Urteil gegen betrügerische Lehrerin "Mit 66 Jahren ganz unten angekommen"

Eine Lehrerin fälschte Arzneirezepte und verprasste das ergaunerte Vermögen, rund 900.000 Euro. Nun wurde die Frau zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Eine milde Strafe.

Die 66-jährige frühere Realschullehrerin und ihr Strafverteidiger Frank Otten
DPA

Die 66-jährige frühere Realschullehrerin und ihr Strafverteidiger Frank Otten

Von , Osnabrück


Den irritierendsten Widerspruch ihrer Person fasst Frau O. am Ende des Prozesses selbst in Worte: Da sei auf der einen Seite die Lehrerin mit der Vorbildfunktion - und dann sei da die kriminelle Ader, die sie offensichtlich besitze. Die es erlaubte, dass sie manipulierte, log und 903.558,30 Euro ergaunerte.

Die 18. große Strafkammer des Landgerichts Osnabrück verurteilt die ehemalige Pädagogin am Donnerstag zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten wegen Urkundenfälschung und gewerblichen Betrugs.

17.000 Euro pro Monat als "erweitertes Gehalt"

Frau O. hat nach Ansicht der Richter von Januar 2012 bis August 2016 als beamtete Realschullehrerin ihren Anspruch auf beamtenrechtliche Beihilfeleistungen missbraucht: Bei ihrer Krankenversicherung reichte sie die Belege für gekaufte Medikamente zwar korrekt ein. Beim Niedersächsischen Landesamt für Bezüge und Versorgung (NLBV) in Aurich jedoch soll sie gefälschte Rezepte vorgelegt haben. Die Behörde ist für Beihilfen zuständig, die Beamten im Krankheitsfall gewährt werden.

Mit dem Betrug hat sich Frau O. laut Urteil über viereinhalb Jahre lang "ein erweitertes Gehalt" verschafft: jeden Monat etwa 17.000 Euro, zusätzlich zu ihrem Gehalt als Lehrerin. Geld, mit dem sie ihre drei Kinder unterstützte, vor allem aber ihren hohen Lebensstandard und absurde Shoppingtouren finanzierte.

Frau O. habe nach außen "die Fassade der wohlhabenden Arztgattin" aufrechterhalten und weiterhin ein angesehenes Mitglied der Osnabrücker Gesellschaft sein wollen, konstatiert Annegret Quere-Degener, Vorsitzende Richterin und Vizepräsidentin des Landgerichts. "Sie wussten durchgängig, dass das nicht richtig ist."

Bei einer Durchsuchung wurden Unmengen von Luxushandtaschen, Pelzmänteln, Lederjacken und Schmuck sichergestellt. Anhaltspunkte für einen krankhaften Kaufrausch, so Quere-Degener, gebe es keine. Frau O. habe lediglich den Schein wahren wollen.

Die Vorsitzende begründet das milde Urteil damit, dass Frau O. bereits zu Beginn des Verfahrens ein umfängliches Geständnis abgelegt habe, das die Beweisaufnahme erheblich erleichtert und verkürzt habe. Zudem habe Frau O. ihre Taten nicht beschönigt, sie habe Reue gezeigt und von Beginn an eingewilligt, ihr gesamtes Vermögen zu verwerten.

"Sie haben in der Tat gar nichts mehr", sagt Quere-Degener. "Sie haben Ihre komplette wirtschaftliche Basis verloren. Sie sind mit 66 Jahren ganz unten angekommen." Frau O. weint. Es gebe unter diesen Umständen keinen Platz für Häme, betont die Vorsitzende. Natürlich sei es so, wer hoch fliege, stürze tiefer ab. Für Frau O., die so gern Teil der Schickeria gewesen war, sei dies "umso schmerzlicher".

Bewährung war nicht möglich

Sollte das Urteil rechtskräftig werden, verliert Frau O. ihre Rechte als Beamtin, dies hätte Folgen für ihre Altersversorgung und Krankenversicherung.

