Physik in echt Mathe bimsen und Nordlichter beobachten

Johanna Kramme, 23, hat sich von den vielen Matheprüfungen im Physik-Grundstudium nicht abschrecken lassen. Die Belohnung: Statt Vektoren zu berechnen, darf sie nun experimentieren - und beim Auslandssemester in Norwegen den Himmel grün leuchten sehen.


Ein Leben mit Übungszetteln: Johanna Kramme studiert Physik in Heidelberg

Ein Leben mit Übungszetteln: Johanna Kramme studiert Physik in Heidelberg

"Für das Physik-Studium braucht man eigentlich das Wissen aus dem Mathematik Leistungskurs in der Schule. Wenn Grundkenntnisse wie Integral- oder Vektorrechnung in Mathe fehlen, ist das viel schwerer nachzuarbeiten als physikalische Wissenslücken. Denn in den ersten zwei Semestern ist das Physik-Studium dem Studium der Mathematiker sehr ähnlich.

Am Anfang hieß es, dass im Laufe des Grundstudiums rund die Hälfte der Leute das Physik-Studium abbricht. Ich glaube, bei uns waren es nicht ganz so viele, aber trotzdem eine ganze Menge. Die meisten hören vorher auf, weil ihnen die ersten Semester zu zeitaufwendig sind.

Zum Beispiel müssen wir für jede Vorlesung wöchentlich einen Übungszettel abgeben. Immerhin dürfen wir die Lösungen in Dreier-Gruppen erarbeiten. Nur wer eine bestimmt Anzahl richtiger Lösungen eingereicht hat, wird zur Klausur zugelassen. Manche Studenten stört dieses verschulte Studium. Es entspricht nicht dem Klischee des lockeren und zwanglosen Studentenlebens.

Frauen sind in der Minderheit, auch wenn ich mir die Verteilung zwischen Jungs und Mädchen noch extremer vorgestellt hatte. Aber auch wenn wir nur 20 Prozent Studentinnen sind, ist das nicht unangenehm. Du wirst als Mädchen von den männlichen Kommilitonen nicht angestarrt und auch nicht belächelt nach dem Motto: Du bist ein Mädchen, du kannst es eh nicht.

Momentan verbringe ich ein Auslandssemester an der norwegischen Uni Bergen. Hier lernt man Physik von seiner anschaulichen Seite kennen – etwa auf einer Exkursion nördlich des Polarkreises, die ich mit sechs anderen Studenten und zwei Profs zu der Inselgruppe Vesterålen bei den Lofoten unternommen habe. Unser Ziel: Nordlichter beobachten und ihre Intensität messen, das war Teil des Kurses 'Experimentelle Methoden in der Weltraumphysik'.

Gewohnt haben wir auf einer Raketenstation, von der aus wir zu Fuß einen schneebedeckten Berg zu einer Forschungsstation für mittlere Atmosphärenschichten hochgestapft sind. Außerdem haben wir nachts den Himmel von den Nordlichtern grün leuchten sehen. Das war ein toller Moment, der für viel Theorie in der Physik entschädigt."

Aufgezeichnet von Sebastian Siegloch



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