Ostdeutsche Schüler Ach, wie schön war's in der DDR

Eine Diktatur? Brandenburger Schüler sehen die DDR in einem ganz anderen, romantischen Licht: als Sozialparadies mit Rundum-Versorgung, brummender Wirtschaft, sauberer Umwelt. Die Zehnt- und Elftklässler sind geschichtlich ahnungslos - und Berliner Forscher erschüttert.

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Die brandenburgischen Schüler idealisieren die soziale Seite der DDR und zögern gleichzeitig, sie als Diktatur zu bezeichnen: Bei einer Umfrage zum DDR-Bild von Schülern kreuzte weniger als die Hälfte an, das SED-Regimes sei eine Diktatur gewesen. Rund ein Viertel hielt dagegen die DDR "ausdrücklich für keine Diktatur".

Ost-Artefakte (im Eichsfelder Grenzlandmuseum): Jugend sehnt sich nach sozialer Geborgenheit
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Ost-Artefakte (im Eichsfelder Grenzlandmuseum): Jugend sehnt sich nach sozialer Geborgenheit

Die heute in Berlin veröffentlichten Ergebnisse der Studie des Forschungsverbundes SED-Staat sind Teil einer groß angelegten Untersuchung. Die Wissenschaftler der FU Berlin befragten insgesamt 5000 Schüler in Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Anfang November ging Professor Klaus Schroeder mit den ersten Ergebnissen aus Berlin an die Öffentlichkeit, Ende November folgten die Zahlen aus Nordrhein-Westfalen.

Jetzt liegen die Ergebnisse aus Brandenburg vor. Besonders überraschend: Die Zehnt- und Elftklässler aus Frankfurt an der Oder, Neuruppin und Potsdam wissen noch weniger über die DDR-Vergangenheit als ihre Altersgenossen aus Bayern, Nordrhein-Westfalen und Westberlin. "Dies ist angesichts der Tatsache, dass Brandenburg Teil der DDR war, ein beschämendes Ergebnis", heißt es in der Studie.

Die "Kleine DDR"

Unter den fünf ostdeutschen Bundesländern spielt Brandenburg nach Auffassung von Untersuchungsleiter Schröder eine Sonderrolle, das Land werde "nicht umsonst die 'Kleine DDR' genannt". Diesen Begriff hatte die frühere Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) geprägt. Seit 1990 wird Brandenburg durchgehend unter SPD-Führung regiert, Ministerpräsident war zwölf Jahre lang der Sozialdemokrat Manfred Stolpe. Wie auch Hildebrandt wollte er die Menschen mit einem umfassenden Wohlfahrtssystem absichern und die Wirtschaft mit weit gehenden staatlichen Investitionen ankurbeln.

Gerade weil die politischen Entscheider der Nach-Wende-Zeit in Brandenburg den Anspruch hatten, die vermeintlich positiven Seiten der DDR zu retten, sollte man denken, die Menschen dort wüssten zumindest ungefähr, wovon sie sprechen, so Klaus Schroeder. Aber von wegen.

Mehr als 70 Prozent der Schüler konnten von insgesamt 18 Wissensfragen zur DDR im Fragebogen nur die Hälfte beantworten - oder weniger. Mehr als jeder Zweite wusste nicht, wann und von wem die Berliner Mauer gebaut wurde. Nur rund jeder Dritte wusste, dass die Lebenserwartung in der DDR niedriger war als in der BRD, nur 17 Prozent trauten der DDR die Todesstrafe zu, und mehr als 40 Prozent der Schüler glaubten, die Umwelt sei in der DDR sauberer gewesen als im Westen. Am meisten Ähnlichkeit haben die Ergebnisse der Brandenburger Schüler mit den Zahlen der Jugendlichen aus Ostberlin.

Funktioniert hat die Idee der "Kleinen DDR" in den Köpfen der Menschen: Fast 70 Prozent der Schüler aus Brandenburg meinen, dass die BRD vor 1989 nicht besser als die DDR war, oder sind zumindest unentschieden. Mehr als 70 Prozent finden außerdem "gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz hatte, auch wenn der Staat die Löhne bestimmte und der Wohlstand gering war". Fast jeder Fünfte hält die Bankrott-Wirtschaft der DDR für besser als die der BRD, und mehr als die Hälfte widerspricht nicht der Aussage: "Die DDR war keine Diktatur."

"Eine DDR, die es nie gegeben hat"

"Es fehlt den Schülern das Gegenbild", sagt Forscher Schroeder. In der Schule würden die Brandenburger Schüler kaum etwas über die DDR lernen. Ihr Bild entstehe aus Gesprächen mit den Eltern, manchmal aus Filmen. Vor allem die Eltern und Verwandten zeichneten aber ein Bild von der DDR, das ihre soziale Seite überbetone und ihren Diktaturcharakter komplett ausblende. Kurzum: "Die Erwachsenen basteln sich da eine DDR zusammen, die es nie gegeben hat", sagt Schroeder. Oft würden an den Schulen genau jene Leute Sozialkunde oder Politik unterrichten, die ein Interesse daran hätten, die DDR in einem viel zu positiven Licht da stehen zu lassen.

