Jugendliche in der Ostukraine Pubertät im Kriegsgebiet

Kann man sich im Krieg verlieben? Zur Schule gehen, tanzen, chatten? Schüler aus dem Osten der Ukraine haben der Fotografin Anastasia Vlasova gezeigt, wie sie leben - mitten in der Kriegszone.

Anastasia Vlasova

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"Ich sitze draußen auf der Straße und höre laute Schüsse. Es ist beängstigend", schreibt die Zehntklässlerin Diane per SMS. Solche Nachrichten erhält die Fotografin Anastasia Vlasova immer wieder, seit sie mit Schülern aus der Ostukraine in Kontakt steht - und sie in ihrem ganz normalen Kriegsalltag fotografiert. Die Jugendlichen kommen größtenteils aus der Kleinstadt Schtschastja, nur ein paar Minuten mit dem Auto vom besetzten Luhansk entfernt.

Die Schüler hätten sie schnell akzeptiert, erzählt die Fotografin. Sie ist selbst erst 24, der Altersabstand nicht zu groß: "Ich wollte mit ihnen zusammen sein und sie fotografieren. Dabei war ich komplett transparent." Vlasova versuchte klar zu machen, wann sie als Dokumentarin handelte und wann sie als Freundin sprach - nicht immer eine leichte Aufgabe.

Seit 2014 berichtet Anastasia Vlasova als Journalistin aus der Ostukraine. Nicht nur, um das Kampfgeschehen zu verdeutlichen, sondern auch, um die andere Seite zu zeigen. Die Bevölkerung, die leidet - in diesem Fall die Jugendlichen. Die Fotos zeigen keine Gewalt oder Blutvergießen. Stattdessen sieht man ganz normale Jugendliche.

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Jugendliche in der Ostukraine: Pubertät im Kriegsgebiet

"Krieg, das sind nicht nur Soldaten und Schützengräben", sagt Vlasova. "Es ist immer noch schwer zu glauben, dass die Leute in der Kriegszone in der Region Donezk und Luhansk leben können." Trotz allem müssen sie zur Schule und zur Arbeit, zum Friseur oder einkaufen gehen - doch ihre Routinen sind dem Krieg angepasst.

Die Jugendlichen würden versuchen, ihr Leben so normal wie möglich zu führen und den Krieg nicht über sie bestimmen zu lassen. In manchen Momenten gelingt ihnen das auch ganz gut, in anderen weniger: Als während einer Schulzeremonie ein Ballon platzte, warfen sich alle auf den Boden, weil sie an Schüsse dachten.

"Der Krieg beeinflusst ihr tägliches Leben, egal ob es Schießereien gibt oder Waffenstillstand herrscht", erzählt die 24-jährige Fotografin. Nach zehn Uhr abends würden Soldaten auf der Straße patrouillieren, nach Ausweisen und persönlichen Informationen fragen. Die meisten der Jugendlichen können ohne Beruhigungsmittel nicht einschlafen.

Trotzdem haben die Teenager auch Spaß: Sie verlieben sich, genießen ihre Freizeit. Da es in Schtschastja nur ein einziges Café gibt, aber kein Kino, Einkaufszentrum oder einen Nachtklub, sind die Freizeitaktivitäten eher altmodischer Art: Sie gehen spazieren, baden, tanzen oder schauen sich Schulfußballspiele an.

Anastasia Vlasova und die Jugendlichen halten auch weiterhin über Facebook Kontakt. Ja, sagt die Fotografin, sie sorge sich um die Schüler. Wenn sie von Gefechten hört, dann fragt sie im Gruppenchat, ob es allen gut geht.

Für viele der Jugendlichen sei sie ein Vorbild, erzählt Vlasova, weil sie etwas aus sich gemacht habe. Das will sie gerne zurückgeben - und den Schülern Mut machen, dass auch deren Leben irgendwann einmal anders sein könne. Egal wie schrecklich die Situation gerade auch ist.

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