Pisa-Studie Deutsche Schüler landen auf Platz 16 von 72

Im internationalen Schulvergleich Pisa hält sich Deutschland im oberen Mittelfeld. Aber bei der Frage, wie viele Schüler sich eine Karriere in den Naturwissenschaften vorstellen können, schneiden nur zwei Länder schlechter ab.

Schüler in Straubing
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Schüler in Straubing

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Die deutschen Schüler machen es Andreas Schleicher diesmal leicht: Sie belegen Platz 16 von 72 bei der neuen Pisa-Studie, Deutschland landet damit auf einem guten Platz in der oberen Tabellenhälfte. Pisa-Sieger ist Singapur. Auf Platz zwei und drei landen Japan und Estland. Am schlechtesten schneiden Algerien und die Dominikanische Republik ab.

Mehr als eine halbe Million Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren aus 72 Ländern und Regionen haben an der weltweit wichtigsten Schulvergleichsstudie, die seit 2000 alle drei Jahre stattfindet, teilgenommen. Schwerpunkt waren dieses Mal die Naturwissenschaften.

Angesichts des deutschen Ergebnisses stimmt OECD-Bildungsdirektor Schleicher ungewohnt sanfte Töne an. "Deutschland liegt weiterhin im guten Mittelfeld - und deutlich über dem OECD-Durchschnitt", lobt der Pisa-Koordinator die Leistungen beim neuesten Schulleistungsvergleich.

Auch wenn die Punktzahlen der getesteten 15-jährigen Schüler im Vergleich zur letzten Erhebung vor drei Jahren etwas abgesackt seien, wolle er trotzdem "nicht von Rückschritt, sondern von Stabilisierung auf überdurchschnittlichem Niveau" sprechen. Bei der letzten Erhebung landete Deutschland ebenfalls auf Platz 16. Allerdings wurden damals etwas weniger - nämlich 65 - Länder miteinander verglichen. Auf den ersten drei Plätzen standen damals Shanghai, Singapur und Hongkong. (Die OECD-Seite mit allen Ergebnissen und Hintergründen finden Sie hier.)

Die Pisa-Studie
Wer wurde getestet?
An der im Jahr 2015 erhobenen aktuellen Pisa-Studie nahmen weltweit rund 540.000 Schüler im Alter von 15 Jahren teil. Die ausgewählten Schüler repräsentieren insgesamt 29 Millionen Gleichaltrige in den teilnehmenden Ländern.
Was wurde getestet?
Schwerpunktthema waren diesmal die Naturwissenschaften, außerdem gab es Fragen vor allem zu den Bereichen Lesekompetenz und Mathematik.
Wo wurde getestet?
An der Pisa-Erhebung 2015 nahmen insgesamt 72 Länder und Wirtschaftsregionen teil. Auftraggeber war die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), es konnten aber auch Nicht-OECD-Staaten teilnehmen.
Wie wurde getestet?
Alle Schüler erhielten von den Forschern Laptops, auf denen sie jeweils zwei Stunden lang Pisa-Aufgaben lösten. Zum Teil waren das Multiple-Choice-Aufgaben, zum Teil Aufgaben, bei denen eigene Antworten formuliert werden mussten. Beispiele für typische Pisa-Aufgaben finden Sie hier.

Der aus Deutschland stammende OECD-Direktor hatte in der Vergangenheit die Schulpolitik der Bundesländer oft heftig attackiert: Sie sei wenig effektiv, benachteilige Kinder aus sozial schwächeren Familien und sei international kaum konkurrenzfähig. Diesmal sagt Schleicher: "Bei der Produktivität des Lernens", also der Frage, wie viel naturwissenschaftliches Wissen in den einzelnen Unterrichtsstunden vermittelt wird, "steht Deutschland sehr, sehr gut da - fast so gut wie Finnland."

Finnland lag bei der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 an der Spitze, Deutschland schnitt damals unerwartet schlecht ab, was in der Öffentlichkeit einen "Pisa-Schock" und viele Schulreformdebatten auslöste. Für Deutschland war damals ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen festgestellt worden.

Dieses Mal erreichen deutsche Schüler in den Naturwissenschaften 509 Punkte; der OECD-Durchschnitt liegt bei 493 Punkten. Allerdings gibt es auch scharfe Kritik an der Art des Schülervergleichs. So findet der Bildungsforscher Heinz-Dieter Meyer, dass Pisa gefährlich sei. Lesen Sie hier unser Pro und Kontra zur Pisa-Studie.

Abgebildet sind hier die besten zehn Länder im Pisa-Ranking sowie Deutschland. Deutschland landet in der Lesekompetenz auf Platz 11 und in Mathematik und in den Naturwissenschaften auf Platz 16.

Getrübt wird das Abschneiden der deutschen Schüler durch ein massives Imageproblem der naturwissenschaftlichen Fächer. Es gebe "eine gewisse Technikfeindlichkeit in Deutschland", sagt Andreas Schleicher. Bei den Leistungen stehe Deutschland gut da, ausbaufähig sei aber das grundsätzliche Vertrauen in die Bedeutung von Naturwissenschaften und in eine eigene naturwissenschaftliche Berufslaufbahn. Länder wie Singapur, Kanada, Slowenien und Australien, aber auch Großbritannien und Irland seien hier vorbildlich - und hätten auch im internationalen Vergleich besser abgeschnitten.

Tatsächlich landet Deutschland bei der Frage, wie viele Schüler sich eine eigene naturwissenschaftliche Karriere vorstellen können, auf dem drittletzten Platz aller 72 Länder in der Studie. Das könne auch daran liegen, so Andreas Schleicher, dass die Unterstützung durch die Lehrer in Physik, Biologie und Chemie von den Schülern "erstaunlich schlecht" bewertet werde: "Die Freude an Technik und Naturwissenschaften ist deutlich geringer ausgeprägt als in anderen Ländern."

