u L8r" statt "See you later" schreibe, stelle seine Fantasie unter Beweis.

Trotzdem üben auch in Neuseeland viele Nutzer von Internetforen Kritik. Einer schreibt über die Entscheidung der Schulbehörde "Uv got 2 b joking!" Eine 16-Jährige fordert: "Jugendliche müssen von Erwachsenen zu guten Angewohnheiten gezwungen werden." In etlichen Beiträgen kommt die Sorge um die berufliche Zukunft der Schüler zum Ausdruck, die möglicherweise keinen klaren Satz mehr schreiben könnten.

Und dass die Regelung auch Vorteile haben kann, demonstrierte Bildungsminister Maharey seinem Kritiker von der National Party im Parlament. In einer Pressemitteilung hatte dessen Büro statt "pidgin English" "pigeon English" geschrieben. Maharey: "Obwohl Sie statt des Wortes für Kauderwelsch das für einen Vogel aus der Taubenfamilie benutzt haben, konnte man ihre Aussage verstehen. Also hätten Sie in einer Schularbeit Punkte dafür bekommen."

smv/AP/dpa



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