Die Schüler werden offensichtlich mit den Erzählungen ihrer Eltern allein gelassen, die die DDR verklären und romantisieren. In der Schule werde das Thema völlig vernachlässigt - oder im gleichen Geist unterrichtet, "bis die Schüler denken, dass alles in der DDR tatsächlich so war, wie die Schönfärber es hinstellen", so Schroeder. "Die Schüler denken, in der DDR seien die Renten höher gewesen als in der BRD, es hätten alle Abitur machen dürfen, und die Unterschiede zwischen Arm und Reich seien quasi eingeebnet gewesen." Je jünger die Schüler, desto positiver werde ihr Bild: "Wenn ich bei der PDS wäre, würde ich sagen: 'Super, das ist ja unser zukünftiges Wählerpotential'", sagt Klaus Schroeder.

Die Jugendlichen wollten mehr Staat, mehr Regulierung, weniger Freiheit. Es gebe eine tiefe Sehnsucht nach sozialer Geborgenheit. Diese Geborgenheit identifizierten die jungen Menschen mit der DDR - allerdings ohne zu wissen, dass ihr Bild der SED-Diktatur mit der Realität wenig bis nichts zu tun hat.

80 Prozent geben zu, fast nichts zu wissen

Beim DDR-Bild zerfällt Deutschland auch immer noch in zwei Teile, so Schroeder: Bei den Erwachsenen im Westen habe sich ein Haufen negativer Vorurteile festgesetzt, bei ihren Altergenossen im Osten eine ganze Menge positiver Vorurteile. Von konkretem Wissen seien beide oft weit erntfernt. Diese Vorurteile gäben die Erwachsenen dann an ihre Kinder weiter.

Für Jugendliche sind Erzählungen und Einschätzungen der Eltern und Verwandten oft die einzige Informationsquelle über die DDR. Im Westen führe dies dazu, dass die Jugendlichen den diktatorischen Charakter der DDR zwar stärker erkennen würden, aber mit der Ausnahme der bayerischen Schüler auch nicht viel besser über die DDR Bescheid wüssten. Im Osten führe diese Art der Geschichtsvermittlung vor allem zu einer ständigen Überbetonung der sozialen Seite der SED-Diktatur.

"Im persönlichen Gespräch haben viele Schüler beklagt, dass die DDR bei den Lehrern eine Art Tabuthema ist", sagt Klaus Schroeder. Hier sei einiges schief gelaufen. Fast 80 Prozent der Schüler haben in den Fragebögen außerdem angekreuzt, wenig oder gar nichts über die DDR zu wissen - und mehr als zwei Drittel von ihnen wollen mehr über den SED-Staat lernen.

Das Land Brandenburg habe in den letzten 17 Jahren verpasst, seinen Politik- und Sozialkunde-Unterricht aufzuräumen, kritisiert Schroeder: "Ich vermute, dass dies vor allem an den Altbeständen der Lehrer liegt." Besonders in Fächern wie Geschichte oder Politik hätten mehr neue, junge Lehrer eingestellt werden müssen. "Ein Schüler muss in der zehnten Klasse wissen, was der Unterschied zwischen einer Diktatur und eine Demokratie ist - und dass die Regierung der DDR nicht durch freie Wahlen an die Macht kam. Ich frage mich, warum all diese Dinge nicht in den Schulbüchern stehen, warum die Schüler das nicht an der Schule lernen", so Schroeder.

Ganz unbekannt ist das Problem im brandenburgischen Bildungsministerium nicht. Als habe man geahnt, welches vernichtende Urteil die Studie über die politische Bildung an den Schulen fällen würde, kündigte die Landesregierung erst Mitte Dezember eine "aktive gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur" an. Bereits 2002 hatte das Bildungsministerium alle Schulen in einem Rundschreiben ausdrücklich verpflichtet, "sich in allen Schulstufen mit der Geschichte der DDR auseinanderzusetzen".

Gefruchtet hat das offenbar nicht - die Brandenburger Schüler wurden im Schuljahr 2006/2007, also lange nach dem Rundschreiben, befragt. Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) bezeichnete heute die Ergebnisse der Studie als "alles andere als erfreulich". Er habe das jedoch so erwartet. Viele Brandenburger Schüler müssten mit ansehen, dass ihre Eltern nicht zu den Gewinnern der Wende gehörten und deshalb der DDR-Vergangenheit nachtrauerten.

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