Pisa-Spitzenreiter Das Geheimnis von Asiens Mathe-Genies

Sie rechnen schneller, sie lösen anspruchsvolle Matheaufgaben mit links: Schüler aus Korea, Singapur und Hongkong haben voraussichtlich auch im neuen Pisa-Test die Nase vorn. Didaktiker kennen die Gründe für den Erfolg - kopieren wollen sie die asiatischen Lernkonzepte trotzdem nicht.

Chinesische Schüler: "Alles auf den Lehrer konzentriert"
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Chinesische Schüler: "Alles auf den Lehrer konzentriert"

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Seit Jahren dasselbe Bild: Bei weltweiten Vergleichstests im Fach Mathematik landen Schüler aus Singapur, Südkorea oder China auf den vorderen Plätzen. Deutschland hat in den vergangenen Jahren zwar zugelegt - doch der Abstand zu den weltbesten Schülern aus Asien ist nach wie vor groß.

Jetzt, kurz vor der Verkündung der neuen Pisa-Ergebnisse an diesem Dienstag, stellt sich erneut die Frage: Warum nur? Ist der Unterricht in Seoul und Shanghai besser? Liegt es nur daran, dass gerade die Deutschen bei Pisa so intensiv darauf achten, an allen Schultypen zu testen, während manche Staaten die lernschwachen Schüler lieber außen vor lassen? Oder steckt hinter jedem Rechengenie eine ehrgeizige Tiger Mom?

Maike Vollstedt von der Freien Universität Berlin hat über die Mathe-Ausbildung an Schulen in Deutschland und Hongkong promoviert. Der Blick in Hongkongs Klassenzimmer war für sie zunächst ernüchternd, sie erlebte den hierzulande verpönten Frontalunterricht. "Alles ist auf den Lehrer zentriert", berichtet die Didaktikexpertin. Kooperative Lernformen, individuelles Arbeiten - all das sei in Hongkong nicht üblich. "Mündliche Mitarbeit fließt kaum ein in die Bewertung, was zählt sind die Ergebnisse bei Klausuren."

Eine andere Lernkultur

Den entscheidenden Unterschied sieht Vollstedt freilich nicht in der Unterrichtsform. "Die Lernkultur ist eine andere als bei uns." Wenn ein Schüler etwas nicht verstehe, dann sei nicht der Lehrer schuld, sondern dann habe der Schüler sich nicht ausreichend bemüht. "Es gibt einen ganz anderen Antrieb, eine ganz andere Motivation fürs Lernen."

Ob der Begriff Motivation das Phänomen treffend beschreibt, darüber lässt sich streiten. Man könnte auch von Druck sprechen, unter dem die Schüler stehen. Ob in Shanghai, Seoul oder Singapur: Gute Schulnoten sind wichtig - für die Lehrer bei Schulrankings, für die Eltern, für die Familie. Es geht darum, keinesfalls das Gesicht zu verlieren. Und wenn alle Mitschüler ehrgeizig büffeln, kann sich dem kaum jemand entziehen. "Die Gesellschaft ist auf Leistung gepolt", konstatiert Vollstedt.

Ähnliches hat die Didaktikern Susanne Prediger an Schulen in Südkorea beobachtet - und wertet es durchaus positiv: "Mich persönlich hat vor allem beeindruckt, wie viel höher Bildung angesehen ist, und mit welch wesentlich größerer Anstrengungsbereitschaft die Jugendlichen und ihre Eltern sich der Mathematik widmen." Undenkbar, dass sich in so einem Umfeld jemand mit dem Spruch "In Mathe war ich immer schlecht" brüstet.

