Outing in bayerischer Dorfschule "Liebe Eltern, Ihre Kinder haben einen schwulen Lehrer"

Regenbogenbanner am Auto, Aidshilfe-Schleife am Hemd - damit fällt man in Obernbayerns Provinz auf. Josef Parzinger ist trotzdem allseits geachtet. Der kernige Hauptschullehrer hat sich im ländlichen Chiemgau als schwul geoutet. In München hätte er das eher nicht gewagt.

Von Christian Bleher


Wenn sich Josef Parzinger zu Beginn eines Schuljahres einer neuen siebten oder achten Klasse vorstellt, dann erwähnt er auch, dass er mit einem Mann zusammenlebt. Er müsste davon nichts sagen: Dass es so ist, hat sich herumgesprochen in Unterwössen, einem 2600-Seelen-Ort im oberbayerischen Chiemgau.

Es ist auch nicht zu übersehen: Auf der Fensterbank seines Klassenzimmers steht ein kleines, gerahmte Passbild seines Partners. Auch in anderen Klassenzimmern macht man es sich gern ein wenig heimelig. Als einmal eine neue Putzfrau eingearbeitet wurde, fragte sie nichtsahnend ihre langgediente Kollegin: "Ist das Ihr Freund?" Antwort: "Nein, seiner." "Ach so."

Parzinger, 45, unterrichtet im Achental, einer reichlich konservativen Voralpengegend zwischen Bernau am Chiemsee und Reit im Winkl. Wenn er auf dem Pausenhof Aufsicht hat, sieht er ringsum Gipfel. In jener CSU-regierten Landidylle haben Trachtenverein und katholische Kirche noch was zu sagen. Da fällt einer aus der Reihe, wenn er mit einem rostigen, weißen Golf das Regenbogenbanner auf dem Heck spazieren fährt. Da trägt keiner einen goldenen Ehering, wenn sein Partner ein Mann ist. Und da kommt auch sonst niemand mit der roten Schleife der Aidshilfe am Hemd zur Arbeit. Parzinger aber versichert, die Landbevölkerung sei toleranter als man vermute, "nur tragen sie ihre Liberalität hier nicht plakativ vor sich her".

Zu seinem Freund nach München ziehen will er nicht - auch wegen der Arbeit. An einer Hauptschule in München, meint Parzinger, hätte er es kaum gewagt, sich zu outen. Lieber setzt er sich Freitag für Freitag in den Zug. Dass im rot-grünen Stadtrat der Landeshauptstadt eine "Rosa Liste" mitregiert, dass Bürgermeister Christian Ude offiziell beim Christopher Street Day auftritt, dass eine "Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen" öffentlich für Akzeptanz wirbt, dass ein ganzes Viertel, das Glockenbach, offen schwules Leben ermöglicht - all das ändert nichts an Parzingers Bedenken.

"Die Kinder wollen wissen, wen sie vor sich haben"

Hauptschulen in Millionenstädten, weiß Parzinger, sind oft geprägt von homophober Klientel mit Migrationshintergrund oder aus dem einheimischen Prekariat. Wie gewaltsam sich Diskriminierung mitunter auch in München auswirkt, dokumentiert derzeit eine Ausstellung im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum Sub: 56 Fälle für das vergangene Jahr, die Dunkelziffer schätzen die Kuratoren erheblich höher. Selbst das Glockenbach-Viertel ist laut Andreas Unterforsthuber, Leiter der Koordinierungsstelle, als Refugium bedroht: Es werde gentrifiziert, also mehr und mehr Mainstream; zahlreiche Schwule seien nicht mehr im Stande, sich das Leben im Herzen ihrer Community zu leisten; verstärkt komme es zu Pöbeleien.

Natürlich ist sich Parzinger bewusst, dass es auch im ländlichen Unterwössen Leute gibt, die sich fragen: Muss das sein, dass ein Lehrer seine geschlechtliche Orientierung vor den Kindern thematisiert? Er tut das freilich nicht aus einer exhibitionistischen Laune heraus. Er stand nur immer wieder vor der Wahl: "Verleugne ich einen wichtigen Teil meines Lebens, wenn Schüler nach meiner Freundin fragen?"

Und gefragt wurde er oft. Seine Erkenntnis: "Die Kinder wollen wissen, wen sie vor sich haben." Für Parzinger geht es um Wahrhaftigkeit. Seit er seine Identität öffentlich gemacht hat, ist nach seiner Beobachtung nach auch unter den Schülern der Ton respektvoller geworden. Er höre kaum noch das Standardschimpfwort "schwule Sau".

Ein einziges Mal seit seinem Outing sah sich Parzinger mit offenen Ressentiments konfrontiert: Drei Mütter beschwerten sich, dass er eine mehrtägige Klassenfahrt nach München geplant hatte. In einem Elternbrief, den sie hinter seinem Rücken den Schülern mit nach Hause gaben, verwiesen sie auf Finanzierungsprobleme. In Wirklichkeit argwöhnten sie Parzinger zufolge, er habe das Ziel nur "aus privaten Gründen" gewählt.

