Privatschule in Berlin Lernt doch, was ihr wollt

Keine Hausaufgaben, keine Noten, keine Schulstunden. An der New School in Berlin sollen Kinder lernen dürfen, was sie interessiert. Klingt traumhaft. Ist aber für alle ziemlich anstrengend.

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"Erste Übung", ruft Kostja Schleger, 35, Basketball unterm Arm, Trillerpfeife um den Hals, "wir rennen rüber und pressen locker zehn Liegestütze raus." Die Schüler gucken skeptisch. "Im Sand? Liegestütze?", fragt einer. "Hey, los, Abflug!", ruft Schleger. Drei Schüler laufen los, vier gehen, einer bleibt, wo er ist. Sportzeug hat keiner an.

So oder so ähnlich beginnt jeder Morgen an der New School in Berlin-Charlottenburg, einer neu gegründeten Privatschule in einem umgebauten Lagerhaus am Spreeufer. Um neun Uhr steht Frühsport auf dem Programm, heute in der sandigen Baulücke neben dem Würfel aus Stahl und Beton, der die Schule beherbergt.

"Jetzt seid ihr'n bissl wach", sagt Schleger. "Haste nicht 'ne Jacke oder so?" "Nö", sagt Marcel* ohne Jacke. Er hat die Kapuze seines Pullis über den Kopf und die Schultern gezogen und schlappt die Betontreppen hinunter, auf denen Daniel gerade Liegestütze macht. "Sehr gut, weiter, komm. Ihr sollt mal in den Arbeitsmodus kommen", sagt Schleger. "Meine Hände tun weh", sagt Marcel ohne Jacke, der jetzt doch fünf Liegestütze versucht.

"Was mache ich heute? Weiß ich nicht."

An der New School dürfen die Schüler selbst entscheiden, ob sie Sport machen. Und was sie sonst noch tun wollen. Es gibt keinen Gong, keine Tafel, keine Klassen, Noten oder Hausaufgaben, keinen Zwang, keinen Leistungsdruck. Die zehn Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren dürfen lernen, was sie interessiert. Nur rumsitzen dürfen sie nicht.

Der charmante Gedanke dahinter: Erfolg hängt nicht am Schulabschluss. Jeder kann erfolgreich sein, wenn er nur weiß, was er will und was er kann.

Das klingt wie der Traum unzähliger Jugendlicher, die sich an öffentlichen Schulen im 45-Minuten-Takt langweilen. In der Praxis ist es jedoch ein Stück schwere Arbeit.

"Wie fühle ich mich heute? Gut. Was mache ich heute? Weiß ich nicht." Martin, 14, steht vor einer grauen Pinnwand und referiert sein Programm für den Tag. Immer nach dem Frühsport tragen die Schüler einander vor, was sie heute machen. Damit sie üben, sich zu präsentieren. Die anderen kippeln auf teuren Designerstühlen aus Kunststoff.

Jeder Schüler verfolgt eigene Projekte und hat seinen eigenen Stundenplan, auch Martin. Er hatte ihn nur gerade nicht parat. Marie stellt Henna-Haarfarbe her, Daniel baut ein Aquarium, Tom bringt sich HTML mit einem Onlinekurs selbst bei. Martin wird nach dem Mittagessen "Die Simpsons" schauen und davon eine englische Zusammenfassung schreiben. Weil man aus allem etwas lernen kann, nicht nur aus Schulbüchern.

Anspruch und Alltag prallen aufeinander

Manche Kinder blühen in der Freiheit auf, endlich lernen zu dürfen, was sie wollen. Andere sind überfordert. "Wir haben als Faustregel: Für jedes Jahr, das die Kinder auf klassischen Regelschulen waren, müssen wir mindestens einen Monat Umstellungszeit rechnen", sagt Schulleiterin Almut Röper. Erst nach und nach begreifen viele, was es bedeutet, nichts mehr vorgesetzt zu bekommen und seine Zeit aktiv gestalten zu müssen.

