Pisa Statistik-Guru hält die Studie für Pfusch

Die Pisa-Studie hat ergeben: In Deutschland herrscht der Bildungsnotstand. Mehr Geld, bessere Lehrer, ein anderes Schulsystem lauten die plakativen Patentrezepte, um die vermeintliche Misere zu beheben. "Alles Quatsch", sagt der Statistik-Guru Lorenz Borsche. Statistische Fehler bei der Pisa-Auswertung hätten zu völlig verzerrten Ergebnissen geführt. Die Forscher halten die Vorwürfe für lächerlich.


Zu dumm: Stimmen die Pisa-Ergebnisse?
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Zu dumm: Stimmen die Pisa-Ergebnisse?

Berlin - Das Gezeter war so groß wie das Triumphgeheul. Nachdem schon die internationale Pisa-Studie Deutschland vor einigen Monaten auf einen schmählichen 21. Platz unter den OECD-Ländern sah, warteten Bildungspolitiker nervös auf die nationale Leistungsschau im Bundesländervergleich. Kaum sickerten erste Ergebnisse durch, jubelten die Ministerpräsidenten aus dem Süden der Republik: Pisa-E habe eindeutig bewiesen, dass unionsgeführte Länder die bessere Schulpolitik betreiben. Fast ebenso schnell verkündeten Ministerpräsidenten aus sozialdemokratisch regierten Ländern neue Wege, auch die Bundesbildungsministerin verlangt nun einheitliche Standards, regelmäßige Leistungsvergleiche und nicht weniger als eine "nationale Anstrengung".

Unfähigkeit oder Absicht?

"Alles Quatsch", behauptet hingegen Lorenz Borsche, der als Geschäftsführer einer Genossenschaft von 140 mittelständischen Buchhandlungen täglich mit Statistiken und großen Zahlenwerken zu tun hat und in der Buchbranche als Statistik-Guru bekannt ist. Er sieht in dem Anteil der geprüften Schüler mit Migrationshintergrund und ihre soziale Stellung den dominierenden, fast ausschließlichen Faktor, der die Ergebnisse beeinflusst.

Und Borsche geht noch weiter: "Das eigentliche Fiasko an der Studie sind die Pisa-Forscher selbst, die ihre eigenen Zahlen nicht lesen können - oder wollen. Die Pisa-Studie ist voll von seltsamen Tabellen, die das unterschiedliche Abschneiden der Länder erklären sollen, und die beste davon erklärt gerade mal 13 Prozent. Aber den einen entscheidenden Faktor, der die Ergebnisse mit einer Treffsicherheit von 85 Prozent voraussagen kann, den nennen sie nicht beim Namen, diese Statistik führen sie nicht aus. Das ist entweder totale Unfähigkeit oder Absicht."

Bisher hat sich kaum jemand die Mühe gemacht, die Pisa-Studien genau zu lesen und ihre Ergebnisse auf Stichhaltigkeit zu überprüfen. Zu eindeutig schienen die Resultate, zu plakativ die Rezepte, die nun gefordert werden. Auch Klaus Klemm, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Essen, klagt: "Die wirre Hektik der vergangenen Tage zeigt: In Zeiten von Wahlkämpfen sind gründliche Analysen zwar nicht gefragt, gleichwohl aber erforderlich." Alles Mögliche musste plötzlich als Erklärung herhalten, die finanzielle Ausstattung, die inhaltlichen Standards, die Art und Weise ihrer Überprüfung und sogar die Struktur des gegliederten Systems wurden zur Diskussion gestellt. Auch Klemm plädiert dafür, sich die Ergebnisse genauer anzusehen, bevor beispielsweise das bayerische "Zentralabitur" zum Allheilmittel erklärt wird: "Unter den erstplazierten sieben Bundesländern, deren Leserverständnis-Ergebnisse so dicht beieinander liegen, dass Rangunterschiede zufällig sind, befinden sich vier Länder, die nicht zentral prüfen."

Migrationspolitik verantwortlich

Borsche jedoch glaubt den Faktor gefunden zu haben, der auch die innerdeutschen Ergebnisse so stark beeinflusst, dass jede Diskussion über die Fragen "Gesamtschule gegen dreigliedriges System", "Mehr Geld" oder "Zentralabitur für alle" überflüssig macht, weil sie - zumindest statistisch - irrelevant wird. Vor allem der Rundschlag gegen die Lehrer ärgert den 46-Jährigen, dessen ältere Tochter demnächst eingeschult wird.

