OECD-Schulstudie Wie die Integration zugewanderter Kinder gelingt

Kinder mit Migrationshintergrund haben es in der Schule oft schwerer als einheimische. Laut einer Studie klafft die Lücke in Deutschland besonders weit auseinander. Doch es gibt Hoffnung.

Fünftklässler in Stuttgart
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Fünftklässler in Stuttgart

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Sind Zuwanderer eine Last, weil es Geld kostet, sie unterzubringen, sie in Deutsch zu unterrichten, sie aus- und weiterzubilden? Oder sind sie ein Gewinn, weil sie neue kulturelle Impulse mitbringen, zum konjunkturellen Wachstum beitragen und den Fachkräftemangel abmildern?

Spätestens seit vor zwei Jahren Hunderttausende Menschen in Deutschland Zuflucht suchten, sorgen solche Fragen regelmäßig für Streit. Dabei hängt es von mehreren Faktoren ab, wie gut sich Zuwanderer in eine Gesellschaft einfügen können. Einer davon: das Bildungssystem.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat am Montag eine Studie veröffentlicht, in der sie für alle 35 OECD-Länder vergleicht, wie gut sich Kinder mit Zuwanderergeschichte in ihre Schulen integrieren. Das lässt sich nicht nur an Noten ablesen, sondern hängt auch davon ab, wie wohl sich Kinder an ihren Schulen und mit ihrem Leben generell fühlen. Hier sind die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Wie gut schneiden Schüler mit Migrationshintergrund ab?

Einen "Migrationshintergrund" haben laut Studie alle Schüler, die im Ausland zur Welt kamen oder mindestens ein Elternteil haben, das im Ausland geboren wurde. In Deutschland trifft das auf etwa jeden dritten Schüler zu. In allen OECD- und EU-Ländern ist es im Schnitt jeder vierte 15-Jährige.

In der Schule schneiden sie fast überall tendenziell schlechter ab als Kinder ohne Migrationshintergrund, was die Forscher auch auf schlechtere Kenntnisse der Landessprache und einen schwächeren sozio-ökonomischen Hintergrund zurückführen. Das betrifft Kinder, die selbst im Ausland geboren sind, generell stärker als Kinder, deren Eltern einst eingewandert sind.

Doch es gibt große Unterschiede zwischen den Ländern. Grundlegende Kenntnisse (Pisa Basislevel zwei) in den Fachbereichen Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik erwarben OECD-weit knapp 50 Prozent der Schüler, die selbst eingewandert waren - verglichen mit gut 70 Prozent der Schüler, die keinen Migrationshintergrund hatten.

Die Forscher bezogen sich hier auf die Ergebnisse der Pisa-Studie 2015. Als grundlegend betrachten sie es zum Beispiel, wenn ein 15-jähriger Schüler einfache und vertraute Texte flüssig lesen und ohne Hilfe Fragen dazu beantworten und Verbindungen zu seiner eigenen Welt herstellen kann.

Die größte Kluft stellten die Wissenschaftler in Finnland fest, wo nur 41 der zugewanderten und 83 Prozent der einheimischen Kinder solche grundlegenden Fähigkeiten in den drei Fächern vorweisen konnten. Auffallend stark (mehr als 30 Prozentpunkte) war die Differenz auch in Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Schweden und in Deutschland.

Die Lücke schrumpft, je länger Familien in einem Land leben. In Deutschland betrug sie für hierzulande geborene Kinder, deren Eltern beide aus dem Ausland stammten, noch etwas mehr als 20 Prozentpunkte. Wenn nur ein Elternteil aus dem Ausland kommt, lag der Unterschied bei rund 12 Prozentpunkten.

Die Studie zeigt, dass es auch anders geht: So schnitten Kinder, die im Ausland geboren waren, in mehreren Ländern besser ab als einheimische Kinder, zum Beispiel in Singapur, Macao, Malta, Katar, Montenegro, Jordanien und Russland.

  • Wie wohl fühlen sich zugewanderte Kinder an ihren Schulen?

