Neuer Pisa-Test Deutschlands Schüler sind gute Teamworker

Das Abfragen von Wissen verliert an Bedeutung - soziale Kompetenzen werden dagegen immer wichtiger. Deshalb ist Teamwork jetzt Teil der Pisa-Erhebung. Und Schüler in Deutschland stehen dabei ziemlich gut da.

Schüler bei der Gruppenarbeit
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Schüler bei der Gruppenarbeit

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Nachfragen, Informationen bei anderen besorgen, zusammen Strategien entwickeln: Deutsche Schüler sind bei der Teamarbeit deutlich besser als der Durchschnitt der 15-Jährigen in anderen Staaten - und auch besser als bei den Einzelleistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. Das zeigt eine neue Auswertung der Pisa-Daten, die am Dienstagmorgen veröffentlicht wurde.

Deutsche Schüler können demnach besonders gut knifflige Probleme zusammen mit anderen lösen. Unter den 52 Ländern, deren Bildungssysteme verglichen wurden, landeten die Neuntklässler aus Deutschland auf Platz zwölf und damit im oberen Viertel - vergleichbar mit Ländern wie Australien, den USA, Dänemark und Großbritannien.

Problemlösen im Team

Land Punkte
OECD-Durchschnitt 500
China (VR)* 496
Republik China (Taiwan) 527
Südkorea 538
Macau 534
Singapur 561
Japan 552
Hongkong 541
Kanada 535
Estland 535
Finnland 534
Neuseeland 533
Australien 531
Deutschland 525
USA 520
Dänemark 520
Vereinigtes Königreich 519
Niederlande 518
Schweden 510
Österreich 509
Norwegen 502
Slowenien 502
Belgien 501
Island 499
Tschechische Republik 499
Portugal 498
Spanien 496
Frankreich 494
Luxemburg 491
Lettland 485
Italien 478
Russland 473
Kroatien 473
Ungarn 472
Israel 469
Litauen 467
Slowakei 463
Griechenland 459
Chile 457
Zypern 444
Bulgarien 444
Uruguay 443
Costa Rica 441
Thailand 436
Vereinigte Arabische Emirate 435
Mexiko 433
Kolumbien 429
Türkei 422
Peru 418
Montenegro 416
Brasilien 412
Tunesien 382

* Peking, Shanghai, Jiangsu und Guangdong
Quelle: OECD/Pisa-Erhebung 2015

Am Computer mussten die 15-Jährigen verschiedene Aufgaben lösen, die nur in Absprache mit anderen zu bewältigen waren. Diese Mitstreiter wurden vom Testprogramm simuliert. So sollte die Gruppe etwa ein Ausflugsziel für eine Klassenfahrt finden, dabei Vor- und Nachteile verschiedener Ziele recherchieren und ein Missverständnis ausräumen, das in den Test "eingebaut" war.

"Es ist das erste Mal, dass sich die Pisa-Studie mit solchen sozialen Kompetenzen befasst hat", sagt Andreas Schleicher, Pisa-Koordinator bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Erhoben wurden die Daten 2015, der zusätzliche Test zur so genannten "kollaborativen Problemlösungskompetenz" wurde jetzt ausgewertet. In Deutschland hatten rund 1.900 Schüler daran teilgenommen.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Mehr als 13 Prozent der deutschen Schüler sind beim Problemlösen im Team richtig gut. Sie erreichten die höchstmögliche Kompetenzstufe vier in der Teamarbeit. Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Wert nur bei acht Prozent. "Die Teamkompetenz ist eine echte Stärke Deutschlands", sagt Andreas Schleicher.
  • Etwas mehr als ein Fünftel (21 Prozent) der Neuntklässler in Deutschland kommt dagegen nicht einmal auf die zweite Kompetenzstufe. Sie können "allenfalls Aufgaben mit niedriger Problemkomplexität und begrenzter Kooperationskomplexität bewältigen", heißt es in der Studie. Bei Gruppenarbeiten beschränken sich diese Schüler in der Regel darauf, einen Einzelbeitrag beizusteuern - oftmals auch nur nach Aufforderung durch andere.
  • Die Unterschiede zwischen besonders guten und besonders schwachen Schülern sind in Deutschland größer als in anderen Ländern. Diese sogenannte Leistungsvarianz ist an deutschen Schulen um 13 Prozent höher als im OECD-Durchschnitt - ein klarer Hinweis auf eine deutliche Leistungsspaltung im Schulsystem.
OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher
OECD

OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher

Ein besonders interessanter Aspekt ist der Vergleich zwischen Jungen und Mädchen. "Da sind die Ergebnisse eindeutig", sagt Andreas Schleicher. "Wenn es darum geht, Probleme alleine zu lösen, dann sind Jungen besser als Mädchen. Aber bei der Teamarbeit schneiden sie deutlich schlechter ab." Der Vorsprung der Mädchen sei nicht nur in Deutschland messbar, sondern in allen untersuchten Ländern.

