Vollverschleiert Warum eine Mutter nicht mehr aufs Schulgelände darf

Eine vollverschleierte Mutter darf eine Essener Grundschule nicht mehr betreten. Andere Eltern hatten sich zuvor über ihre Kleidung beschwert. Die Schule sieht sich eigentlich der Toleranz verpflichtet. Doch der Fall zeigt die Grenzen.

Vollverschleierte Frau   (Archiv): Mutter darf in Nikab Schule nicht betreten
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Vollverschleierte Frau (Archiv): Mutter darf in Nikab Schule nicht betreten

Von , Düsseldorf


Das Logo der Essener Bodelschwingh-Grundschule besteht aus den Umrissen zweier Hände. Darin die Leitbilder der Lehranstalt: "Bewegung", "Ernährung", "Rituale", aber auch "Akzeptanz" und "Toleranz". Letzteres wird seit einiger Zeit im Stadtteil Altendorf arg auf die Probe gestellt.

Nach den Sommerferien war Zeitungsberichten zufolge ein Junge angemeldet worden, dessen Mutter - eine Tamilin aus Sri Lanka - einen dunklen Ganzkörperschleier trägt. "Einige Schulkinder waren von ihrem Anblick so erschrocken, dass sie anfingen zu weinen und davonliefen", sagte Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke der "WAZ". Daraufhin hätten sich besorgte Eltern beschwert. "Sogar muslimische Mütter, die selber Kopftuch tragen, haben damit gedroht, ihr Kind abzumelden, wenn die vollverschleierte Frau weiterhin die Schule betritt", sagte die Rektorin.

In einem Gespräch vereinbarten Lehrer und Elternvertreter mit der betroffenen Mutter, dass diese im Vollschleier (Nikab) nicht mehr das Schulgelände betreten dürfe. Wolle sie auf den Hof gelangen oder an Elternabenden teilnehmen, müsse sie den Schleier ablegen, berichtete die "WAZ". Die Schule ließ eine Anfrage dazu bislang unbeantwortet, die zuständige Bezirksregierung in Düsseldorf bestätigte den Vorgang jedoch. Der Fall sei "bekannt", teilte eine Sprecherin mit. Offenbar berührt er eine heikle Frage, mit der sich womöglich noch Gerichte werden befassen müssen.

Regeln für Schüler, aber nicht für Eltern

Laut Bezirksregierung steht es Schülern grundsätzlich frei, Zeichen der Religionszugehörigkeit zu tragen. Lediglich Lehrer müssten sich als Vertreter des Staates in ihren weltanschaulichen Bekundungen zurückhalten, hieß es. In Einzelfällen sei es denkbar, dass das Recht auf Religionsfreiheit jedoch eingeschränkt werden könne - etwa wenn die entsprechenden Symbole eine Teilnahme am Unterricht erschwerten. So unterbinde die Verhüllung des Gesichts die "unerlässliche offene Kommunikation", die Lehre und Erziehung bestimme, weshalb eine Verschleierung unzulässig sei. Allerdings bezieht sich diese Aussage eben auf Schüler, nicht auf Eltern.

Erst im April hatte sich auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof mit dem Thema beschäftigt: Eine junge Frau hatte sich dort an einer staatlichen Berufsoberschule angemeldet, wollte das Institut jedoch nur mit Nikab besuchen. Daraufhin zog das Institut seine Zusage zurück. Vor Gericht argumentierte die Schülerin, ihr Grundrecht auf Glaubensfreiheit werde unzulässig eingeschränkt.

Die Richter in Bayern wiesen das zurück: Der Gesichtsschleier verhindere eine offene Kommunikation, die nicht nur auf dem gesprochenen Wort, sondern auch auf nonverbalen Elementen wie Mimik, Gestik und der übrigen Körpersprache beruht. Ähnlich entschied einige Wochen später die Universität Gießen.

In Essen haben jedoch inzwischen auch Kindertagesstätten Schwierigkeiten mit verschleierten Frauen. Laut "WAZ" beraten die evangelischen Einrichtungen darüber, wie Erzieherinnen die Nikab tragenden Mütter identifizieren könnten. Die Stadtverwaltung wiederum teilte dem Blatt mit, dass verhüllte Frauen sich notfalls in einem Nebenraum den Kindergärtnerinnen zu erkennen geben müssten, ehe ihnen ihre Kinder übergeben werden könnten.

Die Bodelschwingh-Schule, nun mit ihrem Leitbild "Toleranz" im Praxistest ringend, war übrigens nach eigenen Angaben die erste Grundschule in Essen, die schon vor Jahren eine Schuluniform einführte. Damit sollten soziale und ethnische Unterschiede zwischen den mehr als 200 Schülern gemildert werden. Damals dachte wohl niemand daran, dass man sich eines Tages auch mit der Kleidung der Eltern würde befassen müssen.

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