Noble Privatschulen Ein Toast auf die gute alte Disziplin

Wer sich's leisten kann, nimmt Reißaus von staatlichen Schulen. Die private Konkurrenz hat enormen Zulauf - nicht nur durch den Geldadel, auch von Mittelstandseltern. Statt Luxus suchen sie traditionelle Werte - Besuch bei einer Privatschul-Präsentation in Wiesbaden.

Von Martina Scheffler


Die Zukunft beginnt mit einem Erdbeercocktail. Im Christian-Zais-Saal des Wiesbadener Kurhauses sind die Tische festlich gedeckt, Herren in dunklen Anzügen und Damen mit goldenem Ohrbehang halten Sektflöten in der Hand und prosten sich zu. Daneben stehen leicht gelangweilte Teenager im Hosenanzug oder Röhrenjeans, ein Junge im Polohemd rennt durchs Foyer.

Zum reinen Vergnügen sind die Damen und Herren allerdings nicht hier, sondern um eine Entscheidung fürs Leben zu treffen. Es geht um ihr Bestes, um ihre Kinder, die Zukunft. Ungefähr 70 Mütter und Väter sind nach Wiesbaden gereist, wo der Schweizerische Generalkonsul Julius Anderegg zu einer Präsentation der Schweizer Universitäten und Schulen einlädt.

Die meisten Eltern sind allerdings gekommen, um sich über "zwölf der renommiertesten Schweizer Bildungsinstitutionen" zu informieren, wie der Mitveranstalter, der Internatsberater Detlef Kulessa, mitteilt. Dazu gehören dann auch Schulen, die mancher vielleicht nur aus den bunten Blättern kennt, wie das "Institut auf dem Rosenberg".

Man gibt sich die Hand, verneigt sich fast, dann wird beraten

Es sind die Institute, von denen das Bildungsbürgertum oft meint, sie seien für den Geldadel, nicht aber für Intellektuellensprösslinge gemacht. Dass dem nicht so ist, nicht sein soll, ist Kulessa ein Anliegen. Der studierte Pädagoge erzählt, dass zu seiner Beratungsstelle auch allein erziehende Mütter kommen, die sich Zuschüsse vom Jugendamt holen, um eine Privatschule für ihr Kind bezahlen zu können. "Eltern aus bildungsaffinen Schichten bringen immer mehr Opfer, um den Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen."

Auch viele der in Wiesbaden anwesenden Eltern gehören nicht zu den Superreichen, sondern zur gut verdienenden Mittelschicht. Zwischen den marmornen Säulen des Saales sind die Informationsstände der Internate aufgebaut. Da liegen DVDs vom Festball des noblen Instituts auf dem Rosenberg, Titel: "Stardom", neben Krawatten mit rosa Streifen. An manchen Ständen bleiben Eltern stehen, man gibt sich die Hand, verneigt sich fast, dann wird beraten.

Rolf Reichert ist mit seiner Tochter Luisa, 17, hier. Sie besucht schon eine Privatschule in Deutschland, an der sie auch das Abitur machen will. Danach aber soll es in die Schweiz gehen, an eine Hotelfachschule. Reichert ist einer der Mittelständler, die kein Vermögen in eine teure Schule stecken wollen, aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste für ihre Kinder wollen.

"Motivation" sei dort ein Fremdwort gewesen, ebenso der Begriff "individuelle Förderung". Rolf Reichert war als Kind auf einer staatlichen Schule, "aber das war auch eine andere Zeit, Privatschulen waren was für Abgeschobene". Die Zeiten haben sich geändert: Die staatlichen Schulen seien schlechter geworden, jetzt muss es eine Privatschule sein.

Erst Schinkenhäppchen, dann Stargast Bueb

Neben den Müttern und Vätern sind auch etliche Altschüler gekommen, wie die Ehemaligen der Internate genannt werden. Schnell bilden sich Grüppchen. Die ersten Schinkenhäppchen und Oliven werden gereicht. Dann kommt der Stargast des Abends, der selbsternannte Missionar der Internatsbewegung in Deutschland - Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter der Schule Schloss Salem.

Internats-Missionar Bueb: "Glück der Anstrengung"
DPA

Internats-Missionar Bueb: "Glück der Anstrengung"

Ähnlich wie Kulessa setzt Bueb bei den Internaten nicht auf die Verhätschelung schwerreichen Nachwuchses, sondern auf die Vermittlung von Werten, Anspruch und Disziplin. Alles Dinge, die in der staatlichen Schule, in der Erziehung ein Stiefkind sei, nicht mehr zählten.

Privatschulen seien auch deshalb so gut für Kinder, weil sie Gemeinschaft förderten. "Die gibt es ja heute immer seltener." Gemeinsame Erlebnisse wie im Theater oder im Sport seien wichtig. Bueb sagt, dass Internate ja gar nicht so gemütlich wie das Zuhause sind, sondern vielmehr "das Glück der Anstrengung" bieten.

Es geht nicht um Superbildung, sondern um Disziplin

Ein Vater meldet sich, selbst Altschüler, und pflichtet Bueb bei. Er fand es im Internat ungemütlich, sagt er, jetzt habe er ein elfjähriges Kind, dem es dort ganz gut gehe. "Es geht wohl nicht um Superbildung, sondern um Disziplin." Jugendliche sollten Verzicht lernen, sagt auch Bueb, denn das sei die Grundlage aller Kultur.

Bueb sagt, Deutschland brauche Privatschulen, die für ein neues Bildungsmodell gegründet worden seien und nicht für Reiche. Dass das Stipendiensystem vieler Privatschulen nicht ausreiche, um jedem den Schulbesuch zu ermöglichen, sei ihm klar, und er hofft auf Unterstützung: "Es wäre gut, wenn der Staat das schaffen würde."

Manche Altschüler sprechen nun die Eltern an und werben für ihre Schule. Auch der Mann von Ulrike Börstinghaus ist ein Altschüler, er war auf dem Rosenberg, so wie viele hier. Das Ehepaar sucht für den 15-jährigen Sohn nach einer geeigneten Einrichtung. Erst einmal soll er ein Ferienlager in der Schweiz besuchen, danach wollen sie weitersehen.

Ulrike Börstinghaus hat ein Kind an einer staatlichen Schule und eines an einer Privatschule, daher kennt sie die Nachteile und Vorzüge: "An staatlichen Schulen gibt es keine Disziplin, es wird nichts mehr verlangt, man muss sich nicht mehr anstrengen", sagt sie kopfschüttelnd. In Wiesbaden hört man es allerorten: das Lob der Disziplin - und nicht des Verwöhnens.



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