O du fleißige Der Stresstag eines Christkindes

Das Christkind wohnt in einem Nürnberger Reihenhaus, hat schulfrei und einen Terminplan wie ein Manager: Eva Sattler, 17, wirbelt als blonduliertes Engelchen zwölf Stunden täglich durch die Stadt. SPIEGEL ONLINE hat die Gymnasiastin an einem langen, harten Tag begleitet.

Von Katrin Zeug


Stadt Nürnberg

Eigentlich ist Eva Sattler, 17, ein ganz normales Mädchen. Sie lebt mit Bruder, Vater und Mutter in einem Reihenhaus in Nürnberg, geht in die zwölfte Klasse der Löhe-Schule und fährt in ihrer Freizeit gern Snowboard. Doch die letzten vier Wochen waren ein bisschen anders. Von der Schule wurde sie befreit, Freizeit gibt es keine mehr. Seit dem ersten Advent schlüpft Eva jeden Tag in die Rolle des Christkinds.

Das Christkind kommt aus einer der besseren Gegenden in Nürnberg. Es steht im Flur der hellen Wohnung, die vielen Locken hängen ihm vorm Gesicht, während die Mutter den Reißverschluss des schweren Brokatkleides zuzieht und die goldene Schleife um den Bauch bindet. "Nicht so fest", sagt das Christkind leicht verstimmt und hustet mit rauem Hals. Gestern wurde es etwas später, und dann hat es sich auch noch eine Erkältung eingefangen.

8.30 Uhr: Aufbruch.
Der Tag fängt nicht gut an heute. Doch da muss man durch. Schließlich ist Weihnachtszeit. Darum nimmt das Christkind seinen kleinen Bastkorb mit den Pausenbroten und dem Tee und stapft hinter Chauffeur Micha zum Wagen.

9 Uhr: Kindergarten.
Alle Fenster sind abgedunkelt, auf dem Boden stehen flackernde Kerzen zwischen Tannenzweigen, selbstgebastelte Engel hängen von der Decke. Die 20 Kinder im Stuhlkreis sitzen still, als wären sie an der Spannung erstickt oder schliefen noch halb. So richtig können sie der Geschichte vom kleinen Tannenbaum nicht folgen, die ihnen das Christkind aus seinem goldenen Buch vorliest. Erst als das Christkind fragt, was sie von ihm erwarten, wachen sie auf und rufen im Chor: "Geschenke!"

Eva Sattler im Rauschgoldengel-Kostüm: Terminplan wie ein Manager
Stadt Nürnberg

Eva Sattler im Rauschgoldengel-Kostüm: Terminplan wie ein Manager

10.30 Uhr: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das Christkind steht im sterilen Flur und wird durch Glastüren geführt: Drei verschiedene Stationen warten, Kinder und Jugendliche aus verschieden Altersgruppen mit allen nur erdenklichen psychischen Leiden. Es soll ein Krippenspiel vorgetragen und gesungen werden. Das Christkind nickt souverän und tritt ein. "Freut ihr euch, dass ich da bin?", fragt es in die Runde. Keiner antwortet. Lethargisch leere Augenpaare starren das Christkind an, schüchterne, entschuldigende Blicke gehen an ihm vorbei, manche Augen blitzen provokant. Beim letzten Besuch auf dieser Station ist das Christkind beinahe in Ohnmacht gefallen, diesmal ist es stark. Nach einem kleinen, unangenehmen Moment sagt ein Junge: "Ich wünsche mir, dass du den ganzen Tag bleibst und mit uns Plätzchen isst." Alle anderen nicken freundlich.

Mittagspause.
Das Christkind steigt in den Wagen, nimmt die Krone ab und lässt sich auf die Rückbank fallen. Edith Kerndler vom Presseamt der Stadt Nürnberg ist jetzt auch mit im Auto. Sie koordiniert den Terminplan des Christkindes und ist zusammen mit den drei Chauffeuren die einzige Unterstützung für das himmlische Ehrenamt. "Du machst das toll", sagt Kerndler zu ihrem Schützling und drückt das Christkind gerührt an ihre Brust. Während des Mittagessens in der Rathaus-Kantine reden die Managerin, der Chauffeur und das Christkind über das Schlechte in der Welt.

