Pisa-Reaktionen "Weltspitze bei Benachteiligung von Migranten"

Freude, aber nur ein bisschen -das ist der Grundtenor bei den deutschen Reaktionen auf die Pisa-Studie. Gleichzeitig hadern Politik und Gewerkschaften mit dem schlechten Abschneiden von Migrantenkindern.


Deutsche Schülerin: Beim Rechnen weiter nur Mittelmaß
DDP

Deutsche Schülerin: Beim Rechnen weiter nur Mittelmaß

Bereits letzte Woche hatte Bundespräsident Horst Köhler die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem als "unentschuldbare Ungerechtigkeit" bezeichnet. Die Vernachlässigung von Talenten aus Zuwandererfamilien werde die Gesellschaft "in Zukunft empfindlich spüren"; bei der Bildung dürfe niemand zurückgelassen werden. Die Pisa-Studie untermauert Köhlers Vorwürfe jetzt: "Weltspitze bei der doppelten Benachteiligung der jungen Migrantinnen und Migranten zu sein - das sollte den Kultusministern eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben", wetterte Marianne Demmer von der Bildungsgewerkschaft GEW. Es müsse endlich "mehr Anstrengung und Ehrgeiz zur Verbesserung der Chancengleichheit" geben.

Demmer kritisierte, die Verantwortlichen hätten seit der ersten Pisa-Studie sechs Jahre verstreichen lassen, ohne dass sich für Migrantenkinder irgendetwas zum Besseren gewendet habe. Gleichzeitig lobte Demmer, dass die Schüler in Deutschland mittlerweile wenigstens in den Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt liegen. Es wirke jedoch befremdlich, wie selbstzufrieden und selbstgenügsam die Kultusministerkonferenz (KMK) und Bundesbildungsministerin Annette Schavan diese Verbesserung feierten.

Der KMK-Chef und Schulsenator von Berlin, Jürgen Zöllner (SPD), sagte, er sehe in den deutschen Pisa-Ergebnissen "keinen Grund zum Jubeln - aber zur Zuversicht". Pisa wie auch die in der Vorwoche vorgelegte weltweite Iglu-Grundschulstudie zeigten, dass die deutschen Schulen . "Trotz der Erfolge dürfen wir aber die Augen nicht vor den nach wie vor bestehenden Herausforderungen beim Abbau der sozialen Unterschiede verschließen", so Zöllner.

Auch der Jubel der ebenfalls von der GEW gescholtenen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) fiel eher leise aus. Sie nannte die heute vorgestellten Ergebnisse "erfreulich". Ein Schwachpunkt sei aber nach wie vor der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsniveau. "Da stecken wir noch mitten in den Reformen", sagte Schavan.

Dafür hat der Deutsche Gewerkschaftsbund gleich Vorschläge parat: Die frühe Bildung in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen müssten stärker gefördert werden, sagte DGB-Vizechefin Ingrid Sehrbrock, denn "nach wie vor sind Arbeiterkinder und Kinder aus Migrantenfamilien benachteiligt." Das müsse sich ändern.

Sachsens Kultusminister Steffen Flath (CDU) zeigte sich vorsichtig optimistisch. "Die erste Pisa-Studie hat den Bildungsstandort Deutschland auf das Krankenbett geworfen. Der Patient ist nun auf dem Weg der Besserung, aber noch nicht kerngesund", sagte Flath.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) sprach von "messbaren Erfolgen" der umfangreichen Schulreformen in den vergangenen Jahren. Deutschland habe sich seit Pisa 2000 bei allen Testleistungen kontinuierlich verbessert, "und zwar sowohl die leistungsschwächeren als auch die leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler".

