Fernunterricht für Inselkinder Voll im Film

Die Schulen auf den ostfriesischen Inseln sind oft winzig. Wer Abitur machen will, muss ins Internat aufs Festland. Doch heute wechseln Schüler später dorthin - dank Videotechnik.

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Na2S = Natriumsulfid. Lehrerin Eva Rinne schreibt die chemische Formel an die Tafel. Sie zeichnet Atome. Ganz klassisch: ein Kern und Elektronen, die darum kreisen, weiße Kreide auf grünem Schiefergrund. Aber etwas ist ganz und gar nicht klassisch: Zwischen der Lehrerin vorn am Pult und ihrer Klasse liegen 62 Kilometer Luftlinie - und die Nordsee. Eva Rinne unterrichtet auf dem Festland. Ihre Klasse schreibt auf Borkum mit.

Etwas mehr als 5000 Menschen leben auf Borkum, unter den ostfriesischen Inseln ist sie eine der größeren: Drei Kirchen, drei Leuchttürme und eine weiterführende Schule. Aber kein Gymnasium.

Ähnlich ist es auf Wangerooge. Oder auf Baltrum, der kleinsten der Inseln: An die 50 Schüler werden dort in einem Backsteinhaus hinterm Deich von Klasse 1 bis 10 jahrgangs- und schulformübergreifend unterrichtet. Eine Oberstufe lohnt sich nicht. Wer das Abi machen will, muss spätestens zur elften Klasse aufs Festland umziehen - in der Regel ins Internatsgymnasium in Esens.

Doch inzwischen sind viele Schüler schon Jahre vorher aus der Ferne im Kontakt mit der Schule. Seit 2012 unterrichtet sie die Gymnasiasten auch per Videokonferenz auf ihren jeweiligen Heimatinseln.

"Eine kleine Gemeinschaft im Internat"

Tjark-Fokken Emken, der stellvertretende Leiter des Gymnasiums in Esens, erzählt, wie beschwerlich der Weg zum Abitur vor allem bis in die Sechzigerjahre für die Insulaner war. Die Eltern mussten ihre Kinder an irgendeiner Schule auf dem Festland unterbringen, ihnen ein Zimmer im Ort anmieten; wenn sie Glück hatten, gab es in der Nähe Verwandte, bei denen der Nachwuchs unterkommen konnte. Da überlegte sich manche Familie zweimal, ob es das wirklich wert ist. Oder ob ein Haupt- oder Realschulabschluss nicht reicht.

Vor 50 Jahren brachte dann die Gründung des Internats in Esens in Ostfriesland schon etwas Erleichterung - als Ort, an dem alle Inselkinder unkompliziert das Abitur machen können. Es herrschte damals Aufbruchstimmung im Bildungsdeutschland: Forscher hatten entdeckt, wie abgeschlagen Mädchen waren, Arbeiterkinder und die Schüler auf dem Land. Man verbesserte die Schulbusanbindung, warb für mehr Abiturienten und baute neue Gymnasien in der Provinz.

Emken, ein Festländer aus Esens, hat sein Abitur an dem Gymnasium gemacht, das er heute leitet. 1979 war das - und der Graben zwischen den Schülern aus dem Ort und denen von der Insel war noch tief. "Die Insulaner waren früher eine kleine Gemeinschaft, die im Internat wohnte", sagt Emken. Die anderen Schüler hatten nicht viel mit ihnen zu tun. Heute mischt sich das mehr.

Weg von zuhause fürs Abitur?

An diesem Nachmittag ist es ruhig im Internatshaus. Es ist zwei Uhr, ein Mädchen läuft zähneputzend über den Flur. Neben den Zimmertüren hier im Wohntrakt hängen Schilder mit den Namen der Bewohner, einem Passbild und verschiedenen Kürzeln. Die verraten zum Beispiel die Bettzeit: "VZ: 22 Uhr". Oder ob die Mädchen und Jungen im Zimmer zur Hausaufgabenbetreuung müssen: "HA: ja". Ein wenig Strenge gehört zum Internat dazu, auch heute.

Weg zu müssen von zuhause, weil es sonst keine Möglichkeit gibt, das Abitur zu machen - das ist für viele Schülerinnen und Schüler von den Inseln inzwischen normal. "Für mich war immer klar, dass ich hier hin will", sagt zum Beispiel Hannah Westerkamp, die in die elfte Klasse in Esens geht. Aber ganz problemlos verlief die Änderung in ihrem Leben trotzdem nicht: Sie haderte zunächst kräftig mit den Essgewohnheiten im Internat.

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Das Internatsgymnasium in Esens begann damit, Unterricht per Videokonferenz auf die Inseln zu übertragen, damit den Schülern der Wechsel aufs Festland leichter fällt. Wenn die Jugendlichen heute dort ankommen, kennen sie bereits einige Lehrer und Klassenzimmer. Zudem müssen sie nicht mehr so viel Stoff aufholen, um in der Oberstufe mitzukommen.