14 Uhr: Sternenhaus auf dem Weihnachtsmarkt.
Hunderte Kinder und ihre weihnachtsgestressten Eltern lauschen dem Christkind. Mit hellem Licht bestrahlt thront es auf der Bühne und erzählt von Engeln, die in der Morgenröte Plätzchen backen. Die Kinder umringen es, als es anschließend ins Freie auf den Markt schreitet, wo es hinter einer Wand hektisch fotografierender Eltern verschwindet. Der regelmäßige Spaziergang des Christkindes über "seinen Markt", das "Christkind zum Anfassen" ist eine Maßnahme des Stadtmarketings, damit der Nürnberger Christkindlesmarkt beim nächsten Weihnachtsmarktranking wieder besser abschneidet. Die Luft ist frisch, das Christkind geht zum Wagen und zieht sich eine Jeans unter den goldenen Rock – vor dem nächsten Innentermin muss es noch einen Glühwein mit Sponsoren der Weihnachtsbeleuchtung trinken.

17 Uhr: Sozialpsychiatrischer Dienst. Das Christkind erscheint wunderschön und jung und rein, wie es da vorn neben dem geschmückten Baum steht und das Engelsgedicht aufsagt. Die Gäste in dem Saal, Menschen mit psychischen Krankheiten oder Angehörige psychisch Kranker, sitzen schon seit zwei Stunden beisammen. Hinten an der Wand, gleich neben der Tür, hängt eine Frau mit langen glatten Haaren in sich zusammengesackt auf ihrem Stuhl und konzentriert sich. Als das Christkind die Arme ausbreitet und seine goldenen Flügel zeigt, stehen ihr Tränen in den Augen - so viel heile Welt sieht sie selten.

18.30 Uhr: Behindertendisco.
Eine große Halle im Industriegebiet ist mit Discokugeln geschmückt. Drinnen hämmert der Bass, vor dem DJ-Pult stampft ein kleines Grüppchen gutgelaunter Partygäste zur Musik. Als das Christkind auf der Bühne frohe Weihnachten wünscht, fängt einer zu grölen an, ein anderer zupft ehrfürchtig am langen Kleid. Dann tanzen sie lieber wieder weiter.

19.45 Uhr: Weihnachtsfeier im Herz-Sport-Verein.
"Sag irgendwas mit Gesundheit", ruft eine der Veranstalterinnen dem Christkind noch zu, als es nach vorn zum Mikrofon geht. "Für das Jahr 2007", improvisiert dieses geschickt am Ende der kurzen Ansprache, "möchte ich Ihnen das einzig Wichtige wünschen, was wirklich zählt: Gesundheit!" Das Publikum älterer Herzpatienten klatscht und nickt vielwissend.

20.15 Uhr: Fototermin mit Japanern im Grand Hotel.
Der letzte Termin ist auch eine Idee des Stadtmarketings: Das Christkind besucht Touristengruppen. Sechs frisch verheiratete japanische Ehepaare haben gerade im Restaurant des Grand-Hotels zu Ende diniert, als das Christkind herein kommt. Sie freuen sich über das Kleid, wissen aber nicht genau, was ein Christkind ist. Als es ihnen der Reiseleiter erklärt, rufen alle "Oohh!", nicken anerkennend. Jeder lässt sich einmal mit dem Christkind fotografieren - die Finger zu Peace-Zeichen gespreizt.

20.45 Uhr: Feierabend.
Die Schultern schmerzen vom schweren Gewand, Chauffeur Micha hilft in den Wagen und bringt das fleißige Mädchen nach Hause.

Ab Heiligabend wird sie wieder Eva Sattler sein. Freunde anrufen, ein paar E-Mails schreiben, die Terminhatz ist vorbei: Erst wenn das Christkind kommt, kann das Nürnberger Christkind gehen.



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