Chancengleichheit Chantal hat keine Lobby

Das Bemerkenswerte an der neuen OECD-Studie: Sie bescheinigt einen Missstand, der seit Jahren bekannt ist. In Deutschland hängt der Schulerfolg stark vom Elternhaus ab. Der Wille, das zu ändern, fehlt.

Schüler im Klassenzimmer (Symbolbild)
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Schüler im Klassenzimmer (Symbolbild)

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Chantal, 12 Jahre, hat von Chancengleichheit nie gehört. Sie heißt wirklich so, eine Pausenbekanntschaft bei einer Schulreportage. Ein Mädchen mit dem großen Bedürfnis, dass ihm mal jemand zuhört.

Chantal wohnt mit Mutter, Schwester, Stiefvater und sechs Monate altem Halbbruder in einer Zweizimmerwohnung in einer deutschen Großstadt. Absolut keine bevorzugte Wohngegend. Mittendrin liegt die Schule. Hier bemüht sich Chantal zu lernen, ist aber leider in den meisten Fächern schlecht.

Dass sich das ändern wird, ist statistisch betrachtet unwahrscheinlich. Chantal repräsentiert all das, was Bildungsforscher meinen, wenn sie von "Kindern aus sozial benachteiligten Familien" und Bildungsungerechtigkeit sprechen. Zu Hause gibt es wenig Geld, wenig Bildung, wenig Bücher, dafür jede Menge Probleme - und von außen wird das viel zu wenig kompensiert.

Kinder wie Chantal sind der Grund, warum der OECD-Bericht, der an diesem Dienstag veröffentlicht wurde, unglaublich wütend macht.

Seit dem Pisa-Schock 2001 zeigt eine Studie zum x-ten Mal, dass der Schulerfolg in Deutschland stärker an den sozialen Hintergrund gekoppelt ist als in vielen anderen Industrienationen. Zwar werden langsam Verbesserungen erzielt, aber andere Länder sind längst weiter. Eine DGB-Studie belegte am Tag zuvor, dass die Politik ihr Versprechen vom "Aufstieg durch Bildung" beim Dresdner Bildungsgipfel vor zehn Jahren bis heute nicht erfüllt hat.

Es fehlt schlicht der Wille, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen - in der Politik ebenso wie bei der Mehrheit der Wohlstands- und Bildungsbürger in dieser Gesellschaft. Sie könnten Druck ausüben, nachhaltige Veränderungen anschieben, tun es aber nicht - weil sie um Privilegien fürchten.

"Müsste ich mir ein System ausdenken, dass soziale Unterschiede manifestiert und Privilegien innerhalb bestimmter Gesellschaftsschichten belässt, könnte das deutsche Schulsystem ein Vorbild sein", sagt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos.

Nirgendwo sonst werden Kinder schon so früh nach Leistung getrennt wie in Deutschland, und gerecht geht es dabei nicht zu. Die Wahrscheinlichkeit, aufs Gymnasium zu gehen, ist für Akademikerkinder deutlich höher als für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, wie die DGB-Studie zeigt.

Noch eine deutsche Besonderheit: Der Unterricht endet an vielen deutschen Schulen vergleichsweise früh. Nachmittags kümmern sich Eltern um Hausaufgaben und Nachhilfe, gleichen aus, wenn der Unterricht nicht gut läuft oder ausfällt - oder sie tun es eben nicht. OECD-Forscher dagegen empfehlen im Sinne von mehr Chancengleichheit zum Beispiel Ganztagsschulen, Schüler sollten außerdem mehr Jahre gemeinsam lernen, am besten in sozial gemischten Klassen.

Es wäre falsch zu sagen, in Deutschland würde sich gar nichts tun. Einzelne Bürger mit Verantwortungsgefühl engagieren sich zum Beispiel als Bildungspaten, um Kinder wie Chantal zu fördern, wo ihre Eltern es nicht können und die Schule überfordert ist. Das sollte in einem Land, das einst "Bildungsrepublik" werden wollte, eigentlich gar nicht nötig sein. Aber Politik und Gesellschaft insgesamt bewegen sich bei Reformen für mehr Chancengleichheit in etwa so zäh und langsam wie Schüler, die nach dem Gong wieder zum Unterricht gehen.

Beispiel Ganztagsschule: Vor mehr als zehn Jahren schob die damalige rot-grüne Bundesregierung ein umfangreiches Programm zum bundesweiten Ausbau von Ganztagsschulen an. Erklärtes Ziel: mehr Chancengleichheit. Aber bis heute sind die regionalen Unterschiede immens. Hamburg hat laut DGB-Studie ein fast flächendeckendes Angebot, in Baden-Württemberg liegt die Quote nur bei 16,7 Prozent.

Zudem ist die Qualität der Nachmittagsgestaltung oft fragwürdig. Viele Schulen setzen auf Billig-Lösungen. So wird zwar Betreuung für Kinder berufstätiger Eltern gewährt. Aber Chantal zum Beispiel bekommt mit den Minijobbern, die an ihrer Schule wechselweise arbeiten, längst nicht die Förderung, die sie bräuchte.

Beispiel Gemeinschaftsschule: Viele Bundesländer setzen verstärkt auf Schulen, in denen Kinder deutlich länger zusammen lernen, und diese erleben großen Zulauf. Aber: Vom Gymnasium will man sich hierzulande trotzdem auf keinen Fall verabschieden. Widerstände gegen entsprechende Initiativen sind immens. Das Gymnasium dient einigen durchaus zur sozialen Abgrenzung und genießt zudem etliche Privilegien.

