Pinkel-Debatte in Norwegen Wann ist ein Mann ein Mann?

Ein skurriler Streit um ein Schulklo entzweit Norwegen: Eine Schulleiterin führte an ihrer Grundschule Unisex-Toiletten ein und bat alle Eltern, ihre Söhne zum Urinieren im Sitzen zu ermuntern. Doch sie hatte nicht mit den Pinkel-Vorlieben einiger Mütter gerechnet.

Von Bernhard Hübner


Sie hatte es mit Reden probiert und mit harten Kontrollen. Aber das half Anne Lise Gjul alles nichts. Sie ist Rektorin einer Grundschule in Kristiansand, im Süden Norwegens, und als ihr Haus gebaut wurde, sollte es modern werden, eine Schule der neuen Zeit. Es sollte dort keine getrennten Toiletten für Jungs und Mädchen geben, das war die Idee. Die Wirklichkeit aber ist, dass Jungs nicht richtig zielen, wenn ihnen die Urinale fehlen.

Nancy Bakke mit Sohn: Das Zielen im Stehen beigebracht
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Nancy Bakke mit Sohn: Das Zielen im Stehen beigebracht

Acht Jahre lang hatte die Rektorin die Pfützchen gesehen, gerochen. Nun hatte sie genug. Gjul wollte es den Eltern direkt sagen. Sie wählte die niedlichste Schrift, die sie auf ihrem Computer finden konnte.

"Hilfe! Rund um die Kloschüsseln müssen wir viel Pipi aufwischen, und es fängt an uns zu stören. Redet zu Hause darüber, ob Jungs in der Schule beim Pinkeln sitzen sollten. Vielen Dank." So schrieb sie es den Eltern der zweiten Klasse – gleich hinter die Information, dass es diese Woche in Norwegisch um den Buchstaben "å" gehen sollte und in Religion um Adam und Eva.

Nancy Bakke gefiel das nicht. Ihr siebenjähriger Sohn Benjamin hatte den Wochenplan der Schule am Montagnachmittag mit nach Hause gebracht. Bakke sah darin einen Befehl, eine neue Regel, die nicht vereinbart war. Vor einer Woche hatte sie noch den Elternabend besucht, und das Problem war dort mit keinem Wort erwähnt worden. Sie hatte Benjamin beigebracht im Stehen zu zielen, und jetzt wollte sich die Schule in ihre Erziehung einmischen. Dagegen musste sie etwas unternehmen.

Erboste Politiker und aufgebrachte Eltern

Mit den anderen Eltern wollte Bakke nicht darüber reden, sie war erst vor einem Jahr in die Stadt gezogen. Mit der Rektorin wollte sie auch nicht sprechen. Sie fragte ihrem Freund, was sie machen soll. Er arbeitet beim Radio und hatte die Idee, die Medien zu informieren. Noch am selben Abend schickten sie eine E-Mail an die Lokalzeitung.

Es war gegen 21.30 Uhr, als der Reporter Amund Hestsveen die Nachricht las. Was er sah, war Stoff genug für eine kleine, bunte Meldung. Er rief gleich Nancy Bakke an, dann die Schulrektorin und fuhr wenige Minuten später zu den Bakkes nach Hause. Die Mutter war noch immer aufgebracht, sie erzählte dem Reporter, was sie vom Brief der Schule hielt: "Die Regel widerspricht allem, was ich meinem Sohn beigebracht habe".

Der Reporter machte noch ein Foto von Frau Bakke, wie sie trotzig auf ihrer Toilette sitzt und eilte zurück ins Büro. Er schrieb in 15 Minuten eine kurze Meldung auf Seite fünf der Zeitung und einen längeren Text für die Internet-Ausgabe. Um 23.36 Uhr stellte er den Artikel ins Netz, dann ging er nach Hause. Als er am nächsten Morgen aufwachte, hatten im Internet über hundert Leser Kommentare unter den Artikel geschrieben.

"Jungs sind so ausgestattet, dass sie dabei stehen können. Deshalb sollen sie es auch", schrieb einer. "Jungs lieben die Herausforderung. Die Schüssel zu treffen ist so eine", ein anderer. Und ein Leser meinte: "Nun werden die Jungs immer weiblicher".

Es ging nicht mehr um Pfützchen auf dem Schulfußboden, sondern um etwas größeres. Um die Frage: Wann ist ein Mann ein Mann? Am Dienstag meldete sich der staatliche Rundfunk. Das Radio interviewte die Schulleiterin, Zweitklässler gestanden in die Mikrofone, dass das mit dem Zielen doch ziemlich schwer sei. Am Dienstagabend – keine 24 Stunden nach der E-Mail – war die Debatte Thema in den Abendnachrichten, Norwegens Tagesschau.

Sitzpinkeln wider die Natur

Das Privatfernsehen fragte bei dem norwegischen Sexualtherapeuten Esben Benestad nach. Er ist auch deshalb bekannt, weil er Frauenkleider trägt und sich Esben Esther Pirelli nennt. Er fühlt sich sowohl als Mann wie auch als Frau. "Mein Vater hat mir damals auch beigebracht, mich beim Pinkeln hinzusetzen", sagte der Therapeut.

Es dauerte nur Stunden, bis die Politik das Thema für sich entdeckt hatte. Vidar Kleppe, der Vorsitzende einer rechtspopulistischen Splitterpartei, der sonst gegen Zuwanderung wettert und für mehr Recht und Ordnung, erklärte einer Zeitung: "Wenn Jungs nicht auf die natürliche Weise pinkeln dürfen, wie sie es seit Generationen getan haben, ist das ein Eingriff in Gottes Schöpfung".

Dass ein Politiker jetzt auch noch den Schöpfer in die Sache hineinzieht, ist Nancy Bakke etwas unangenehm. Sie findet es auch merkwürdig, dass jetzt in schwedischen Zeitungen und amerikanischen Blogs über Stehen oder Sitzen gestritten wird. Der Reporter Amund Hestsveen staunt noch immer darüber, was für eine große Geschichte ihm gelungen ist.

Die Schulleiterin Anne Lise Gjul möchte nicht mehr darüber reden. Vergangenen Mittwoch hat der Politiker Vidar Kleppe dem Gemeinderat der Stadt Kristiansand vorgeschlagen, über den Brief der Schule zu debattieren. Der Antrag wurde abgelehnt. Das Thema war dem Plenum zu anstrengend.



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