Sag es, und sag es laut

Der fachlich anerkannte Lehrer nutzte die Gelegenheit, "den Stier bei den Hörnern zu packen", wie er sagt. Berief einen Elternabend ein. Schloss ein gediegenes Plädoyer in eigener Sache mit der Sentenz: "Meine Damen und Herren, Ihre Kinder haben einen schwulen Lehrer - und sie haben einen guten Lehrer!" Anhaltender Applaus. Zum Jahrestag seiner Partnerschaft schickte der Klassenelternsprecher einen Blumenstrauß.

Grundschulkollegin Sabine Ramming erinnert sich genau an den Tag nach jenem Elternabend. Morgens stand sie im Sekretariat und hörte Rektor Klaus Biersack loben: "Toll, wie offen der damit umgeht." Erst da wurde ihr bewusst, was sie bis dahin nicht wahrgenommen hatte, weil die sexuelle Orientierung anderer für sie nie Thema war. Sie schätzte "den Sepp" einfach für seine "gut organisierte, soziale und unbeirrbar korrekte Art".

Für den Rektor aber war es durchaus Thema. Der kommt nach eigener Aussage aus "erzkonservativem, katholischem Haus" und hat einen schwulen Zwillingsbruder. Biersack wirkt ein wenig melancholisch, wenn er im Schulleiterzimmer von seinem Kalifornien-Urlaub schwärmt und den vielen Regenbogenfahnen dort. Seine eigene erste Ehe sei gescheitert, sein Bruder lebe seit 25 Jahren in einer Partnerschaft. Er könne das Bedürfnis "voll verstehen, es laut zu sagen". Für Biersack ist Authentisch-Sein sehr wichtig.

Meist behalten schwule Lehrer ihr Geheimnis für sich

Josef Parzinger - überzeugter, aber kirchenkritischer Christ - wurde erstmals mit 29 Jahren ganz authentisch, als er sich seiner verwitweten Mutter offenbarte. Zögerlich schrieb er einen Brief, den sollte seine Schwester weiterleiten. Als er wenig später nach Hause kam, erkannte er am Gesichtausdruck, dass seine Mutter den Brief gelesen hatte. Fragte: "Und, schmeißt' mich jetzt raus?" Sie: "Was ich neun Monate in mir getragen habe, kann nicht schlecht sein."

Parzinger will den Fall seines geglückten Outings nicht zum Modell erklären. Selbst unter schwulenbewegten Lehrern ist er als offen lebender schwuler Lehrer eine Ausnahme, wie er immer wieder feststellt. So treffen sich in der Akademie Waldschlösschen bei Göttingen jedes Jahr zu Pfingsten rund 100 schwule Kollegen aus der gesamten Republik zu kulturellem und pädagogischem Austausch. Die Fahrt dorthin kommt einem Bekenntnis gleich - und doch: Am Arbeitsplatz behält die Mehrheit das Geheimnis für sich.

Parzinger dagegen kann sich angesichts der grausamen Geschichte der Verfolgung Homosexueller einfach nicht vorstellen, im liberalen 21. Jahrhundert seine Liebe zu einem Mann zu verheimlichen. So hängt in seiner weitläufigen Traunsteiner Altbauwohnung, die mit all dem antiken Mobiliar, den Büchern, den Wagner- und König-Ludwig-Devotionalien an den Wänden einem Museum gleicht, auch die uralte Schwarzweißfotografie eines gewissen Karl-Heinrich Ulrichs. Der forderte auf dem Juristentag 1867 die Öffnung der Ehe für Schwule - und wurde von den Kollegen niedergebrüllt.

Wagner-Walküren zum Geburtstag

Der Hannoveraner Ulrichs, so doziert in leidenschaftlich-bairischem Tonfall Lehrer Parzinger, emigrierte nach Bayern, wo Homosexualität seit 1813 nicht mehr unter Strafe stand. Die deutsche Einheit 1871 unter preußischer Führung setzte dieser Form der Liberalitas Bavariae ein Ende. Erst 1994 wurde der berüchtigte Strafrechtsparagraf 175 abgeschafft. Die Nazis hatten ihn verschärft, in der deutschen Rechtsprechung hielt er sich unverändert bis 1969.

Noch heute ist eine Richtlinie des Europäischen Rats aus dem Jahr 2000 nicht in allen Bundesländern umgesetzt, die jegliche Diskriminierung verbietet. In Bayern zum Beispiel. Dort werden verpartnerten schwulen oder lesbischen Staatsdienern an Schulen nicht die sonst bei Eheleuten üblichen Privilegien gewährt.

Dennoch: Parzinger singt aus ganzem Herzen die Bayernhymne mit, wenn seine jeweilige neunte Klasse verabschiedet wird. Nicht aus "patriotischer Trachtentümelei", wie er sagt, sondern aus "Achtung für das Kulturgut". Er wolle den Kindern die Augen öffnen für das "Wahre, Gute und Schöne". Genauso steht's in der Verfassung des Freistaats.

An seiner Schule wissen sie die loyale und aufrichtige Art sehr zu schätzen: Zu Parzingers 40. Geburtstag ließ Rektor Biersack, Wagner-Verehrer wie sein Kollege, via Lautsprecher die Walküren durchs Schulhaus reiten. Auch eine Art, Anerkennung auszudrücken.



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