Weitere Diskussionen gibt es allerdings um Andreas Schleicher. Den internationalen Pisa-Koordinator der OECD hatten einige Kultusminister in den letzten Tagen heftig angefeindet. Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) forderte erneut den Rücktritt des Bildungsforschers. "Ich sehe keinen Grund, täglich meine Meinung zu ändern", sagte die Wolff, die auch Sprecherin der unionsgeführten Bundesländer in der KMK ist. Schleichers erneute Kritik am deutschen Schulsystem reihe sich ein in eine Kette früherer Äußerungen. Sie empfinde diese als "relativ unerträglich".

Auch Bundesbildungsministerin Schavan äußerte sich kritisch über Schleicher: "Er schadet der OECD, weil er den Eindruck erweckt, dass er zu den Daten immer wieder als Supervisor auftritt." Schleicher nehme damit eine "eigentümliche Rolle" vor allem den Wissenschaftlern gegenüber ein. Rücktrittsforderungen wollte sich Schavan aber nicht anschließen.

Zuvor hatte die SPD-Ländersprecherin in der KMK, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD), Forderungen einzelner Unionsminister nach einem deutschen Komplettrückzug aus dem weltweiten Pisa- Schultest zurückgewiesen. Sie sagte, für die Reform der deutschen Schule brauche man weiter internationale Vergleiche. Ähnlich äußerte sich auch der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger: "Der internationale Vergleich ist für Deutschland unverzichtbar." Die erste Pisa-Veröffentlichung 2001 sei ein "heilsamer Schock" gewesen.

chs/dpa/ddp/AP

Forum - Von Pisa zu Iglu - deutsche Schulen verbessert?
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Seite 1
_gimli_ 28.11.2007
1.
Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Niobe, 28.11.2007
2.
Zitat von _gimli_Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Tja, dann freuen sie sich mal auf die 3. und 4. Klasse. Mein Sohn, 4. Klasse Grundschule, auch Bayern, hat seit der 3. Klasse Englisch. Hört sich gut an, was? Netterweise durften die Kinder das Heft vom letzten Jahr weiter nehmen. Was eigentlich auch egal ist. Da steht ausser ein paar netten Liedchen und diversen Farben nichts weiter wichtiges drinne. Mich ärgert das. Das sind zwei verhunzte Jahre. Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
discipulus, 28.11.2007
3. DDR, alles besser?
Zitat von _gimli_Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
Werter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
discipulus, 28.11.2007
4. Englisch in der Grundschule!
Zitat von NiobeTja, dann freuen sie sich mal auf die 3. und 4. Klasse. Mein Sohn, 4. Klasse Grundschule, auch Bayern, hat seit der 3. Klasse Englisch. Hört sich gut an, was? Netterweise durften die Kinder das Heft vom letzten Jahr weiter nehmen. Was eigentlich auch egal ist. Da steht ausser ein paar netten Liedchen und diversen Farben nichts weiter wichtiges drinne. Mich ärgert das. Das sind zwei verhunzte Jahre. Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
Verehrte/r Poster/in, was verstehen Sie unter "Englisch beibringen"? Hoffentlich doch nicht banalen englischen Wortschatz, womöglich noch in der Form des Frontalunterrichts? Geht es Ihnen hier um Fach- oder Methodenkompetenz? Bitte liefern Sie nähere Informationen.
ReneMarik 28.11.2007
5.
Zitat von discipulusWerter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
Die Sortierung in der 4. Klasse kommt wirklich viel zu früh, gerade für uns Jungs. Meine Wenigkeit hatte z.b bis zur 7 Klasse sehr "durchschnittliche" Leistungen in der Schule. Eine 1 im Sport :) und der Rest alles Note 3 und Schlechter. "Klick" hatts bei mir erst ab Klasse 8 gemacht. Keine Ahnung warum aber meine Noten besserten sich merklich, ich hatte langsam eine Vorstellung von dem, was ich mal später als Beruf machen wollte usw. Im jetztigen System hätte ich maximal mittl.Reife oder den HS-Abschluß weil ich mit 10 Jahren schon auf die Verliererstrasse geschickt worden wäre. Mfg Rene´
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