Ostbeauftragte der Bundesregierung Gleicke lehnt Ost-West-Schüleraustausch ab

Der neue Präsident der Kultusministerkonferenz hatte einen Schüleraustausch zwischen Ost- und Westdeutschland vorgeschlagen. Das sei "nicht mehr zeitgemäß", meint nun die Ostbeauftragte der Bundesregierung.

Iris Gleicke
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Iris Gleicke, die Ostbeauftragte der Bundesregierung, hat die Forderung nach einem Schüleraustausch zwischen Ost- und Westdeutschland zurückgewiesen. Der neue Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) habe dies "sicherlich gut gemeint", sagte Gleicke der "Berliner Zeitung". Der Vorschlag sei aber "nicht mehr zeitgemäß".

Sie habe so etwas nach der Wende selbst organisiert. Doch über ein Vierteljahrhundert nach der Einheit gehe es Schülern nicht mehr um die geografische Herkunft, sagte Gleicke (SPD). Es sei gut, "dass für die jungen Leute aus Ost und West keine deutsch-deutschen Besonderheiten und Befindlichkeiten mehr im Vordergrund stehen".

Sie halte es allerdings für wichtig, dass sich Schüler mit der Geschichte ihrer Eltern und Großeltern auseinandersetzen. "Ich persönlich werde immer Ostdeutsche bleiben, aber da ist eine neue Generation herangewachsen, in der man unbefangen und offen miteinander umgeht", sagte Gleicke der Zeitung. "Und genau das wollten wir doch erreichen mit der friedlichen Revolution."

Am Montag hatte der neue KMK-Vorsitzende Helmut Holter (Linke) gesagt, ein Austausch könne helfen, den innerdeutschen Dialog zu fördern: "Wir brauchen nicht nur Schülerprojekte im Austausch mit Polen oder Frankreich, sondern auch zwischen Leipzig und Stuttgart."

Seiner Feststellung, Demokratie müsse täglich gelernt und gelebt werden, stimme sie ausdrücklich zu, sagte nun Gleicke. "Die Aufarbeitung der SED-Diktatur und die deutsche Wiedervereinigung haben in den Lehrplänen der Bundesländer einen stetig wachsenden Anteil und werden zunehmend Gegenstand des Zentralabiturs sowie von Abschlussprüfungen." Das sei "gut und richtig".

aar/AFP



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curly988 16.01.2018
1.
Ich weiß zwar nicht welche " Studie" oder ähnliches Frau Gleicke zu dieser Erkenntnis gebracht hat aber ich kann das nicht bestätigen. Ich bin seit knapp 2 Jahren jetzt mit dem Abitur in BaWü fertig. Damals gab es in der 13 Klasse einen Austausch mit einer Schule aus Dresden. 90% der Fragen an die " Rückkehrer " waren : und wie leben die Ossis, sind die alle rechts ect. In meinem Bekanntenkreis herrschen große Voruteile gegenüber Ostdeutschen. Ich persönlich finde es sehr schade und würde einen Austausch als positiv empfinden ( meine Familie mütterlicher Seite stammt aus der ehemaligen DDR)
reader0815 16.01.2018
2. Aber Ungleichheit bei Lohn und Gehalt sind schon noch zeitgemäß, oder?
Frau Gleicke meint, wenn man über einen Spalt in der Gesellschaft nicht mehr spricht, existiert er nicht mehr. Die Jugendlichen in der ehemaligen DDR sind anders geprägt. Ihre Eltern und Großeltern haben andere Biographien mit teils gravierenden Brüchen in der Wendezeit hinter sich. Dies, und z. B. die oft nach wie vor ungleichen Entlohnungen, mangelnde Beförderungschancen prägen das Denken im Osten (Frau Gleicke sollte sich lieber darum kümmern). Gespräche über diese und weitere Themen könnten auf keinen Fall schaden. Im Allgemeinen glaube ich, dass Menschen in der ehemaligen DDR und den neuen Bundesländern sich immer schon genauer und interessierter dem Westteil zugewandt haben als umgekehrt. Insofern ist der Nachholebedarf aus meiner Sicht ohnehin ein asymmetrischer.
olliver_123 16.01.2018
3. Schnapsidee
Ich bin jetzt 33 und somit (knapp) nach der Wende in die Schule gekommen. Schon uns hat das Thema DDR überhaupt nicht mehr tangiert (und war auch nie Thema beim Austausch mit den Partnerschülern in Bayern). Wieso soll man jetzt mit sowas anfangen? 28 Jahre nach der Wende die Differenzen zwischen Ost und West wieder hervor holen bzw. gemeinsam heraus arbeiten? Sollen die neuen Generationen auch weiter von Ost und West reden, nur weil dieser Kultusminister offensichtlich auch noch in diesen Kategorien denkt?
crazy_swayze 16.01.2018
4.
Nur weil es Prüfungsstoff im Abitur ist, treffen sich die Jugendlichen deswegen nicht? Persönlicher Austausch ist immer vorzuziehen. Zusätzlich könnte man Nord-Süd Austausch anbieten.
großwolke 16.01.2018
5. Besser Stadt/Land-Austausch
Ob ich nun in Leipzig bin, in München, Berlin oder Essen, um nur ein paar Beispiele zu nennen, ich merke da keine so großen Unterschiede. Stadt ist Stadt, egal ob Osten oder Westen, es gibt da überall die gleichen Sachen (Straßenbahnen, Fußgängerzonen mit den ewig selben Ketten, eine Partymeile usw.). Aber die Unterschiede zwischen Großtstadt und Land sind doch erheblich. Wer den Kids die Augen öffnen will dafür, was es in unserem Land so alles gibt bzw. mancherorts eben auch nicht, der sollte den Schüleraustausch vielleicht nach Gesichtspunkten wie Bevölkerungsdichte oder Industrie- vs. Agrargegend umgestalten.
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