Bildungspolitik in NRW Sechs, setzen!

Das rot-grüne Scheitern in NRW manifestierte sich für viele Wähler auf den Schulhöfen: Inklusion, G8/G9, Integration. Dabei hatte die Koalition am Anfang gerade hier gepunktet. Was ist da schiefgelaufen?

Hannelore Kraft (li) und Sylvia Löhrmann
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Hannelore Kraft (li) und Sylvia Löhrmann

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Sylvia Löhrmann, grüne Schulministerin in NRW, zeigt sich nach der klaren Wahlniederlage in NRW zerknirscht. "Wir haben dran gearbeitet, aber offenbar nicht gut genug", sagte sie am Montag nach ihrer Abwahl aus der Regierungsverantwortung mit Blick auf die großen schulpolitischen Themen des Landes: Inklusion, Schulzeitverkürzung und Flüchtlingsbeschulung.

Es sei eben ein "Risiko" und "mutig" gewesen, 2010 das Schulressort zu übernehmen, weil es in diesem Bereich "immer ganz, ganz große Herausforderungen zu bewältigen" gebe, so Löhrmann im Interview mit WDR 5. Im Rückblick lässt sich sagen: Das Risiko war zu hoch; der Mut hat sie vielleicht manchmal verlassen.

Dabei war Löhrmanns Strategie lange erfolgreich: Die Grünen-Politikerin setzte auf Deeskalation, organisierte an Rhein und Ruhr den "Schulfrieden" mit der bürgerlichen Opposition und beendete damit einen Jahrzehnte alten Stellungskrieg in der NRW-Bildungspolitik. Im Gegenzug verzichtete sie auf allzu strikte Vorgaben von oben, räumte dafür den Schulen und Kommunen große Freiheiten ein - von der Schulzeitverkürzung über mögliche Schulformen bis hin zur Inklusion.

Finanzielle Absicherung fehlt

Was in den ersten Jahren ihrer Amtszeit noch funktionierte, klappte zuletzt jedoch nicht mehr: Die fehlenden Vorgaben wurden der Schulministerin zunehmend vorgehalten. Genervt zeigten sich die Wähler von der Vielfalt der Schulen vor Ort. Weniger Möglichkeiten, dafür klarere Ansagen aus Düsseldorf hätten hier vielleicht geholfen. Und insbesondere bei der Inklusion, ihrem Leib- und Magenthema, fehlten Löhrmann schlicht die Mittel, um die Schulen angemessen auszustatten und damit sichtbare Erfolge in der Breite zu ermöglichen.

Das, was sie politisch stets vehement gefordert hat, war damit kaum einzulösen. So wurde es für die ehemalige Lehrerin immer schwieriger, die Balance zu halten - zwischen dem politisch hohen Anspruch einer vollständigen Inklusion von Kindern mit Förderbedarf in den Regelschulen einerseits und den personellen und finanziellen Rahmenbedingungen andererseits.

Genau das haben die Wähler nicht nur Löhrmann, sondern der ganzen rot-grünen Landesregierung letztlich zum Vorwurf gemacht: Der ARD-Wahlanalyse zufolge war die Schulpolitik das wichtigste Wahlthema, 29 Prozent der Befragten nannten diesen Bereich. Nur 22 Prozent erwähnten die politische Weltlage, 15 Prozent die innere Sicherheit in NRW.

Wackelkurs bei G8

Auch beim anderen großen Schulthema, dem Umgang mit dem Turboabitur, wird Löhrmanns Pragmatismus ihr jetzt zum Vorwurf gemacht. 2010 hatten die Grünen im Landtagswahlkampf noch mit dem Slogan "Mehr Zeit zum Lernen" für eine Rückkehr zu G9 geworben. Nach einiger Zeit als Schulministerin vertrat sie dagegen eine andere Position: Eine Rückkehr für G9 sei "falsch", warb Löhrmann ein paar Jahre später. Um dann, im Herbst 2016, auf die zunehmende öffentliche Kritik an der verkürzten Schulzeit bis zum Abitur mit einem Konzept zu antworten, dass eine G9-Rückkehr für die Gymnasien doch wieder möglich machen sollte - in eigener Entscheidung vor Ort.

