Paparazzi in Berlin Jäger der verborgenen Schätzchen

Er ist jung und braucht das Geld. Abwarten, anlegen, abschießen: Promi-Fotograf Stefan T., 22, besticht Türsteher und verfolgt Hollywoodstars auf dem Motorroller durch Berlin. Skrupel sind ihm fremd. Christian Fuchs war mit dem Paparazzo unterwegs.


Heute ist ein guter Tag zum Jagen. Matt Damon dreht "The Bourne Ultimatum", am Abend wird die Goldene Kamera verliehen. Lionel Richie und Nicholas Cage, Pierce Brosnan und die Crew von "Das Boot": Die Stars sammeln sich in Berlins Hotels und Restaurants. Nach nur fünf Stunden Schlaf sitzt Stefan T. um halb zehn Uhr morgens auf seinem silbernen Aprilia-Roller - wenn schon Klischee, dann richtig.

Er ist Großwildjäger, seine Waffe eine Canon-Kamera, die Beute passt auf einen Fotochip. Mit 22 ist Stefan einer der jüngsten im Paparazzi-Gewerbe, in dem vor allem eines zählt: Exklusivität. Und Skrupellosigkeit. Um an gute Bilder zu kommen, dringt er in die Privatsphäre von Prominenten ein. Mit ihren Trennungen, Affären und Skandalen verdient er sein Geld.

Ex-007 Pierce Brosnan verlässt gerade das Hotel Adlon. Klick, klick, klick. Drei Bilder, und Stefan knattert dem silbernen Maybach hinterher. In Alt-Moabit besucht Brosnan eine Galerie. Aus dem Sitz des Motorrollers holt Stefan eine Kompaktvideokamera und dreht durch die Scheiben. "Je exklusiver ein Bild ist, umso teurer ist es auch", erklärt er. Und nur darum geht es: Geld verdienen. Filme bringen mehr als Fotos, internationale Prominenz lässt sich auch international vermarkten. Die Brosnan-Szene hat alles: Matte Scheiben, ein wenig verwackelt, aber den Star erkennt man noch deutlich. So müssen Paparazzi-Bilder aussehen.

Stefan T. beliefert eine große britische Fotoagentur. Sharon Stone beim Shoppen am Flughafen Tegel, Botschafts-Luder Djamila Rowe ohne Höschen im Club 90°, Franz Müntefering beim Einkaufsbummel in Sneakers, eines der ersten Bilder von Helge Schneider als Hitler am Set von "Mein Führer" - das sind Stefans Fotos. Sie werden weltweit gedruckt, erscheinen auf Titelseiten von Boulevardblättern, in der "Bravo" oder im Fernsehen bei Sat1 und RTL.

"Die Promis spielen doch mit uns"

Gefragt hat die Stars niemand, ob sie ungeschminkt beim Joggen, betrunken, beim Streiten oder Flirten "abgeschossen" werden wollen, wie es im Paparazzi-Jargon heißt. Stefan schert sich darum nicht: "Die Promis sind ja auch nicht blöd, die spielen mit uns. Wenn die ins 'Borchardt' gehen, wollen sie fotografiert werden." Manchmal werde er abends von Soap-Darstellern angerufen, um sie "heimlich" abzulichten. Erzähle die Schauspielerin dann noch beiläufig, sie sei gerade wieder solo, komme ihr Foto garantiert in die Medien - als "erstes Bild nach der Trennung". Ohne Medienpräsenz würde ihr "Marktwert" sinken, es sei eben ein Geben und Nehmen, rechtfertigt Stefan seinen Job.

Mit 20 hat er angefangen: Von einem "Kaff am Bodensee" geht er nach Berlin und will Fotograf werden. Unbedingt. Neben ersten Praktika sammelt Stefan Autogramme - Hobby und erster Schritt in die Promiwelt. Auf den Hauptstadtstraßen hat er seine "kleine Knipse immer dabei", begegnet eines Tages den Jacob Sisters und fotografiert "wie angestochen". Die drei Damen mit Hund finden ihn drollig und laden ihn ins "Borchardt" ein, wo sich die Promis zum Schnitzel treffen. Auf dem Heimweg hat er Thomas Gottschalk und viele andere auf dem Film. Bald darauf fragt ein Profi ihn vor dem Hotel der Fußball-Nationalmannschaft, warum er die Fotos nur für sich macht und nicht für Geld. So bekommt Stefan die Adresse einer Agentur.

