Pädagogen-Pisa Wehe, wenn der Mathelehrer rechnen muss

Mathelehrer an deutschen Gymnasien sind Weltspitze - aber sonst sieht es manchmal ziemlich dunkel aus, zeigt eine Vergleichsstudie aus 17 Ländern. Einige können nicht mal die Aufgaben lösen, die sie ihren Schülern stellen.

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Deutsche Mathelehrer: Überwiegend weibliches Personal
Deutschlands junge Mathematiklehrer sind international nur Mittelmaß. Im Vergleich mit anderen Industrienationen schneiden sie schlecht ab, wenn man alle Schultypen zusammennimmt. Das ist ein Ergebnis von "Teds-M", einer internationalen Vergleichsstudie in 17 Ländern unter Berufsanfängern im Lehrerberuf für das Fach Mathematik. Auch wenn nur die Lehrer an weiterführenden Schulen berücksichtigt werden, erreichen deutsche Gymnasial-, Real- und Hauptschullehrer international lediglich einen Platz im oberen Mittelfeld.

Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: Deutschlands junge Gymnasiallehrer sind im Matheunterricht Weltspitze - und Grundschullehrer ebenfalls, sofern sie Mathematik als Fach studiert haben. Dagegen bleiben Grundschullehrer ohne diese Ausbildung sowie Haupt- und Realschullehrer weit hinter Lehrern anderer Länder zurück.

Die Studie, deren Zusammenfassung SPIEGEL ONLINE vorliegt, zeigt die fachliche und didaktische Kompetenz junger Mathematiklehrer aus 17 Ländern. Für Deutschland ist das Bild sehr ambivalent, die Unterschiede zwischen den Schulformen sind extrem: Die deutschen Gymnasiallehrer zeichnen sich "im internationalen Vergleich durch herausragende mathematische und mathematikdidaktische Kompetenzen aus".

Jeder zweite Hauptschul- und Realschullehrer auf unterstem Teds-M-Niveau

Dramatisch schlecht sind dagegen zum Teil die Leistungen der deutschen Mathelehrer an Haupt- und Realschulen. Manche Lehrer sind laut Teds-M-Studie nicht in der Lage, komplexere Aufgaben zu lösen, die sie eigentlich ihren Schülern stellen sollten. Sie hätten "Schwierigkeiten, mathematische Nichtstandardaufgaben zu lösen, die auf dem Kompentenzniveau der zu unterrichtenden Schüler liegen". Fast die Hälfte der deutschen Hauptschul- und Realschullehrer habe nur ein mathematisches und mathematikdidaktisches Wissen, das "dem untersten Teds-M-Kompentenzniveau entspricht", heißt es in der Zusammenfassung der Studie.

Die Fähigkeiten klaffen an den unterschiedlichen Schultypen vor allem deshalb auseinander, weil Ausbildung und Attraktivität des späteren Berufs sich deutlich unterscheiden. Mathematiklehrer für Gymnasien hätten oft selbst einen Mathe-Leistungskurs besucht und deutlich bessere Abiturnoten als Bewerber für die anderen Schularten, sagte Studienautorin Sigrid Blömeke SPIEGEL ONLINE. Weil der Gymnasialdienst besser bezahlt ist, drängten die besten Abiturienten in diese Richtung. Obendrein erhielten Gymnasiallehrer die bessere Ausbildung, ihr Studium dauere ein Jahr länger, "darum können auch mehr Inhalte vermittelt werden", so Blömeke.

Studien-Autoren: Matheausbildung für Grundschullehrer erforderlich

Ein Rekrutierungsproblem sieht Blömeke, Bildungsforscherin an der Humboldt-Universität Berlin, nicht. Auch die Bewerber auf das Lehramt an Haupt- und Realschulen haben laut Blömeke einen Notendurchschnitt von 2,6 und damit ordentliche Abiturnoten. Das Lehrerstudium ist demnach vor allem für gute und sehr gute Schulabgänger interessant. Ziel müsse eine Aufwertung des Haupt- und Realschullehramts sein. Sowohl in der Ausbildung als auch in der Bezahlung sollten sich Gymnasium und die anderen Schulformen angleichen.

Besonders heikel ist die Lage auch bei den stufenübergreifend ausgebildeten Grund-, Haupt- und Realschullehrern ohne Mathematik als Studienfach. "Mit ihrem überwiegend aus der Schule stammenden Wissen werden sie möglicherweise nur schwer kognitiv anregenden Mathematikunterricht durchführen können, wie ihn die Bildungsstandards der Grundschule fordern", sagt Gabriele Kaiser, Mathedidaktikerin der Uni Hamburg und Co-Leiterin der Teds-M-Studie. In Taiwan oder Singapur, die an der Spitze der Leistungsverteilung stehen, ist es nicht möglich, ohne das Studium der Mathematik und ihrer Didaktik in den Grundschullehrerberuf einzutreten.

In der Grundschullehrerausbildung schnitten vor allem die Bundesländer gut ab, die reine Grundschullehrer ausbilden. Einen besonderen Schwerpunkt auf Mathematik legten dabei Thüringen und Sachsen-Anhalt, sagte Blömeke. Dort hätten die angehenden Grundschullehrer die Wahl zwischen "viel oder noch mehr Mathematik".