Das Thema sei eben nicht leicht zu vermitteln gewesen "durch Eltern, die einmal G8 wollen, andererseits dann wieder G9 wollen - das ist dann ja auch ein bisschen schwierig zu handeln", entschuldigte Sylvia Löhrmann ihren Kurs. Andere Länder hatten zuvor ihre Kehrtwenden deutlich entschiedener und mutiger durchgeführt: Erst beschloss Niedersachsen die radikale Rückkehr zu G9, zuletzt hatte Bayern die Notbremse beim Turboabitur gezogen.

Es ist vielleicht eine Ironie der Geschichte, dass die abgewählte rot-grüne Landesregierung ausgerechnet bei einem umstrittenen Thema Erfolg hatte: Die Integration zehntausender Flüchtlingskinder in die Schulen ging weitgehend reibungslos über die Bühne. NRW zählt zu den wenigen Bundesländern, die den Bereich Schulpsychologie vor dem Hintergrund der Zuwanderung noch einmal aufgestockt hatten - doch dieser Erfolg ließ sich im Wahlkampf ganz offenkundig nicht vermitteln.



insgesamt 108 Beiträge
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belein 15.05.2017
1. Sie haben es vermasselt
Aus der Ferne scheint mir der innenministerielle Eiertanz die Hauptursache der krachenden Wahlniederlage zu sein. Wer sich so "doof stellt" und bei nachgewiesenermassen falschen oder zumindest schlechten Entscheidungen nicht einlenkt, gegensteuert oder sonstwie angemessen reagiert hat in der Regierungsverantwortung nichts verloren.
stefan.martens.75 15.05.2017
2. Es geht nicht um Inklusion oder nicht!
Es geht um funktionierende Konzepte und klare und konsequente politische Entscheidungen. Ihr wollt Inklusion? Die Integration von schwachen und förderungsbedürftigen Schülern in Leistungsklassen? Dann zahlt verdammt nochmal das Geld, dass dafür notwendig ist ohne die Klassen/Schüler und Lehrer zu überfordern! Dazu ist Rot/grün aber zu Feige denn irgendwo muss das Geld ja herkommen! Mit irgendwem muss man sich da anlagen um seine Ideale zu finanzieren. Also kommt Inklusion ohne Mittel und ohne Fundament als Ideologie. Kann nicht funktionieren und muss Schäden verursachen.
steellynx 15.05.2017
3.
Mein Vater war bis vor kurzem Gymnasiallehrer, seine Freundin ist noch Grundschullehrerin. Ich habe noch einige Freunde und Bekannte mit diesem Beruf. Niemand sagt, dass Inklusion eine gute Idee wäre. Das geht zu Lasten aller, sowohl der Nerven der Lehrer, der anderen Kinder und auch der inkludierten. In seltenen, harmloseren Fällen ging das recht gut, in schweren Fällen war teilweise gar kein Unterricht möglich. So gern ich allen Menschen gleiche Rechte geben würde, so sehr bin ich auch der Meinung, dass Förderschulen keine Strafe sind. Es ist schlicht die bessere Wahl für alle. Wer das aber garantiert nicht wahrhaben will sind Eltern. Die wahrscheinlich mit Abstand unreflektierteste Bevölkerungsgruppe der Welt, sofern es um den eigenen Nachwuchs geht.
sachfahnder 15.05.2017
4. Nicht nur
... der "Blaue" Brief wurde ignoriert und nun ist die Versetzung fehlgeschlagen, es muss wiederholt werden ...
RioTokio 15.05.2017
5. Inklusion
Es geht nicht einmal um die "fehlende" finanzielle Ausstattung für ein Gelingen der Inklusion. Was will man mit viel Ausstattung erreichen? Miniklassen oder zwei Leher gleichzeitig in einer Klasse? Selbst wenn das gegeben ist, bleibt es unverständlich wie gleichzeitig der Stoff unterschiedlichster Lernlevel und -geschwindigkeiten vermittelt werden kann. Zumindest für geistig behinderte Kinder scheint eine spezielle Förderung durch speziell geschulte Lehrer am Besten. Das wurde aber gerade abgeschafft. Was den schönen Nebeneffekt hatte, dass man Förderschulen einsparen kann. Welchen Nutzen Regelschüler von einer Inklusionsklasse - jenseits von Kuschelpädagogischen Vorstellungen haben soll - erschließ sich nicht.
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