Aufmerksam geworden war er schon bei den ersten Berichten durch den relativ schlechten Wert Luxemburgs, das mit 441 Punkten immerhin 15 Prozent unterhalb des OECD-Mittels und nur knapp vor Mexiko liegt. "Ein altes europäisches Kernland auf der Stufe eines Zweite-Welt-Landes, das muss doch einen Erklärung haben", dachte Borsche und analysierte die Tabellen des Pisa-Berichts.

In Pisa we trust? Treueschwur an US-Schule
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Aufgeführt in den Tabellen sind zum einen der Anteil der Testkandidaten "mit Migrationshintergrund", das heißt mindestens ein Elternteil ist Ausländer, und als Untergruppe diejenigen, bei denen zu Hause die Umgangssprache nicht die Landessprache, also die Pisa-Test-Sprache war. "Das ist doch ein Riesenhandicap, wenn ich zu Hause tagtäglich Kisuaheli spreche und in der Schule Testfragen auf Französisch beantworten soll", so Borsche, aber darauf wird in der Studie nur am Rande eingegangen. Und der Fall Luxemburg war dann auch sofort nachvollziehbar: 49,1 Prozent Familien mit Migrationsgeschichte, davon 18,3 Prozent mit Umgangssprache ungleich Testsprache. Fast jedes fünfte der getesteten Kinder spricht in Luxemburg als erste Sprache nicht die Pisa-Test-Sprache.

Aber das war noch nicht ausreichend, haben doch zum Beispiel Schweden und Deutschland annähernd gleich hohe Ausländeranteile, liegen aber im Ranking deutlich auseinander, und noch besser als Schweden schneidet Großbritannien ab, obwohl auch dort deutliche 18,6 Prozent Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, davon 4,1 Prozent mit Umgangssprache ungleich Testsprache, geprüft wurden.

Monokausale Erklärung

Aber nun kam die zweite Tabelle ins Spiel und der Fall Großbritannien wurde symptomatisch für deren Bedeutung: Immigrant ist nicht gleich Immigrant, sprich: Die Eltern der Testkinder erreichen von Land zu Land höchst unterschiedliche soziale Stellungen (die am Beruf der Eltern als so genannten ISEI (International Socio-Economic Index) gemessen werden). Der Sohn eines ehemaligen Landarbeiters wird in der Regel in der Schule einen anderen Pisa-Wert erreichen als der Sohn eines in England lebenden Inders, der von seiner Oberschichtfamilie zum Studium nach Oxford geschickt wurde. Was in Worten wie eine bös-rassistische Karikatur klingt, zeigt sich aber in den Zahlen.

Man sieht auf einen Blick, dass Großbritannien in erheblichem Maße von der Mehrheit seiner Immigranten profitiert, die elf Prozent über dem Landes-ISEI liegen, während Luxemburg fast ein Fünftel Testkinder hat, deren Eltern einen ISEI-Wert haben, der erhebliche 28 Prozent unter dem der Inländer liegt.

Wenn man die beiden Tabellen kombiniert, das heißt den Migrantenanteil mit dem jeweiligen ISEI multipliziert, dann erhält man nach Borsche einen Korrekturwert (SF), der den Einfluss der sozialen Stellung der Immigranten und die Stärke ihrer Gruppe repräsentiert. Der Rest war für Borsche Standardstatistik, und das Ergebnis ist erstaunlich: Mit derselben Rechenmethode, mit der in der Studie zum Beispiel die Abhängigkeit der Pisa-Ergebnisse von der Lesezufriedenheit der Schüler mit gerade mal 13,5 Prozent ermittelt wird, errechnet Borsche deutliche 85 Prozent Abhängigkeit vom SF-Korrekturwert. Mit einer Einschränkung: Der Ausreißer Griechenland muss draußen bleiben. Mit Griechenland (das aus unbekannten Gründen durchs Pisa-Raster fällt) sind es aber immer noch 66,3 Prozent. Das ist eine quasi monokausale Erklärung, nach der sich jeder Statistiker die Finger lecken würde, die die Pisa-Forscher so aber nicht dargestellt haben.

