Schüler über Terror von Paris "Die Sorge, dass es knallt"

Die Pariser Anschläge sind unter Schülern in Deutschland ein so brisantes Thema, dass mancher Lehrer aus Angst die Materie vermeidet. Andere suchen die Diskussion - und müssen auf extreme Ansichten reagieren.

Von Britta Mersch und , Hamburg und Berlin

Spiegel Online

Die Attentate von Paris bewegten die Welt, große Trauer und Solidarität mit den Opfern, aber auch Unruhen wegen der Mohammed-Karikaturen in der Zeitung "Charlie Hebdo" waren die Folge. Woher kommt islamistischer Hass? Was darf Satire? Diese Fragen beschäftigen auch Schüler und Lehrer - an französischen Schulen kam es nach den Anschlägen zu mehr als 200 Vorfällen: Polizei musste anrücken, Schüler störten Schweigeminuten für die Opfer durch "Allahu-Akbar-Rufe", Lehrer sprachen von einem "Zusammenstoß der Kulturen".

Bei ihm an der Schule seien die Attentate im Unterricht kaum thematisiert worden, sagt ein 18-Jähriger Schüler eines Gymnasiums in Berlin-Neukölln in der Pause. Er habe das Gefühl, dass die Lehrer nicht darüber reden wollten. "Vielleicht denken sie, wir fühlen uns verletzt", sagt er. Ob er sich denn verletzt fühle? "Ja", sagt er, er finde, die Karikaturen verletzten ihn als Muslim. Das sei schlimm.

Ob nicht eher die Morde schlimm seien und ob er nicht selbst entscheiden könne, einfach nicht beleidigt zu sein? Ja, die Morde seien auch schlimm, genauso wie die Zeichnungen.

"Keine schlafenden Hunde wecken"

An deutschen Schulen ist die Situation nicht so explosiv wie in Frankreich, aber Lehrer aus sozialen Brennpunkten berichten von schwierigen Diskussionen: Schüler verharmlosen die Morde und setzen die "Charlie Hebdo"-Zeichner mit den Terroristen gleich. Pädagogen sind verwundert darüber, wie wenig betroffen sich einige Schüler gaben, manchmal hätten sie nur mit den Schultern gezuckt.

Eine Lehrerin erzählt, dass ein 12-Jähriger sich sehr über die Mohammed-Karikaturen aus "Charlie Hebdo" ereiferte. "Da schwang immer mit, dass das die Ermordung rechtfertige". Eine Schulleiterin aus Berlin will aus Angst vor Hasswellen lieber jedes Gespräch mit Schülern über die Anschläge vermeiden. "Wir provozieren keine Diskussion, wir wollen keine schlafenden Hunde wecken." Sie fürchte, in vielen Familien ihrer Grundschüler werde der Terror von Paris als nicht so schlimm angesehen.

"Erschüttert" sei sie über das Gespräch mit ihrer 10. Klasse zu den Attentaten, berichtet eine Lehrerin aus Bremen. Mehrfach hätten Schüler Sätze gesagt wie: "Die haben unseren Propheten beleidigt!" Arme seien hochgeworfen worden, es sei laut geworden in der Klasse, eine Schülerin hätte gerufen: "Sie (die Ermordeten) haben es nicht anders verdient!" Die Lehrerin zeigt sich ob dieser Reaktionen ratlos. Sie frage sich, wie junge Kollegen mit einer solchen Situation fertig werden können.

"Das sind keine Menschen, das sind Tiere"

Solch heikle Diskussionen in die richtigen Bahnen zu lenken ist das Ziel der Mitarbeiter des Vereins Leadership Berlin. Zusammen mit religiösen Autoritäten bieten sie Schulen ihre Hilfe an. Geschäftsführer Bernhard Heider geht in dieser Woche auf Wunsch einer Lehrerin zusammen mit dem Imam Ender Cetin und dem Rabbiner Daniel Alter in eine Schule in Berlin, um mit den Sechstklässlern über Antisemitismus und Islamismus zu sprechen - und über die Anschläge.

Heider beklagt, dass an mehr als 30 Grundschulen in Berlin mehr als 80 Prozent der Schüler nicht-deutscher Herkunft seien, durch diese Segregation riskiere man eine verlorene Generation, die anfällig sei für "islamistische Rattenfänger".

An der Nelson-Mandela-Schule in Hamburg-Kirchdorf sitzen an diesem Vormittag im Philosophieunterricht vor allem muslimische Schüler. Die Attentate beschäftigen die Klasse seit mehreren Stunden. "Als Muslim fand ich die Karikaturen nicht so toll", sagt Oktay, 18, "aber was die Attentäter gemacht haben, war schrecklich." Amir*, 18, erklärt, was ihn an den Zeichnungen aus "Charlie Hebdo" stört: "Sie machen sich über die Muslime lustig, über eine ganze Religion, das ist beschämend." Dass Dschihadisten einen Anschlag wie in Paris durchführen, überrascht ihn jedoch nicht: "In ihrer Logik lassen sie sich das nicht gefallen, schlagen zurück". Doch er meint: "Das hat mit unserer Religion nichts zu tun. Das sind keine Menschen, sondern Tiere."

"Ich bin nicht Charlie, ich bin Palästina"

Viele Jugendliche hätten das Gefühl, ein Scheitelpunkt sei erreicht. Sie sähen sich als Muslime in der Verantwortung, Stellung gegen Gewalt beziehen, "weil sich die Gesellschaft sonst immer stärker spaltet". Sie hätten die "Sorge, dass es knallt", sagt Götz Nordbruch, der mit seinem Verein "Ufuq" politische Bildung an Schulen in Berlin organisiert. Wie Özlem* aus Berlin. "Die Muslime in meinem Umfeld tolerieren das nicht, wir finden keinen Zusammenhang zwischen unserem Glauben und den Tätern." Bei der Verurteilung des Terrors gebe es kein Aber, sagt die Gymnasiastin.

Nordbruch beobachtet aber auch, dass bei vielen Schülern gleichzeitig Ärger über die Debatte um die Anschläge aufkommt. "'Ich bin nicht Charlie, ich bin Palästina!' ist so eine Aussage, die viele Jugendliche unterstützen. Sie haben den Eindruck, dass andere Opfer von Gewalt in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden", so der Islamwissenschaftler. Andererseits kursierten viele Verschwörungstheorien zu den Anschlägen, die behaupten, dass es keine Islamisten waren, sondern westliche Geheimdienste.

Wie Mehmet*, Zwölftklässler an einem Gymnasium in Kreuzberg. Er ist entschieden. Für die Anschläge gebe es keine Rechtfertigung, sagt der 18-Jährige, um dann aber gleich auch Zweifel anzumelden. Was für ein Terrorist vergesse denn seinen Ausweis im Auto? Man bekomme ja immer das gleiche von den Medien und der Politik vorgesetzt, zu überprüfen sei das nicht, sagt er.

Wie soll man auf solche kruden Theorien reagieren? Experte Nordbruch rät dazu, auf inhaltliche Widersprüche hinzuweisen, im Fall der Anschläge von Paris zum Beispiel darauf, dass sich IS und al-Qaida zu dem Terror bekannten. Andererseits sollten Lehrer die Bereitschaft zeigen, ins Gespräch zu kommen und nicht alles gleich als Tabu abzutun - nur so würden Jugendliche bereit sein, ihrerseits eine andere Sichtweise zu akzeptieren.

*Namen von der Redaktion geändert



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