Problemlösen im Team

Land Punkte Jungen Punkte Mädchen
OECD-Durchschnitt 486 515
China (VR)* 486 508
Republik China (Taiwan) 513 541
Südkorea 522 556
Macau 515 553
Singapur 552 572
Japan 539 565
Hongkong 523 559
Kanada 516 555
Estland 522 549
Finnland 511 559
Neuseeland 513 553
Australien 511 552
Deutschland 510 540
USA 507 533
Dänemark 509 530
Vereinigtes Königreich 503 536
Niederlande 504 531
Schweden 489 531
Österreich 498 521
Norwegen 487 518
Slowenien 484 521
Belgien 489 514
Island 485 512
Tschechische Republik 486 512
Portugal 489 507
Spanien 485 508
Frankreich 480 508
Luxemburg 478 504
Lettland 465 505
Italien 466 489
Russland 460 486
Kroatien 459 486
Ungarn 459 485
Israel 459 481
Litauen 453 482
Slowakei 448 478
Griechenland 444 475
Chile 450 464
Zypern 424 464
Bulgarien 429 461
Uruguay 434 451
Costa Rica 437 445
Thailand 416 451
Vereinigte Arabische Emirate 416 454
Mexiko 426 440
Kolumbien 425 433
Türkei 411 434
Peru 414 421
Montenegro 403 429
Brasilien 402 421
Tunesien 375 387

* Peking, Shanghai, Jiangsu und Guangdong
Quelle: OECD/Pisa-Erhebung 2015

Bei der parallelen Befragung der Lehrer gab gut die Hälfte der deutschen Pädagogen an, mindestens einmal pro Woche Gruppenarbeit im Unterricht zu nutzen - mehr als im internationalen Durchschnitt. Leicht über dem Schnitt liegen auch die Werte, mit denen die Schüler einstuften, wie viel Spaß ihnen das Arbeiten im Team bereitet.

Auch bei zukünftigen Pisa-Studien - die nächste Datenerhebung ist im kommenden Jahr geplant - soll wieder die soziale Kompetenz gemessen werden, kündigte Andreas Schleicher an. "Reines Abfragewissen verliert dramatisch an Bedeutung, das kann Google besser", begründet der Bildungsforscher, warum Teamarbeit als Aspekt in die Testfragen aufgenommen wurde.

"Sowohl im Beruf als auch im Alltag stehen wir ständig vor Problemen, die wir ohne andere Menschen nicht lösen können", sagt auch Kristina Reiss, Professorin am Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der TU München und Koordinatorin des deutschen Teils der Pisa-Studie: "In der Arbeitswelt handelt es sich dabei zunehmend um Aufgaben, für die es keine Routine gibt." Schule müsse deshalb das Arbeiten im Team regelmäßig einüben.

Das aber, rät Andreas Schleicher den deutschen Schulen, müsse flächendeckend passieren: "Die denkbar schlechteste Lösung wäre ein neues Schulfach 'Problemlösen im Team'." Stattdessen müssten sich alle Fächer stärker in Richtung Teamarbeit öffnen: "In Japan findet ein großer Teil des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts in Teams statt", sagt der Bildungsforscher, "deshalb hat mich deren gutes Abschneiden bei dieser Auswertung auch nicht überrascht."



insgesamt 53 Beiträge
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FL1962 21.11.2017
1. O Spiegel -
Wann lernt ihr endlich, diesen Test-Mist links oder von mir aus auch rechts liegen zu lassen? Es ist ja nicht so, als hätte sich das Bildungssystem hierzulande verbessert, seit wir auf PISA-Schleicher und Bertelsmann hören.
imo27 21.11.2017
2. wichtigste Erkenntnis: Asien hängt den Westen immer mehr ab
Nun mag Deutschland bei Teamarbeit etwas besser abschneiden als bei Fachkompetenz, erschreckend ist aber die Übermacht der asiatischen Staaten gegenüber dem Westen. Wenn man mal vom Zwergstaat Estland absieht, kann sich nur das kleine Finnland unter den erfolgreichen Bildungsnationen halten, wenn auch auf absteigendem Ast und nicht mehr lange. Unsere Bildungspolitiker und Bildungsexperten sollten also schnellstens nach Asien fahren und dort lernen, wie man erfolgreich Bildungspolitik macht.
FinWir.de 21.11.2017
3. Das PISA immer noch eine Bedeutung eingeräumt wird
Das der Test wissenschaftlich stark kritisiert wird und vor allem Konzernen ein Bein in den Schulmarkt bringen sollte wird vollkommen vergessen. Die Qualität der Aufgaben ist nicht nur oftmals sehr gering, auch sind sie teilweise widersprüchlich und haben mehrere mögliche Lösungen. Die Konzentration auf PISA mit seinen Multiple-Choice Aufgaben ist für unsere Schullandschaft eher kontraproduktiv, wir müssen an ganz anderen Stellen ansetzen.
großwolke 21.11.2017
4. Schwer zu simulieren
Um eine gute Gruppenarbeits-Atmosphäre zu schaffen, benötigt man primär erstmal eine Aufgabe, die von allen Beteiligten auch als sinnvolle Gruppenarbeit wahrgenommen wird. Im Beruf ist das sehr leicht: ich weiß was ich kann, ich weiß, wie das Ziel aussehen soll, demnach muss logischerweise alles, was ich dazu nicht beitragen kann, von anderen kommen. In der Schule sieht das anders aus. Hier ist die Fähigkeitsbasis bei jedem Schüler mehr oder weniger gleich, der Zwang zur Teamarbeit, egal ob in Form von einfacher Aufgabenteilung oder in Form von Spezialisierung, kann daher eigentlich nur über das Volumen der Aufgabe realisiert werden. Und da kommen die Probleme auf. Wo es keine "natürliche" Hierarchie und Aufgabenteilung gibt, kann man Kompetenzen schlecht messen, weil die Teamarbeit als Selbstzweck erkennbar ist.
lestat1804 21.11.2017
5. Augenwischerei
Hier wird also auch alles so hingemauschelt, wie es gebraucht wird um die Politik zu loben! Bedeutet also für die Zukunft, dass wir jeden Arbeitsplatz mindestens 2mal besetzen müssen, da unsere Kinder zu doof sind Probleme alleine zu lösen!
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