Nachteile gebe es auch für Mädchen, so der Pisa-Koordinator: Diese seien zwar auf einem vergleichbaren Leistungsniveau wie ihre männlichen Klassenkameraden, bei der positiven Einstellung zu Technik- und Wissenschaftsthemen gebe es allerdings gravierende Unterschiede: "Den Mädchen wird da offenkundig weniger zugetraut."

Meinungskompass

Die wichtigsten Ergebnisse aus deutscher Sicht im Einzelnen:

  • In allen drei getesteten Kompetenzfeldern - beim Schwerpunktthema Naturwissenschaften, aber auch in Mathematik und bei der Lesekompetenz - liegen die deutschen Schüler über dem Durchschnitt aller OECD-Länder.
  • Die Naturwissenschaften waren zuletzt 2006 Schwerpunkt bei Pisa. Die aktuellen Ergebnisse der deutschen Schüler liegen auf demselben Niveau wie damals. In Mathematik stagnieren die Resultate ebenfalls, Verbesserungen gab es dagegen beim Leseverständnis.
  • Wer aus einem wirtschaftlich und sozial gut aufgestellten Elternhaus stammt, hat weiterhin deutlich bessere Chancen auf gute Schulleistungen als Schüler aus einem schwachem Umfeld. Bei der Chancengerechtigkeit habe sich aber dennoch viel verbessert, sagt Andreas Schleicher: "Der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Bildungsleistungen hat sich auf durchschnittlichem Niveau stabilisiert."
Diese Länder stehen in Naturwissenschaften am besten da
SPIEGEL ONLINE

Diese Länder stehen in Naturwissenschaften am besten da

Insgesamt, findet Andreas Schleicher, sei das stabile Abschneiden Deutschlands wenig überraschend. Seit 2001 habe es sehr viele Aktivitäten in der Schulpolitik gegeben: Bildungsstandards wurden eingeführt, die individuelle Förderung von Kindern ausgebaut, Ganztagsschulen seien mittlerweile der Normalfall. "Was damals eingeleitet wurde, würde ich schon als Quantensprung bezeichnen", sagt Schleicher, "aber diese Reformdynamik der ersten Jahre nach dem Pisa-Schock hat sich mittlerweile deutlich abgeschwächt."

Zurücklehnen dürfe sich die Bildungspolitik jetzt nicht: Um zur Weltspitze aufzuschließen, sei "ein weiterer Quantensprung" nötig. Und dann klingt doch wieder Schleichers Skepsis durch: "Das ist noch ein ziemlich weiter Weg."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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-seltsam- 06.12.2016
1. Das zeigt
deutlich, wie sehr wir eine unserer wichtigsten Ressource - die Bildung - in den Perspektiven für Beruf und Karriere vernachlässigen. Wenn Schüler kaum Perspektiven in den naturwissenschaftlichen Karrieremöglichkeiten sehen, läuft etwas schief. Dabei ist Bildung eine unserer wichtigsten gesellschaftlichen Standbeine.
trimark 06.12.2016
2. Die alte Laier...
Und wieder zeigt sich: Was in Deutschland unterrichtet wird, wird in keiner Studie abgebildet. Trotzdem sind es unsere Schüler, die später als Ingenieure in aller Welt gesucht sind. Es geht nämlich nicht ums Auswendiglernen (->Pisa) sondern um das vernetzte denken. Und das fragt bis heute keine Studie ab. Traurig
veruli 06.12.2016
3.
Wollen wir auf Platz 1? Und ein Schulsystem wie die Asiaten? Hier sollen Kinder kritisch und deduktiv denken lernen. Das soll uns auf Platz 1 befördern? Die Asiaten büffeln doch bekanntlicherweise in ihrem Schulsystem bis zur Erschöpfung. Rezente Artikel über Korea gabs doch auch auf SPON.
elex182 06.12.2016
4. Venn-Diagramm
Die Platzierung Dänemarks ergibt im dargestellten Venn-Diagramm keinen Sinn, da Dänemark laut dem Artikel die wenigsten Kinder hat, die sich eine Karriere in den Naturwissenschaften vorstellen können.
hugotheKing 06.12.2016
5. Weniger Imageproblem
Es gibt an zahlreichen Hochschulen Studienanfänger in den naturwissenschaftlichen Fächern, wo die Studenten in den Schulen nicht einmal Informatik hatten. Teilweise hatten sie auch keine Physik. In Mathematik fehlt das grundlegende Basiswissen. Es ist schon erstaunlich, wie diese Studenten ihre Hochschulreife erhalten haben. Nein, ich glaube weniger, dass es am Imageproblem der MINT-Fächer das Problem zu suchen ist, warum viele Schüler lieber sprachliche Fächer wählen oder dass sie später "lieber etwas mit Medien machen wollen". Der Hauptgrund, warum die Schüler MINT-Fächer meiden, ist weil dafür auch mehr getan werden muss. Das logische Denken und das Verständnis für Naturwissenschaft kommt nicht dadurch zustande, indem man einige Fachvokabeln auswendig lernt. Abiturienten in Ostasien sind nicht deswegen in den MINT-Fächern deswegen so hervorragend, weil sie alle Formeln auswendig gelernt haben, wie viele hierzulande glauben. Nein! Es kommt daher, weil sie etliche Beispielaufgaben versuchen zu lösen. Training und Fleiß gehört in den MINT-Fächern dazu. Davor haben viele Schüler Angst und manchmal auch gar keine Zeit. Lieber wollen sie "leichten" Weg einschlagen, schließlich kann man auch "irgendetwas mit Medien" gut Geld verdienen, oder?
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