Besser bezahlte Lehrer, wenige Herausforderungen etwa durch Inklusion oder Integration von Flüchtlingen - Letzteres überlässt man im Wesentlichen anderen Schulformen. Gerecht wäre, diese Schulen zumindest deutlich besser auszustatten, insbesondere in sozial benachteiligten Stadtteilen. Aber das passiert bundesweit viel zu wenig. Kinder wie Chantal haben keine Lobby.

Video: Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem (SPIEGEL TV 2014)

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Seite 1
hugolette 23.10.2018
1. Chancengleichheit ist nicht gewünscht in Deutschland!
Die Chantal geht auf die Realschule und macht eine Lehre zur Rechtsanwaltsgehilfin. Alexander, der in der Grundschule genauso gut/schlecht war, geht auf das Gymnasium. Seine Eltern bezahlen ab Klasse 6 monatlich 150 € für Nachhilfe, das Abitur schafft er mit 3,2. Alex spielt Tennis, die Familie fährt 3* im Jahr in den Urlaub, die Mutter benutzt den Cayenne, sie geht nicht arbeiten, weil sie sich um die Kinder kümmert. Chancengleichheit ist nicht gewünscht in Deutschland!
FaselFaselFasel 23.10.2018
2. Drei Gruppen haben keine Lobby
Frühere Studien weisten daraufhin, dass in Schulen drei Gruppen diskriminiert bzw. drei Gruppen bevorteilt werden. Und zwar sind das Jungen-gegenüber Mädchen, Ausländer gegenüber Deutschen und Kinder mit armen Eltern gegenüber Kinder mit reichen Eltern. Ich möchte noch einmal klar machen dass es sich hier um echte Diskriminierung handelt und nicht nur um durchschnittlich schlechtere Abschlüsse oder Noten. MAn hat schlichtweg untersucht was die gerechte Note wäre für gewisse Tests und hat die Tests dabei anonymisiert. So kam heraus dass Jungs, Ausländer und Kinder von armen Eltern durchweg schlechtere Noten bekamen als sie es verdienten und Mädchen, Deuscthe und Kinder mit reichen Eltern durchweg bessere als sie verdienten. Und die Unterscheide waren durchaus enorm, es handelte sich fast um eien ganze Note zwischen den Gruppen. Der größte Unterschied war jedoch zwischen einem ausländischen Jugen aus armen Elternhaus und einem deutschen Mädchen aus reichem Elternhaus. Da betrug der Unterschied mehr als zwei Noten für die gleiche Leistung! Diese Sachen sind jedem, der sich ein bisschen damit befasst hat, bekannt, doch es gibt starke Lobbygruppen die diese Wahrheit nicht gelten lassen wollen. Erstens sind das die Feministen, dann die Konservativen und als drittes haben wir schlichtweg Eltern. Es sind ja meist reiche Eltern die unsere Gesellschaft bestimmen. Wenn es um das Wohl des eigenen Kindes geht, drückt auch der humanste und fairste Mensch gleich beide Augen zu.
ohjeee 23.10.2018
3. 1
Zitat von hugoletteDie Chantal geht auf die Realschule und macht eine Lehre zur Rechtsanwaltsgehilfin. Alexander, der in der Grundschule genauso gut/schlecht war, geht auf das Gymnasium. Seine Eltern bezahlen ab Klasse 6 monatlich 150 € für Nachhilfe, das Abitur schafft er mit 3,2. Alex spielt Tennis, die Familie fährt 3* im Jahr in den Urlaub, die Mutter benutzt den Cayenne, sie geht nicht arbeiten, weil sie sich um die Kinder kümmert. Chancengleichheit ist nicht gewünscht in Deutschland!
Das, was Sie hier beschreiben, ist klar eine Neiddebatte, weil Alex Eltern reich sind, deshalb die Mutter nicht arbeiten muss und sie ihrem Sohn Nachhilfe finanzieren können. Einzig der Punkt Nachhilfe könnte staatlich geregelt werden, aber mit Sicherhein nicht, ob Alex 3* im Jahr in den Urlaub fährt oder die Eltern Porsche fahren.
Bondurant 23.10.2018
4.
Es fehlt schlicht der Wille, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen mal abgesehen davon, dass diese Floskel nervt, denn entweder ist etwas gerecht oder nicht, aber nichts kann mehr oder weniger gerecht sein, fühlt für das, was die Autorin will, nicht der Wille, sondern die Möglichkeit. Vor Jahren schrieb ein Journalist, ich glaube gar in der Zeit, sinngemäß folgendes: "wenn von zwei gleich begabten Kindern nach Ende der Schulzeit das Kind aus der bildungsnahen Familie nicht mehr weiß und kann als das Kind aus der bildungsfernen, dann müsste man seinen Eltern aber schwere Vorwürfe machen." Darüber sollten alle mal genau nachdenken. Die einzige Möglichkeit, diese "Ungerechtigkeit" zu beseitigen besteht darin, die Erziehung von Geburt an komplett in staatliche Hand zu legen und zwar 24 Stunden am Tag.
peter schneider 23.10.2018
5. Komisch, Gesamtschulen sind noch schlimmer
Die Diagnose ist richtig und macht mich genauso wütend, aber länger gemeinsam lernen ist offensichtlich nicht die Lösung: In Bayern ist auch der Lernerfolg der weniger Privilegierten besser. Frappierender Weise ist aber in den SPD-Ländern, die sich - zu Recht! - für Chancengleichheit stark gemacht haben und dafür Gesamtschulen eingerichtet haben, der Schulerfolg aller Schüler - auch der benachteiligten! schlechter. Es muss also andere, wesentlichere Gründe geben. Ganz klar lässt sich sagen, dass es allen Schülern nicht schadet, wenn (wie in Bayern, aber nicht wie in Bremen) Leistung gefordert wird
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