Odenwaldschule Das Aus rückt näher, jetzt aber endgültig

Die Odenwaldschule schließt; es geht weiter; sie ist insolvent; es gibt ein neues Konzept: Seit Monaten läuft der Hickhack um die Zukunft der Skandalschule. Jetzt hat das Land Hessen die Genehmigung zur vermutlich letzten Rettung verweigert.

Odenwaldschule in Ober-Hambach (Hessen): Keine Landesgenehmigung für das neue Schuljahr
DPA

Odenwaldschule in Ober-Hambach (Hessen): Keine Landesgenehmigung für das neue Schuljahr


Eigentlich hätte es am kommenden Montag starten sollen, das neue Schuljahr in Hessen, auch an der Odenwaldschule. Doch das Konzept zur Fortführung des insolventen Internats bekommt von den Aufsichtsbehörden keine Genehmigung. Das teilten das hessische Kultus- und das Sozialministerium des Landes am Mittwoch in Wiesbaden mit.

Laut den Behörden sind die "im eingereichten Konzept vorgesehenen und schriftlich vorliegenden Schülerzahlen für einen langfristigen wirtschaftlich beziehungsweise finanziell tragfähigen Schulbetrieb nicht valide belegt und daher nicht ausreichend".

Sollte vonseiten der Investoren und der Insolvenzverwalterin kein Widerspruch eingelegt werden, bedeute dies das endgültige Aus der Schule, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums.

Investoren und Eltern hatten geplant, die Schule unter dem Namen "Schuldorf Lindenstein" weiterzuführen. Im Internet wird dafür bis heute nach "Lehrkräften Sek II mit 2. Staatsexamen" für die Fächer Deutsch, Englisch und Französisch gesucht. Geboten werde "die Chance, eine neue Schule jetzt aktiv mitzugestalten".

Nach dem Nein zum "Schuldorf Lindenstein" teilten die Initiatoren am Mittwoch mit: "Die Entscheidung des Hessischen Kultusministeriums und des Hessischen Sozialministeriums bedauern wir sehr. Wir werden die Entscheidung juristisch prüfen und behalten uns rechtliche Schritte vor."

"Persönliche wie berufliche Schicksale"

In der Odenwaldschule war sexueller Missbrauch lange vertuscht worden; vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren waren mindestens 132 Schüler den Übergriffen von Lehrern ausgesetzt. Vor fünf Jahren kamen viele Fälle an die Öffentlichkeit. In der Folge ging die Zahl der Schüler spürbar zurück und damit auch das Schulgeld für das Privatinternat. Zuletzt gab es noch rund 150 Schüler und fast 110 Mitarbeiter.

Auf die Enthüllungen folgten zudem Zerwürfnisse in der Schulleitung, Aufsichtsbehörden griffen ein, immer wieder legte die Schule neue Konzepte vor.

Mitte Mai hatte die Odenwaldschule noch verkündet, nach einem Rettungsappell in letzter Minute seien mehr als 2,2 Millionen Euro für den Weiterbetrieb zusammengekommen. Einen Monat später wurde dann bekannt gegeben, dass ein Insolvenzantrag gestellt wurde. Die Querelen an der Spitze hielten auch danach an.

Trotz all dem wollte die Lindenstein-Initiative versuchen, die Schule in abgespeckter Form weiterzuführen.

Laut Ministerien haben alle der im vergangenen Schuljahr 2014/15 an der Odenwaldschule unterrichteten Schüler bereits einen neuen Schulplatz bekommen. "Alle Beteiligten sind sich der Tatsache bewusst, dass mit der getroffenen Entscheidung auch persönliche wie berufliche Schicksale verbunden sind", teilten die Ministerien mit. "Im Sinne einer nachhaltigen und langfristigen Beschulung der Kinder ist den Behörden aber keine andere Entscheidung möglich gewesen."

him/lgr/dpa



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chewbakka 02.09.2015
1. Schad' ist's nicht!
Mal abgesehen von dem Wirbel um den Missbrauch - das ganze Konzept dieser 'Schule' ist doch völlig aus der Zeit gefallen gewesen. Hatte das zweifelhafte Vergnügen einige Absolventen dieser 'Anstalt' kennen zu lernen und kann nur feststellen: Die hatten - sozialverträglich ausgedrückt - eine sehr eigene Sicht auf die Realität mitbekommen. Nix für ungut, aber solche 'Schulen' brauchts wirklich nicht.
Sam M. 02.09.2015
2. Ein Stueck weit Geschichte
Schade, dass die Odenwald-Schule so enden muss,- das ist so ueberfluessig wie ein Kropf! Zusammen mit einigen anderen Internaten war die "OSO" ein Vorreiter-Projekt moderner Paedagogen von vor rund 100 Jahren, die frischen Wind in die verstaubte Art des (preussischen) Lehrens gebracht haben und den Begriff Erziehen mit einem neuen Inhalt versehen haben. Klar war die "OSO" wie viele andere Internate den besser Betuchten vorbehalten, aber wer dort lernte und gross wurde, der hatte einen sehr positiven Anschub fuer den Rest seines Lebens bekommen. Vieles an Paedagogik, was dort praktiziert wurde und wird, hat es bis heute noch nicht an die staatlichen Schulen geschaft,- leider!
sinasina 02.09.2015
3. Schluss? Gott sei Dank!
Gott sei Dank! * Ich war ein großer Befürworter dieser Schule * Aber was sich die Schule dann gegenüber den Missbrauchs-Opfern herausgenommen hat, spottet jeder Beschreibung. * Und dass sich nach dem öffentlichen Skandal ein pädophiler Lehrer erdreistet, sich dort neu anstellen zu lassen - zeigt doch, was die Schule nach wie vor ist: Ein Anlaufstelle für pädophile Lehrer / Mitarbeiter. * Offenbar sind pädophile Netzwerke sehr viel langlebiger, als gedacht. * Ich jedenfalls beglückwünsche das Land Hessen zu seiner Entscheidung - lang genug hat es ja gedauert. Man sollte nicht vergessen, dass Jugendämter sehr viel Geld an die Odenwaldschule bezahlt haben, damit Kinder aus desolaten Familien (und oft mit Missbrauchhintergrund) dort zur Schule gehen konnten. * Jeder, der nach dem bekannt werden des Missbrauchs immer noch die "guten Seiten" der Schule betont - sollte sich vor Augen halten: In dieser Schule wurde über Jahrzehnte Kinder missbraucht, die daran ein Leben lang zu tragen haben werden.
Dark Agenda 02.09.2015
4.
Die Zuschriften zeigen schon das Problem. Hier geht es um Ideologie. Die hat in der Schule nichts verloren. Zugegeben herkömmliche Vanilla-Schulen sind auch nicht unbedingt ideologisch neutral aber die Lehrer, die ich so kannte (stinknormales Gymnasium) gab es in allen Schattierungen ebenso wie die Schüler. Den Ansatz, dass der Lehrer der Freund des Schülers sein muss, halte ich für völlig verfehlt. Professionelle Distanz, gleichzeitig ohne Kälte und wo es nötig ist auch menschliches Verständnis für den Schüler halte ich für die richtige Mischung. Der Lehrer soll ein Vorbild sein und dem Schüler, der ja schon durch die Altersdifferenz und seine hormonelle Ausnahmesituation im Hintertreffen ist und sich nicht wehren kann, nicht auf die Pelle rücken.
hubertrudnick1 02.09.2015
5. Odenwaldschule
Einst von allen hochgelobt und dann tief gefallen, hatte man nie wirklich wissen wollen, was dort alles ablief?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.