Dank des Video-Unterrichts wechseln die Schüler heute in der Regel erst zur Oberstufe aufs Festland, früher zogen sie durchaus schon eher ins Internat um. Und in so kleine Schulen wie auf Baltrum oder Wangerooge reißt jeder Weggang eine Lücke - besonders, wenn es immer die guten Schüler sind, die gehen.

Schülerzahl der ostfriesischen Inseln

1984 1989 1994 1999 2004 2009 2014
Baltrum 59 48 50 43 48 47 41
Juist 164 89 97 109 122 106 103
Norderney 673 541 558 555 511 508 451
Borkum 672 505 485 556 530 464 394
Langeoog 408 170 145 130 128 110 114
Spiekeroog 106 122 138 166 149 152 128
Wangerooge 113 101 126 136 129 122 85
Insgesamt 4179 3565 3593 3694 3621 3518 3330

Quelle: Landesamt für Statistik Niedersachsen

Am Anfang war es allerdings gar nicht so einfach mit der Videoübertragung. Da wackelte das Bild, sobald auf einer Insel irgendjemand im Nebenraum einen weiteren Computer hochfuhr. Die Schule auf Baltrum teilte sich ihren Internetanschluss sogar noch mit dem Rathaus. Es dauerte eine Weile, bis die DSL-Leitung stand.

Museumsbesuch in Australien

Heute nutzt das Gymnasium die Video-Technik nicht nur, um die Inseln mit Chemiestunden zu versorgen. Insel- und Festlandlehrer stimmen zum Beispiel ihren Unterricht per Schaltkonferenz ab; zum Elternsprechtag müssen Mütter und Väter nicht mehr per Fähre anreisen; für Projekte können Schüler von mehreren Inseln zusammengebracht werden; die Technik ermöglicht sogar virtuelle Exkursionen von Esens aus in alle Welt.

Neulich zum Beispiel war die Fernlernkoordinatorin und Englischlehrerin Barbara Glittenberg mit ihrer 9. Klasse zum Museumsbesuch in Australien - per Videoschalte. Die Museumspädagogin in Canberra zeigte Bilder und bemalte Krüge. Sie hielt den Knopf einer Jacke in die Kamera und diskutierte mit der Klasse in Deutschland über den Entdecker, der ihn einst trug.

"Im Ausland sind Schulen oft schon viel weiter, was den Einsatz von Videokonferenzen anbetrifft", sagt Glittenberg. Das trifft besonders für ein so dünn besiedeltes Land wie Australien zu: In den Fünfzigerjahren startete in Alice Springs die erste Fernschule damit, Unterricht ins Outback zu senden - damals noch per Funk.

Ein Modell für bevölkerungsarme Regionen?

Regionen in Deutschland, in denen die Schülerzahl zurückgehen, schauen nun gespannt nach Esens. So hat sich kürzlich eine Berufsschule aus dem Harz erkundigt: Die Frisör-Azubis müssten immer von weit her zum Unterricht anreisen. Auch aus Brandenburg, wo viele Schulen schließen müssen, kamen bereits Anfragen.

Aber mit einer Kamera allein ist es nicht getan. Klugen Fernunterricht, sagt Chemielehrerin Eva Rinne, müsse man mitunter planen wie einen Film. Einstellung für Einstellung. Und dann ist da noch die Technik - mit ihrem Rest von Unberechenbarkeit.

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insgesamt 4 Beiträge
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gutes_essen 11.04.2016
1. Gute Idee
Anfang der 90ger hatten wir dieses Modell noch in unserem Schulbuch als "Horrorvision"- schon damals fand ich das eigentlich voll cool.
sebastian.teichert 11.04.2016
2. Ob das so nötig ist,
Bleibt doch die Frage. Das Gymnasium in Deutschland lehrt so viele eigentlich unnötige Sachen, die es verkompliziert und kaum vorbereitend auf das Studium macht. In Schweden ist das sehr viel einfacher. Speziell wenn man erwachsenenunterricht betrachtet. Da kann man ein paar Hauptfächer als Modell in der Klasse wählen, aber auch schon auf Distanz. Und die Spezialisierung auf Distanz. Was interessieren mich Sachen, die ich nicht brauche und wohl auch schnell wieder vergesse? Interesse an viel uninteressantem entscheidet ob man in Deutschland das abi macht und später studieren kann, oder nicht. Und das ist ziemlich unfair!
postit2012 11.04.2016
3. Wär eigentlich eine gute Gelegenheit, mal was
nettes über die Lehrer und Lehrerinnen zu sagen, find ich.
laporte 11.04.2016
4.
Mein Mann ist Lehrer und träumt seit Jahren davon mit einer Büchertapete im Hintergrund aus dem Bett zu unterrichten.
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