Donnerstags wird zusammen gekocht. Fünf Jugendliche stehen mit schwarzen Schürzen in der schicken neuen Küche, die den vorderen Teil der umgebauten Industriehalle füllt. Weitere Einrichtungselemente in dem 25 Meter langen Raum: ein cremefarbenes Ledersofa, ein Haufen bunter Sitzsäcke, weiße Bücherregale, eine Topfpalme. Durch die Fensterfront suppt Berliner Winterlicht auf den grauen Betonboden.

Marcel verteilt Erdbeermousse in Gläschen, Tom klackst Quarkcreme drauf. "Wir machen heute Miriams Rezept", sagt die Köchin, die sonst als Organisational Manager für ein Immobilienunternehmen arbeitet. Köfte, Tomatensoße, türkische Knoblauchwurst. "Davon kotz' ich", sagt Kim. "Das ist respektlos", sagt die Köchin. "Das ist die Wahrheit", sagt Kim. Miriam schweigt.

An der New School kommt vieles zusammen. Anspruch und Alltag zum Beispiel. Und verschiedene Welten. Drei Schüler waren vorher in psychiatrischen Kliniken, die meisten hatten Probleme an ihren alten Schulen. Hier heißen sie Talents, weil ihre Stärken zählen sollen und nicht mehr ihre Schwächen. Die vier Lehrer nennen sich hier Mentoren. Sie sollen die Jugendlichen begleiten und fördern. Bis sie den Schulabschluss machen. Oder auch nicht. Kein Zwang.

Kapieren, was nicht geht

"Wir wollen Macher generieren", sagt Kostja Schleger. Er illustrierte früher Anatomiebücher, entwickelte Computerspiele und unterrichtete Kampfkunst. Jetzt soll er die Kinder für die Welt jenseits der Schule begeistern. Schulleiterin Röper kommt aus dem Marketing. Im Team sind auch ein promovierter Historiker und mehrere Start-up-Gründer. "Du musst mit den Kids auf einer Welle schwimmen", sagt Schleger.

Schleger ist groß, sportlich, energetisch, cool. Man nimmt ihm ab, dass er es schaffen kann, die Schüler zu motivieren. "Du kannst alles erreichen, wenn die Motivation vorhanden ist", sagt er. Die Kids seien keine Zierpflänzchen, sie sollen "auf dem Acker stehen und merken, woher der Wind weht".

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Schleger sagt, die Jugendlichen sollen bei aller Freiheit auch kapieren, was nicht geht. Respektlosigkeiten zum Beispiel.

Szenen wie die vorhin beim Kochen passieren trotzdem immer wieder. Die Schüler haben zwar eigene Regeln aufgestellt, wie sie mit Konflikten umgehen wollen. Doch da sind die Pubertät und der Altersunterschied. Und oft auch der jahrelang aufgestaute Unwille, sich in eine Schulgemeinschaft zu fügen. Außerdem: Die New School ist noch jung, es gibt sie erst seit November. Manches muss sich noch einspielen.

Die Mentoren betreuen die Talents sehr intensiv, von acht Uhr morgens bis fünf Uhr abends. Bis Sommer sollen es zwölf Schüler werden, mehr erst mal nicht. "Bei uns fällt keiner runter, wir nehmen jeden mit", sagt Schleger. "Das ist schon streckenweise ziemlich anstrengend. Da muss man schon ziemlich gut gelaunt sein."

Wünsche in Tortendiagrammen

Auch fachlich verlangt das Modell den Betreuern einiges ab. Sie müssen die Wünsche der Kinder in Lernstoff übersetzen. Zu jedem Projekt entwickeln sie ein Tortendiagramm: Im Projekt Henna-Haarfarbe steckt demnach 35 Prozent Chemie (Gemische, Trennverfahren, Pigmente), 30 Prozent Kunst (Malen, Zeichnen, Schablonen), 20 Prozent Biologie (Haut, Pflanzen), 10 Prozent Deutsch (Dokumentation, Präsentation) und 5 Prozent Physik (Farben, Licht).