Ihr Verteidiger Frank Otten hatte eine Bewährungsstrafe gefordert. Auch wenn die Kammer alles, was für Frau O. spreche, in die Waagschale werfe, sagt die Vorsitzende: Aufgrund der Länge des Tatzeitraums und die immense Höhe der Schadenssumme sei eine Bewährungsstrafe nicht möglich. Sie wendet sich direkt an die Verurteilte: "Die Strafe ist für Sie hart, Frau O., sie muss aber kein Anlass sein zur Verzweiflung."

Doch genau so scheint es zu sein. Frau O. weist noch im Gerichtssaal ihren Anwalt an, Revision einzulegen und das Urteil vom Bundesgerichtshof überprüfen zu lassen. "Auch wenn sie nicht das Gefühl hatte, vor Gericht unfair behandelt worden zu sein", sagt Otten.

"Raffiniert und clever"

Der Staatsanwalt hatte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten gefordert und in seinem Plädoyer deutlich gemacht, welch intensiven Vertrauensbruch Frau O. begangen hat. Er sprach davon, wie "raffiniert und clever" die Idee des Betrugs war.

Die Umsetzung hingegen war wenig professionell. Frau O. fertigte eine Folie mit einem roten Stempelabdruck einer Apotheke an und kopierte diese per Farbkopie auf ein Blankoblatt. Mit einer Nagelschere schnitt sie Zahlen aus und klebte sie so auf ihr Rezept, dass der Eindruck erweckt wurde, das vom Arzt verschriebene Medikament sei nicht wie vorgesehen einmal, sondern dreimal, siebenmal oder zehnmal verordnet und von der Apotheke ausgehändigt und von ihr selbst bezahlt worden.

Zudem fügte sie händisch die jeweilige Pharmazentralnummer (PZN) und die Berechnung des Einzel- beziehungsweise des Gesamtpreises hinzu. Anschließend kopierte sie das manipulierte Rezept auf das Blankopapier mit dem roten Apothekenstempel.

Die erfundene Anzahl landete durch den Klebstoff oft schief auf dem Papier, manchmal passte nicht einmal die Schrifttype. Die Beihilfestelle beschränkte die Prüfung der eingereichten Rezepte auf die PZN, den Stempel der Apotheke und das Namenszeichen des Apothekers - war all dies vorhanden, wurde das Geld zur Auszahlung angewiesen.

Laxe Kontrollen beim Landesamt

Und das auch viele Jahre vor dem angeklagten Tatzeitraum; mögliche Taten davor sind verjährt. Die Vorsitzende erwähnt in der Urteilsbegründung noch einmal, dass bereits im Jahr 2005 die hohe Anzahl der Medikamente beim NLBV für Diskussion sorgte. Es wäre "mehr Druck und Kontrolle" notwendig gewesen, sagt sie.

Auch der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer betont, dass man nicht außer Acht lassen dürfe, dass das System der Beihilfestelle den Betrug so viele Jahre lang ermöglicht habe. Mitarbeiter der Behörde hatten vor Gericht Überprüfungsabläufe beschrieben, die zum Teil verwunderten. Ist der Ruf des Amts doch eher der, dass sich Beamte für Centbeträge rechtfertigen und gern auch mal das Porto rückerstatten müssen. Viele Beamte können ein Lied davon singen.

Frau O.s Scham ist unverändert groß. Auch am letzten der fünf Verhandlungstage ist der Weg ins Justizgebäude ein Spießrutenlauf für sie. Im Flur vor dem Gerichtssaal stehen Bekannte aus dem Golfclub, ehemalige Nachbarn, Weggefährten aus sämtlichen Lebensphasen. Denen fällt es noch immer schwer, das, was sie im Prozess über Frau O. erfahren haben, mit der Person in Einklang zu bringen, die sie zu kennen glaubten.

Im Video: Erwischt! - Die peinlichen Folgen von großen Lügen

SPIEGEL TV
TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.