Die Studienautoren gehen davon aus, dass sich die Qualität des Matheunterrichts bald verbessern wird. Die Einstellung der jungen Lehrer zu ihrem Fach sei ganz anders als bei älteren Kollegen. Von "einer neuen Generation von Mathematiklehrern" sprach Blömeke gegenüber SPIEGEL ONLINE.

In der Studie heißt es zur neuen Begeisterung der Mathelehrer für ihr Fach: "Einen Zusammenhang von Überzeugungen und Unterrichtshandeln vorausgesetzt, deutet sich hier ein Wandel in der Unterrichtskultur an, der Hoffnung weckt." Hier zeige der "Pisa-Schock" seine heilsame Wirkung, sagte Blömeke.

Kompetenzen deutscher Mathematiklehrer im internationalen Vergleich
Teds-M-Ergebnisse
DPA
Deutschlands junge Mathelehrer an Gymnasien sind weltklasse - auch Grundschullehrer mit spezieller Matheausbildung schneiden gut ab. Haupt- und Realschullehrer sind dagegen oft erschreckend schlecht. Die Ergebnisse von Teds-M im Überblick.
Mathematische Kompetenz angehender Grundschullehrkräfte
Land Mittelwert
Taiwan 623
Singapur 590
Schweiz 543
Russland 535
Thailand 528
Norwegen 519
USA 518
Deutschland 510
International 500
Polen 490
Malaysia 488
Spanien 481
Botswana 441
Philippinen 440
Chile 413
Georgien 345

© TEDS-M Germany


Im Durchschnitt nur Mittelmaß: Angehende deutsche Grundschullehrer zeichnen sich durch besonders große Unterschiede in ihren Kompetenzen aus, Mathematik zu unterrichten. Wer dieses Fach in der Ausbildung gewählt hat, weist im internationalen Vergleich überdurchschnittliche Leistungen auf; wer nicht, bleibt zurück. In Singapur und Taiwan ist es nicht möglich, ohne einen Schwerpunkt in Mathematik Grundschullehrer zu werden.
Mathematikdidaktische Kompetenz angehender Grundschullehrkräfte
Land Mittelwert
Singapur 593
Taiwan 592
Norwegen 545
USA 544
Schweiz 537
Russland 512
Thailand 506
Malaysia 503
Deutschland 502
International 500
Spanien 492
Polen 478
Philippinen 457
Botswana 448
Chile 425
Georgien 345

© TEDS-M Germany


Im Durchschnitt nur Mittelmaß: Angehende deutsche Grundschullehrer zeichnen sich durch besonders große Unterschiede in ihren Kompetenzen aus, Mathematik zu unterrichten. Wer dieses Fach in der Ausbildung gewählt hat, weist im internationalen Vergleich überdurchschnittliche Leistungen auf; wer nicht, bleibt zurück. In Singapur und Taiwan ist es nicht möglich, ohne einen Schwerpunkt in Mathematik Grundschullehrer zu werden.
Mathematische Kompetenz angehender Sekundarstufen-I-Lehrkräfte
Land Mittelwert
Taiwan 667
Russland 594
Singapur 570
Polen 540
Schweiz 531
Deutschland 519
USA 505
International 500
Malaysia 493
Thailand 479
Oman 472
Norwegen 444
Philippinen 442
Botswana 441
Georgien 424
Chile 354

© TEDS-M Germany


Die Kompetenzen, Mathematik in der Sekundarstufe I zu unterrichten, sind in Taiwan mit Abstand am höchsten ausgeprägt. Eine Gruppe von fünf Ländern zeichnet sich dadurch aus, dass die Leistungen ihrer Lehrkräfte am Ende der Ausbildung stabil über dem internationalen Mittelwert liegen. Zu dieser Gruppe gehört Deutschland.
Mathematikdidaktische Kompetenz angehender Sekundarstufen-I-Lehrkräfte
Land Mittelwert
Taiwan 649
Russland 566
Singapur 553
Schweiz 549
Deutschland 540
Polen 524
USA 502
International 500
Thailand 476
Oman 474
Malaysia 472
Norwegen 463
Philippinen 450
Georgien 443
Botswana 425
Chile 394

© TEDS-M Germany


Die Kompetenzen, Mathematik in der Sekundarstufe I zu unterrichten, sind in Taiwan mit Abstand am höchsten ausgeprägt. Eine Gruppe von fünf Ländern zeichnet sich dadurch aus, dass die Leistungen ihrer Lehrkräfte am Ende der Ausbildung stabil über dem internationalen Mittelwert liegen. Zu dieser Gruppe gehört Deutschland.
Mathematikdidaktische Kompetenz von Mathematiklehrern bis Klasse 10
Land Mittelwert
Taiwan 649
Schweiz 549
Singapur 539
Polen (Bachelor, Vollzeit) 520
Polen (Bachelor, Teilzeit) 520
Deutschland (HR) 518
Deutschland (GHR) 513
Gruppen-Mittelwert 498
Norwegen (mit Mathe als Fach) 480
USA (konsekutiv) 479
USA (grundständig) 470
Norwegen (ohne Mathe als Fach) 455
Philippinen 450
Botswana 436
Chile (mit Mathe als Fach) 407
Chile (ohne Mathe als Fach) 392