Wenn die Mentoren nicht weiterwissen, können sie sich Experten auf Honorarbasis für einzelne Projekte dazuholen. Zwei IT-Experten entwickeln für die Schule gerade eine Software. Die soll später die Fähigkeiten, die die Jugendlichen in ihren Projekten erworben haben, mit dem Rahmenlehrplan abgleichen.

Eltern zahlen zehn Prozent ihres Bruttoeinkommens, wenn sie ihr Kind auf die New School schicken. Das klingt viel, aber die meisten verdienen weniger als 30.000 Euro und brauchen deswegen nur 100 Euro im Monat zu zahlen. Die Schule hat trotzdem vorerst keine finanziellen Sorgen, weil einer der Schulgründer ein erfolgreicher Immobilienentwickler ist, der auch den Berliner Start-up-Campus The Factory aufgebaut hat, welcher wiederum von Google gefördert wird und die Schule mitfinanziert. Jeder Schüler hat sein eigenes iPad.

Johannes kann jetzt jonglieren

Tom, 16, mag die New School. "Ich habe früher keinen Sinn in Schule gesehen", sagt er. "Ich bin hochbegabt, ich war unterfordert." Der Stoff habe ihn einfach nicht interessiert. Jetzt hat er Menschen gefunden, die ihm dabei helfen, sein "Lebensprojekt", wie er es nennt, zu verwirklichen: Game Designer werden.

Auch Marie, 14, geht gern in die New School. "An meiner alten Schule habe ich viele weinen sehen, weil sie eine Zwei in Mathe hatten", sagt sie. "Meine Freundinnen hatten nie Zeit, weil sie Hausaufgaben machen mussten." Mit ihren neuen Mitschülern verstehe sie sich schon recht gut. Manche könnten noch motivierter werden, und noch respektvoller. "Aber das wird schon, das bessert sich jeden Tag."

Auch die Mentoren lernen dazu. Verpflichtende Gruppenprojekte haben sie aus den Stundenplänen wieder gestrichen. Die waren schlecht für die Motivation. Und Martin weigert sich zwar, morgens über den Sandplatz zu sprinten. Aber er kann jetzt mit drei Bällen jonglieren. Daniel auch.

*Alle Schülernamen geändert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
globalundnichtanders 21.03.2016
1. Und die Hipsterkinder...
...machen dann am Ende ein normales Abitur? Oder sind sie einfach nur cool und versagen dann später in einer Welt die nur funktioniert, weil es gewisse Rahmenbedingungen und Regeln gibt?
Herr Schäuble 21.03.2016
2.
An sich eine gute Idee, aber viele Sachen lassen zu wünschen. 1. Es handelt sich um Privatschulen 2. Es sollte schon einen gewissen Lehrplan geben, damit auch was vernünftiges gelernt wird und man sollte den Schülern darin Spielraum und Auswahlmöglichkeiten lassen 3. Welches Unternehmen wird so einen Abschluss akzeptieren? Das einzige was so gelernt wird ist der "Beruf" Hartzer. Da muss es schon eine staatliche Einstellungsgarantie geben.
spigalli 21.03.2016
3. Nettes Konzept...
...wenn dann meine Kinder von Leuten unterrichtet werden, die möglicherweise schon mehrere Unternehmen so erfolgreich gegründet haben, dass sie jetzt immer noch arbeiten müssen... Leute, Ausbildung des Nachwuchses ist ein Luxusgut, das sich die Allgemeinheit für die nachfolgende Generation leisten muss, das ist kein Almosen von irgendwelchen Hipstern.
marcw 21.03.2016
4.
Bitte berichtet in einigen Jahren, was aus den Kindern geworden ist. Ohne Rosinenpickerei wenn möglich.
glasperlenspieler 21.03.2016
5. Was für eine Verschwendung
Wäre interessant zu wissen, wieviel Gelder für dieses Wolkenkukuckusheimprojekt im Gully verschwinden und mit wieviel der Steuerzahler beteiligt ist. Aber Hauptsache, die Kids rot-grüner Träumer können danach ihren Namen tanzen, sich Henna ins Haar schmieren und ihren Tunnel im Ohr auf Pfannkuchengröße erweitern.
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