15-Jährige verbringen viel Zeit in der Schule. Deshalb ist es laut Studie wichtig, dass sie sich dort akzeptiert fühlen. Das schütze sie vor Drogenkonsum, Schulschwänzerei und mentalen Problemen.

Die Unterschiede sind beim Wohlbefinden weniger groß als bei den Leistungen: OECD-weit fühlen sich 67 Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund und 59 Prozent der im Ausland geborenen Kinder ihren Schulen zugehörig. Fast 30 Prozentpunkte betrug der Abstand in Brasilien und Litauen. In Deutschland lag er bei acht Prozentpunkten.

Unter anderem in Australien, Neuseeland und Singapur fühlten sich zugewanderte Kinder an ihren Schulen sogar stärker zugehörig als einheimische Kinder.

Methodik
    Die vorliegende Studie basiert auf Daten der Pisa-Erhebungen und des European Social Survey ESS. Letztere ist eine Auswertung, die alle zwei Jahre Einstellungen und Verhaltensmuster der Bevölkerung in mehr als 30 europäischen Ländern erhebt.
  • Wie stark leiden zugewanderte Kinder unter Schulangst?

OECD-weit treibt gut sechs von zehn Schülern Angst vor der Schule um. Unter Kindern, die neu ins jeweilige Land kamen, gilt das im Schnitt für fast sieben von zehn. Besonders groß ist der Abstand in dieser Hinsicht unter finnischen, französischen, österreichischen, niederländischen und auch unter deutschen Schülern.

Hierzulande liegt er bei 14 Prozentpunkten. Weniger als die Hälfte der einheimischen Schüler aber etwa sechs von zehn zugewanderte Kinder leiden unter Schulangst.

  • Wie motiviert sind zugewanderte Kinder?

Weniger talentierte Kinder, die jedoch sehr ehrgeizig sind, seien tendenziell erfolgreicher als Schüler mit großen Begabungen, die sich selbst schlecht motivierten können, schreiben die Forscher.

Und an Motivation mangelt es zugewanderten Kindern selten, wie ihre Studie zeigt. Im OECD-Schnitt berichteten sieben von zehn, dass sie die Besten sein wollten in allem, was sie anpacken. Unter einheimischen Kindern hatten nur gut sechs von zehn diese Einstellung. Deutschland, die Niederlande und Belgien gehören zu den Ländern, in denen zugewanderte Schüler deutlich motivierter sind.

Fazit:

Die Ergebnisse variieren stark von Land zu Land. Das hat viel damit zu tun, dass Bildungserfolg sehr von der sozialen Schicht abhängt - und der unterscheidet sich oft zwischen Zuwanderergruppen. Auch die Sprache, Infrastruktur und Kultur des Gastlands spielt eine Rolle: So steigen der Studie zufolge Einwanderer aus derselben Schicht in den USA schneller auf als in Luxemburg oder in den Niederlanden.

Aus allen Faktoren, die laut OECD zum Bildungserfolg beitragen, haben die Forscher einen Wert für das sozial, emotionale und akademische Wohlbefinden der Schüler errechnet, die sogenannte Resilienz.

Die lag für Einwandererkinder der ersten Generation in Deutschland ziemlich exakt auf dem Durchschnitt der OECD-Staaten, wobei sich einheimische Schüler hierzulande überdurchschnittlich wohl fühlten. Am besten schnitt Estland ab, Mexiko hingegen am schlechtesten, was die akademische, soziale und emotionale Lage zugewanderter Kinder betrifft.

Wichtig ist, dass sich in fast allen Ländern - auch in Deutschland - die Resilienz der Kinder mit Migrationshintergrund dramatisch an die der einheimischen Schülerschaft anglich, je länger ihre Familien im jeweiligen Land lebten.

Schulen können diesen Prozess aktiv beschleunigen, schreibt die OECD. Hilfreich seien zum Beispiel:

  • eine frühe Förderung in der jeweiligen Landessprache
  • interkulturelles Training für Lehrer
  • Anti-Mobbing Programme
  • gute außerschulische Angebote
  • die Einbeziehung der Eltern ins Schulleben.


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