© TEDS-M Germany


Am Ende der Ausbildung zeichnen sich deutsche Gymnasiallehrkräfte durch herausragende mathematikdidaktische Kompetenz aus. Nur noch übertroffen von Mathematik-Lehrkräften aus Taiwan liegt ihre Kompetenz, Mathematik in der Sekundarstufe I zu unterrichten, auf einer Höhe mit Russland und signifikant über Singapur. Nicht-Gymnasiallehrkräfte zeigen dagegen Schwächen. Selbst im Bezug auf vergleichbare Ausbildungsgänge gilt, dass sie deren Gruppen-Mittelwert nur wenig übertreffen. Hier schlagen sich vermutlich niedrigere Eingangsvoraussetzung aufgrund geringerer Attraktivität des Berufs im Vergleich zum Gymnasiallehramt und weniger fachbezogene Lerngelegenheiten angesichts der Kürze ihrer Ausbildung nieder.
Mathematikdidaktische Kompetenz von Mathematiklehrern bis Klasse 13
Land Mittelwert
Deutschland (GY) 586
Russland 566
Singapur 562
USA (grundständig) 544
Polen (Master, Vollzeit) 536
USA (konsekutiv) 535
Gruppen-Mittelwert 505
Thailand (konsekutiv) 495
Norwegen 495
Oman (Universität) 485
Georgien (Master) 482
Malaysia (BEd) 476
Thailand (grundständig) 474
Oman (Pädagogische Hochschule) 473
Malaysia (BScEd) 471
Polen (Master, Teilzeit) 441
Georgien (Bachelor) 437
Botswana 409

© TEDS-M Germany


Am Ende der Ausbildung zeichnen sich deutsche Gymnasiallehrkräfte durch herausragende mathematikdidaktische Kompetenz aus. Nur noch übertroffen von Mathematiklehrkräften aus Taiwan liegt ihre Kompetenz, Mathematik in der Sekundarstufe I zu unterrichten, auf einer Höhe mit Russland und signifikant über Singapur. Nicht-Gymnasiallehrkräfte zeigen dagegen Schwächen. Selbst im Bezug auf vergleichbare Ausbildungsgänge gilt, dass sie deren Gruppen-Mittelwert nur wenig übertreffen. Hier schlagen sich vermutlich niedrigere Eingangsvoraussetzung aufgrund geringerer Attraktivität des Berufs im Vergleich zum Gymnasiallehramt und weniger fachbezogene Lerngelegenheiten angesichts der Kürze ihrer Ausbildung nieder.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 241 Beiträge
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Seite 1
theorie 15.04.2010
1. Ich vermisse die Inder...
Es heisst doch immer, seit 5000 Jahren wird jeder Inder mit dem Mathe-Gen geboren. Warum tauchen die dann in den Erhebungen nicht auf?
Viper2024, 15.04.2010
2. Nicht nur die Lehrer
in Deutschland sind größtenteils unfähig. Gegen die Professoren an deutschen Hochschulen wirken diese noch wie Einstein. Kein Wunder das die aktuelle Generation an Schülern und Studenten nicht viel taugt. Wie sagte einst Platon "es gibt keine schlechten Schüler, nur schlechte Lehrer".
StrangeWorld, 15.04.2010
3. oh
Ooohhh wie schlimm. Was in letzter Zeit echt nervt ist diese kleinkarrierte Sicht auf mögliche Bildungslücken. Bestimmmtes schulisches Wissen ist nunmal nicht mehr bei jedermann vorhanden, auch bei Lehrern nicht. Ein Lehrer weiss auch nicht unbedingt alles aus seinem Fach. Deswegen bereiten Lehrer sich auf Themenblöcke vor, damit sie dann, nach ihrer AUffrischung, den Stoff vermitteln können. Genauso unkritisch find ich es, wenn ein Erwachsener keine Bruchrechnung schriftlich kann. Warum? Weil er es nicht braucht. Ich pers. würde es auch nicht mehr hinbekommen.
rones 15.04.2010
4. und wenn schon...
Solange die Aussage "in Mathe war ich eine Niete" noch als schick gilt oder allenfalls belächelt wird, dürfte sich an diesem Zustand bei uns kaum etwas ändern.
mavoe 15.04.2010
5. Ha!
Zitat von sysopMathelehrer an deutschen Gymnasien sind Weltspitze - aber sonst sieht es manchmal ziemlich dunkel aus, zeigt eine Vergleichsstudie aus 17 Ländern. Einige können nicht mal die Aufgaben lösen, die sie ihren Schülern stellen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,689146,00.html
Das sehe ich aber anders. Ich habe beruflich oft mit Mathe-, Informatik- und Physiklehrern. Diejenigen die ich kenne haben solche Probleme nicht. Und wegen Pisa sind nicht die Lehrer schuld sondern oft bescheuerte, von Schulbehörden vorgegebene Lehrpläne.
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