Durch Messer verletzte Grundschullehrerin "Keinerlei Anhaltspunkte für gezielten Angriff"

Ein Siebenjähriger verletzt seine Lehrerin mit einem Messer. Die Aufregung ist groß, Schüler, Eltern und Lehrer sind alarmiert. Doch was ist wirklich passiert? Und was kann man tun, um so etwas zu verhindern?

Schüler im Unterricht (Symbolbild)
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Schüler im Unterricht (Symbolbild)

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"Die Schulleitung ist derzeit nicht zu sprechen." Die Sekretärin der Antoniter-Grundschule Nimburg sagt diesen Satz am Montag nicht zum ersten Mal, das hört man. Und sprechen wollen viele mit der Grundschule nördlich von Freiburg, seit bekannt wurde, dass dort Anfang März ein Zweitklässler seine Lehrerin mit einem Messer am Bauch verletzt hat.

Was genau an jenem Dienstagvormittag auf dem Schulflur passierte, werde von der Polizei immer noch untersucht, sagt der Freiburger Polizeisprecher Walter Roth dem SPIEGEL. Medienberichte, in denen von einem "Angriff" des Jungen auf die Lehrerin die Rede sei und davon, dass er der Pädagogin das Messer "in den Bauch gerammt" habe, seien den Zeugenaussagen zufolge falsch. "Wir haben keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass es sich um einen gezielten Angriff des Jungen auf die Lehrerin handelt", so der Polizeisprecher.

Nach SPIEGEL-Informationen hatte die Lehrerin den Schüler auf den Flur geschickt, wo er an einem Tisch nicht gemachte Hausaufgaben nachholen sollte. Als sie kurz darauf kontrollieren wollte, ob der Siebenjährige diesen Auftrag auch erfüllt, hatte er aus einer Bastelecke ein kleines Küchenmesser geholt. Danach, so stellt es sich für die Ermittler nach Zeugenaussagen und der Spurenauswertung dar, kam es "im Verlaufe eines Gerangels zwischen Lehrerin und Schüler zu der Verletzung". Die kleine Wunde am Bauch wurde daraufhin genäht.

Lehrerin berichtet von Panikattacken

Die "Badische Zeitung" berichtet, die betroffene Lehrerin habe beklagt, dass der Vorfall bagatellisiert werde. Sie habe Panikattacken, wenn sie an die Schule denke.

Derzeit läuft offenbar ein Verfahren, in dem geklärt werden soll, ob der Schüler auf eine andere Schule überwiesen wird. Das sei laut "Bild"-Zeitung der Wunsch des Klassenlehrers sowie mehrerer Eltern.

Experten raten in solchen Situationen jedoch nicht unbedingt zu harten Reaktionen, sondern zu einem überlegten Umgang. "Es kommt jetzt entscheidend auf das Netzwerk innerhalb und außerhalb der Schule an", sagt Bernd Kasper, Sozialpädagoge, Kinderschutzkraft und Autor des Buchs "Kindeswohl - eine gemeinsame Aufgabe". Ganz offenkundig sei hier eine Konfliktsituation in einer Grundschule außer Kontrolle geraten.

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Experten zufolge liegen Lehrer und Eltern falsch, die glauben, nach einer solchen Auseinandersetzung das Problem mit einem Schulverweis für den Jungen lösen zu können. Die eigentliche Herausforderung sei, einen solchen Schüler wieder in die Schule und das soziale Miteinander dort zu integrieren, sagt Bernd Kasper.

  • Dem Schüler müsse seine Grenzüberschreitung mit einer deutlichen Reaktion klargemacht werden.
  • Gleichzeitig müsse es an den betroffenen Jungen das Signal geben, dass Schule, Lehrer und andere Beteiligte wie etwa das Jugendamt oder ein Schulpsychologe gemeinsam nach einem Weg suchen, wie man in Zukunft zusammen lernen und arbeiten kann.
  • Lehrer sollten sich grundsätzlich mit möglichen Konflikten und Gewaltausbrüchen von Schülern auseinandersetzen, weil an Schulen längst nicht mehr nur unterrichtet, sondern zunehmend auch erzogen werde. Ein entsprechendes Deeskalationstraining könnten Lehrkräfte bereits in zweitägigen Schulungen absolvieren.
  • Für die konzeptionelle und längerfristige Prävention verweist Bernd Kasper auf Programme wie "Faustlos", bei dem Kinder und Jugendlichen soziale Kompetenzen vermittelt werden, oder das an der FU Berlin entwickelte Programm "Denkzeit", bei dem die Schüler lernen, ihre impulsiven Handlungen zu hinterfragen.

Grundsätzlich gelte: "Wer Kindern in Grenzsituationen soziale Kompetenzen vermitteln will, muss sich erst mal seiner eigenen Position und seiner eigenen Grenzen sicher sein", sagt Bernd Kasper. Viele Lehrer hätten diese eigene Sicherheit bisher aber noch nicht - und je eher eine Schule das zum Thema mache, desto besser.