Deutschland hat bei der Integration versagt

Warum das nicht erkannt oder benannt wurde, erklärt Borsche so: "Mit einem solchen Ergebnis hätten sich die Pisa-Forscher doch arbeitslos gemacht. Am Faktor Immigration und dem sozioökonomischen Hintergrund können wir doch höchstens in Generationszeiträumen etwas ändern, vor 2012 brauchen wir gar nicht noch mal zu testen, da kommt sowieso nichts bei heraus. Oder dasselbe wie jetzt auch. Ich kann nicht wirklich glauben, dass aus Steuergeldern hoch bezahlte Forscher einen so maßgeblichen Faktor wirklich 'übersehen', es sei denn, sie wollten ihn übersehen." Das markanteste Ergebnis der Pisa-Studien wäre damit das Zeugnis für die Politik der vergangenen Jahrzehnte: Deutschland hat bei seiner Einwanderungspolitik und der Integration von Immigranten versagt.

Mittelfeld oder Elite: Deutschland hat bei der Einwanderungspolitik und Integration versagt
mm.de

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Zum Vergleich: Pisa hat auch die Abhängigkeit der Pisa-Ergebnisse von den Ausgaben pro Schüler, kumuliert über 15 Jahre, getestet. Ergebnis: Es werden zwischen 9000 Dollar (Brasilien) und 72.000 Dollar (Österreich) ausgegeben, aber Irland mit 31.000 Dollar hat trotzdem einen besseren Wert als der Ausgaben-Spitzenreiter Österreich. Laut Grafik könnte man dann auch mit null Dollar Ausgaben immerhin einen Pisa-Wert von 460 erreichen, besser als Luxemburg also. "Das zeigt", so Borsche, "dass die Pisa-Forscher nun wirklich nichts von Statistik verstehen, leider!"

Fette Pfründe für die Forscher

Es ist der Einfluss der sozialen Stellung der Immigranten, der die Pisa-Werte nahezu vollständig erklärt, nicht Schultyp, Lehrplan, finanzielle Ausstattung oder die angeblich unfähigen Lehrer selbst. Ein heikles Ergebnis, zumal in Wahlkampfzeiten. "Das darf nicht rassistisch interpretiert werden, aber wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen, sonst ist jede Diskussion über die Lehren aus Pisa nur eine Scheindiskussion", sagt Borsche. Denn bisher glaubt er, nützt die Auswertung nur den Forschern selbst. "Solange nicht bekannt ist, warum Pisa so ausfiel, muss man ja weitermessen, möglichst alle zwei Jahre. So was nannte man früher fette Pfründe", sagt Borsche.

Aber wie erklärt sich die Tatsache, dass in Deutschland das Ergebnis mit 494 Punkten trotzdem noch unterm Strich bleibt, wenn man die Immigranten wegrechnet? Borsche: "Das wissen die Pisa-Forscher sehr gut, sie haben es an anderer Stelle genau beschrieben: Der Einfluss von schwachen ISEI-Werten im Umfeld der Schule auf normalerweise gute Schüler wird in der Studie auf Seite 238 mit bis zu 66 Punkten angegeben. Das heißt: Geht ein und derselbe Schüler auf eine Schule, bei der der ISEI aller Schüler-Eltern schwach ist, wird er 470 Punkte erreichen, geht er auf eine Schule mit hoher ISEI-Basis, kann derselbe Schüler aber 530 Punkte erzielen."

Die in der abschließenden Pisa-Bewertung ausgewiesenen maximalen zehn Punkte Unterschied kommen in den Augen Borsches einer bewussten Falschaussage gleich, der direkte und indirekte Einfluss der Arbeitsimmigration in Deutschland dürfte sich irgendwo in der Mitte zwischen 10 und 66 Punkten bewegen. "Womit wir uns im normalen Mittel- bis Oberfeld befänden, was völlig in Ordnung ist", sagt Borsche. Denn das war ihm von Anfang an unheimlich: "Das laute Wehgeheul über den 21. Platz offenbart doch letzten Endes nur eine arrogante Anspruchshaltung, die vor zwei Generationen noch hieß: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Das aber ist mir zutiefst suspekt. Deutschland als ein wünschenswert normales Land unter den Industrienationen bedeutet halt auch, dass man bei Pisa 'normal' abschneidet, das muss genügen!"

Im Berliner Max Planck Institut, das die Pisa-E-Studie betreute, hält man den Vorwurf Borsches schlicht für lächerlich. Den Ausländeranteil mit dem ISEI zu multiplizieren, sei so, als ob man bei der Fußball-Weltmeisterschaft "die Tore mit der Schuhgröße" multipliziere. Beide Faktoren seien im Rahmen der Möglichkeiten hinreichend berücksichtigt worden.



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