Mehr Unterricht - größerer Lerneffekt

Schüler in Asien schneiden bei Tests aber auch deshalb besser ab, weil sie viel mehr Zeit mit Mathematik verbringen als gleichaltrige Deutsche. Während hierzulande nach der Einführung des G-8-Abiturs sogar Stunden gekürzt wurden, gehen Kinder in Hongkong nach der Schule noch zur Mathe-Nachhilfe. "Dabei wird allerdings nicht der Schulstoff nachgearbeitet, dort werden vielmehr zusätzliche Aufgabentypen geübt", berichtet Vollstedt. Durch das viele Üben würden die Kinder schneller. Das dutzendfache Wiederholen desselben Aufgabentyps werde dabei nicht als stupides Auswendiglernen verstanden. Das intensive Üben gelte vielmehr als Weg zu einem tieferen Verständnis. Und tatsächlich könnten die Schüler nicht nur Aufgaben nach Schema F lösen - sie entwickelten auch ein tieferes Verständnis der mathematischen Probleme.

Die Dortmunder Didaktikerin Prediger erklärt die ausgezeichneten Ergebnisse asiatischer Länder jedoch auch mit der didaktischen Kompetenz der Lehrer. "In Korea und Singapur unterrichten Lehrkräfte nur ein Fach, an deutschen Hauptschulen fünf bis sechs Fächer." Lehrer hierzulande könnten daher kaum eine so große Expertise in Mathematik aufbauen wie ihre Kollegen in Asien.

Mathe-Unterricht beim Bio-Lehrer

Verschärft wird das Ganze noch durch fachfremden Unterricht. Mangels ausgebildeter Mathe-Lehrer müssen vielerorts ausgebildete Biologie- oder Deutschlehrer den Kindern Bruchrechnung und Geometrie beibringen.

"Die Diagnose, was ein Kind alles kann und was nicht, ist extrem schwierig", sagt Ulrich Kortenkamp von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Deshalb sei fachfremder Unterricht in der Mathematik auch so folgenschwer. "Ein Lehrer muss Verständnisschwierigkeiten erkennen, die nicht an der Oberfläche liegen." Würden diese Probleme nicht entdeckt, falle das erst Jahre später auf, etwa in der neunten Klasse, wenn die Schüler beim Umformen von Gleichungen grandios scheiterten.

In Bremen liegt die Quote fachfremden Mathe-Unterrichts übrigens bei 36 Prozent, Sachsen kommt auf drei Prozent. Dieser Unterschied erklärt nach Meinung vieler Didaktiker auch, warum Sachsen im bundesweiten Ländervergleich inzwischen an der Spitze liegt. Das Land profitiert noch von der sozialistischen Planwirtschaft, in der Lehrer nach Bedarf ausgebildet wurden und nicht gemäß den persönlichen Vorlieben der Lehramtstudenten.

Trotz aller Erfolge will jedoch kaum jemand die asiatischen Lernkonzepte eins zu eins nach Deutschland übertragen. Auch weil die Schüler in Seoul und Hongkong für die guten Schulnoten mit dem Verlust ihrer Kindheit bezahlen. Raum zum Spielen lässt der mit Sport, Musik und Nachhilfe durchgeplante Tag kaum.

Eine auf Hierarchien, Respekt und Gesichtswahrung ausgerichtete Kultur mag leistungsstarke Schüler hervorbingen. An Universität und im Berufsleben kann sie sich jedoch auch als Hemmschuh erweisen. Das hat beispielsweise Peter Deuflhard beobachtet, einst Präsident des Zuse-Instituts in Berlin. Der emeritierte Mathematikprofessor lehrt und arbeitet derzeit in Peking an verschiedenen Universitäten und Instituten.

"In meinen ersten Vorlesungen in China habe ich die Studenten immer am Ende gefragt, ob es Anregungen oder Fragen gibt", berichtet er. Niemand habe sich getraut, etwas zu sagen. Ein offenes Gespräch von Student zu Professor oder vom Angestellten zum Chef - das sei in China schwierig. "In diesem Punkt ist Asien wohl ganz anders als der Westen." Natürlich gebe es auch in diesem kulturellen Umfeld immer wieder die Überflieger, die trotz dieser Einschränkung zu Höchstleistungen kommen. Die wanderten dann allerdings häufig einfach aus.


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