Online-Schulen In den USA gefragt, in Deutschland Außenseiter

Klausuren werden zu Hause geschrieben, Pausenbrot gibt es auch keins mehr: Online-Schulen werden in den USA beliebter, doch öffentliche Schulen sehen in ihnen Geld saugende Parasiten. In Deutschland gibt es bislang nur zaghafte Ansätze für virtuelle Lernangebote.


Online-Schulen: Das große Buhlen um Schüler
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Online-Schulen: Das große Buhlen um Schüler

Es gibt sie bereits seit einigen Jahren, aber derzeit sehen sich Online-Schulen in den USA harscher Kritik ausgesetzt. Die kommt vornehmlich von Seiten ihrer öffentlichen Konkurrenz, wie www.wired.com berichtet - über mangelnde Nachfrage bei Eltern können die virtuellen Schulen nach eigenen Angaben nicht klagen.

Im Herbst 2002 sollen Schüler in 13 US-Bundesstaaten entscheiden können, ob sie morgens klassisch in den Schulbus steigen oder doch lieber nur den PC anwerfen wollen. Mehr als 40 Online-Schulen stellen ihre Dienste zur Verfügung.

Splendid isolation: Mehr Engagement?

Befürworter der isolationsfördernden Unterrichtsmethode betonen, dass die Schüler virtueller Schulen zu mehr Eigenverantwortlichkeit und Engagement erzogen würden - ihnen sei es schließlich erlaubt, das Lerntempo ihren individuellen Fähigkeiten anzupassen. In Schulen mit Klassenzimmern und Anwesenheitspflicht sei das nicht möglich.

Treueschwur an US-Grundschule: Stehen Schüler künftig zum Fahneneid vor dem PC stramm?
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Verfechter des traditionellen Schulsystems dagegen unken, dass die Schüler virtueller Schulen in wenigen Jahren ihren Kollegen an Präsenzschulen hoffnungslos hinterherhinken werden.

Prompt kam es zu ersten juristischen Geplänkeln. Die "Pennsylvania School Boards Association" reichte ihre Klage gegen die virtuellen Rivalen mit der Begründung ein, Online-Schulen verstießen gegen die Verfassung, da sie 1997 nicht im Schulgesetz berücksichtigt worden waren. Der Prozess läuft noch.

Konkurrenz um öffentliche Mittel

Die Verärgerung der öffentlichen Schulen wird verständlich, wenn man einen Blick auf die Finanzierung wirft: Seit geraumer Zeit werden viele Gelder, die sonst öffentlichen Schulen zugute gekommen wären, für die technische Ausrüstung von Online-Schulen und ihren Schülern verwendet - örtliche Konkurrenzkämpfe um neue Schüler sind entbrannt.

Zaghafte Ansätze gibt es auch in Deutschland. Während die Universitäten sich längst einen Wettbewerb um die schönsten E-Learning-Projekte liefern, ist die Zurückhaltung an den Schulen bisher groß. Doch am Mittwoch hat Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler den Startschuss zum Projekt "abitur-online.nrw" gegeben.

Zunächst erhalten rund 230 Schüler die Chance, die Reifeprüfung online nachzuholen. Drei Jahre lang lernen sie zur Hälfte im Präsenz-Unterricht, zur anderen Hälfte über eine spezielle Internet-Plattform. Zur Betreuung wurden 50 Lehrer eigens zu Online-Tutoren ausgebildet. Ein Schritt Richtung Online-Schule ist das Projekt aber kaum: Es richtet sich hauptsächlich an Berufstätige, die das Abitur nachmachen wollen - mit einem "Höchstmaß an Zeitautonomie und Selbststeuerung", so Ministerin Behler.

In Deutschland zählt der soziale Aspekt mehr

Das Bundesbildungsministerium sieht keine Gefahr, dass den herkömmlichen Schulen Mittel zugunsten von Online-Unterricht gekappt werden. "Allein schon die Schulpflicht bei uns verhindert die Einführung eines Online-Schulsystems", sagt Bettina Bundszus.

Schließlich, so die Sprecherin des Ministeriums, sei die Ausbildung ja nur ein Aspekt des Schulsystems: "Mindestens genau so wichtig ist es, miteinander zu lernen, der soziale Aspekt." Für positiv am amerikanischen Modell hält Bundszus allenfalls die Möglichkeit, mit der Online-Ausbildung Unterbrechungen durch Krankheit oder Auslandsaufenthalte zu überbücken.

Ähnlich sieht das Martina Schmerr, Schul-Referentin bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: "Online-Schulen in dieser Form würden zu einer sozialen und pädagogischen Wüste führen." Denn schließlich habe die Schule in Deutschland einen umfassenden Bildungsauftrag, bei dem das soziale Lernen ein wesentlicher Bestandteil sei.

Mathias Sauermann



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