Mittagszeit. Im Edelitaliener "Bocca di Bacco" tafeln Pierce Brosnan und Matt Damon mit Frau und Tochter. Draußen auf der Friedrichstraße zeigt Stefan ein paar Kollegen stolz die Ausbeute des Morgens. Man telefoniert, raucht, fachsimpelt. Plötzlich rennt Stefan los, einem Kinderwagen hinterher. Es war der falsche - "eben haben sie das Kind von Matt Damon rausgebracht", sagt er völlig außer Puste. Für Stefan ist es wie ein Adrenalinrausch: "Wenn ich rumstehe, bin ich noch klar im Kopf. Wenn dann der Promi kommt, bin ich völlig weg, agiere nur noch, denke nicht mehr nach." Dann komme noch das "geile Gefühl" dazu, wenn man das Foto hat.

Ausgeprägter Jagdinstinkt bringt gutes Geld. Das Handy klingelt, die Agentur berichtet, dass drei Fotos vom Matt-Damon-Set aus der letzten Nacht und sein Brosnan-Film heute bei "Blitz" auf Sat1 laufen. "Gute Ausbeute, insgesamt ungefähr 800 Euro", freut sich Stefan. Meist gibt es maximal 150 Euro pro Bild. Wenn Fotos jahrelang weiterverkauft werden, "kommen schon mal 1000 Euro pro Bild zusammen", rechnet er.

Bodyguards als natürliche Feinde

Sein Bestseller ist George Clooneys Haus in der Schweiz: Für 20 Euro fuhr ein Fischer Stefan im Holzkahn auf den Comer See hinaus. Von dort knipste er das Haus mit dem Teleobjektiv. Skrupel hat er keine: "Mit den Promifotos habe ich mir meine gesamte Fotoausrüstung erschossen." Auch den anderen Teil des Geldes hat er investiert: ins Informantennetzwerk. Türsteher und Hotelboys bekommen von ihm schon mal 50-Euro- Gutscheine für Elektronikmärkte, damit sie ihm einen Tipp geben, sobald ein Star bei ihnen auftaucht. Manchmal reicht schon ein Foto zusammen mit dem Promi: "Da mache ich denen einen Abzug, das können sie ihren Familien zeigen und freuen sich", sagt Stefan - "und beim nächsten Mal erinnern sie sich wieder an mich".

Stefan düst weiter zum Hotel de Rome und fotografiert zunächst die Schauspieler Armin Rohde und Minh-Khai Phan-Thi. Fünf Minuten später schlendert ein junger Mann mit schwarzem Basecap heran. Stefan erkennt ihn sofort: Matt Damon - vor dem Fünf-Sterne-Hotel großes Gekreische einer Freiburger Mädchenklasse auf Abifahrt. Stefan fragt, wie ihm Berlin gefalle. Matt macht mit, lächelt in die Kamera, gibt Autogramme. Tabea, 19, rennt neben Matt Damon her, der sogar mit ihrer Kamera flirtet. Der Film ist für die Schülerin eine Enttäuschung: "Man sieht eine Minute lang nur meine Hand, wir sind sogar zu doof für Paparazzi."

Stefan hat seine Bilder, aber so glatt wie mit Matt Damon läuft es nicht immer. "Schläge wurden mir schon oft angedroht", zum Beispiel von den Bodyguards von Missy Elliott. Ein C-Promi, den er in flagranti mit zwei Frauen erwischte, prügelte Stefan einmal krankenhausreif, erzählt er. Und als er dem damaligen Außenminister Joschka Fischer mit neuer Freundin beim Shoppen auflauerte, kam Fischer auf ihn zu und stellte ihn zur Rede. Zwei Tage später erhielt seine Agentur eine Unterlassungserklärung. Die Einkaufsfotos sind seitdem so exklusiv, dass sie nur auf Stefans Computer zu sehen sind.

Die Wut seiner "Beute" ist nachvollziehbar. Stefan weiß, dass seine Arbeit "für viele Menschen asozial ist". "Für die sind immer die Fotografen die Schweine, ohne die Käufer hätten wir doch gar keine Arbeit", sagt er trotzig. Aber wer würde sich schon freuen, wenn ein fremder Mann vier Tage vor der Haustür lauert? So lange fror Stefan vor der Villa von Heike Makatsch, um das erste Bild ihres Babys zu bekommen - vergebens.

Die Agentur aber belohnt besonders zähe und dreiste Paparazzi. Ab September will sie Stefan T. nach Hollywood schicken.



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