Absolute Sicherheit vor Vorfällen wie an der Grundschule Nimburg gebe es aber nicht, sagt Kasper. "Auch wenn man geschult ist, kann einem so etwas passieren - und man kann richtig aus der Bahn geworfen werden." Die Gefahr, dass Konflikte eskalieren, sei aber bei entsprechender Vorbereitung deutlich geringer.

insgesamt 57 Beiträge
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eckbusch 19.03.2018
1. Bagatellisierung
Das allgemeine Problem besteht darin, dass mittlerweile eine Messerstecherei in der Auseinandersetzung als fast normal gilt. Wer sich mit den Fäusten wehrt, wird abgestochen. Auch Kung-Fu kommt da an Grenzen. "Keine Tötungsabsicht" hätten sie gehabt, führen die Täter vor Gericht aus. Was denn wohl dann? Sobald hier, natürlich nicht bei dem Kind, aber bei seinen Vorbildern, die Rede wäre von versuchtem Mord und der möglichen Perspektive "lebenslänglich", könnte man hier eine Bewußtseinswende einleiten. Dasselbe gilt übrigens bei Fußtritten an den Kopf eines am Boden liegenden. Auch jener Täter hat eine Tötungsabsicht.
Havel Pavel 19.03.2018
2. Gut abwägen was man aussagt
Was hat ein Siebenjähriger sich ein Messer zu nehmen, kommt er demnächst dann mit einer Pistole? Mal abgesehen davon was ein Messer auf dem Flur einer Schule zu suchen hat, muss wohl davon ausgegangen werden, dass er damit wohl eher keine lauteren Absichten hatte, denn sonst wäre es ja kaum zur Verletzung des Lehrkörpers gekommen. Nun sollte man annehmen, dass besagter Lehrkörper in Form einer Lehrerin doch wohl mitbekommen haben sollte was sich bei der unliebsammen Begegnung abgespielt hat. Schon etwas merkwürdig, dass es angeblich dennoch nunmehr Unklarheiten zu dem Vorfall geben soll oder soll hier gar etwas vertuscht werden und man schweigt noch weil man sich ganz einfach noch die passende Version ausdenken muss, um keine Vorurteile zu schüren? Vielleicht ist der Lehrkörper ja schlicht und ergreifend einfach blindlings ins Messer gelaufen und der Bub konnte gar nichts dafür!
twx04717 19.03.2018
3. Irre was an deutschen Schulen abgeht.
Bin in der DDR aufgewachsen. Klar war es eine Diktatur aber wir als Kids haben das so nicht wahrgenommen. Fakt ist, dass jeder nach mindestes 8.Klasse, maximal 13.Klasse lesen, schreiben und rechnen konnte. Jeder hat was von Physik, Chemie,Biologie usw. mitgenommen. Heute ist eine grosse Anzahl der Kinder dumm, faul oder kriminell, im ungünstigsten Fall alles zusammen. Bei Klassen mit über 50% Migranten-Anteil, überwiegend arabisch, kann ich das verstehen. Mir tun die Kids leid, die später keinen Dönerladen erben sondern sich um eine Ausbildung kümmern müssen. Welche Firma soll da JA sagen. Es geht weiter bergab mit Deutschland. Durch Groko so gewollt, hab ich den Eindruck. Bin kein AfD Wähler!
Broko 19.03.2018
4. Papa Gnädig rules ...
Offensichtlich ist dieser Junge nicht zum ersten Mal in der Schule gewaltätig geworden! Aber statt diesen Jungen ausführlichst psychologisch zu behandeln, sollen die Mitschüler und Lehrer dessen Defizite fahrlässigerweise therapieren - ein Experiment, was immer und immer und immer wieder schiefgeht! Wann lernen die Verantwortlichen endlich mal aus diesen Desastern?
aggro_aggro 19.03.2018
5. Disziplinarschulen
Der Fall hier ist speziell, weil der Junge noch so klein ist, aber grundsätzlich zu behaupten "er muss wieder eingegliedert werden" ist Quatsch. Wenn er ein Aggressivitätsproblem hat, oder ein Problem mit Autoritäten, dann muss er aus einer 30er-Klasse raus. Von wegen die Schule muss auch erziehen... 30 Siebenjährige gleichzeitig, ohne große Möglichkeiten zu Strafen (Stubenarrest,Fernsehverbot, nix zu Ostern!) Bei älteren Kindern, ab Klasse fünf sollte man auf jeden Fall spezielle Disziplinarschulen prüfen, wo mit viel Sport und wenig Leerlauf über sechs Monate grundlegende Verhaltensweisen eingeübt werden, gern auch als Internat. Allein die Existenz solcher Einrichtungen dürfte 80% der kritischen Schüler beruhigen. Und wenn ein besonders schlecht erzogenes Kind mal ein paar Monate auf einer Schule ist, wo es nicht nur Mathe sondern auch noch ein paar soft skills lernt, dann ist doch allen geholfen.
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