Pisa-Test mit Bravour Der späte Triumph der Struwwelpeter-Schule

An der Bielefelder Laborschule, eines der bekanntesten deutschen Reformmodelle, erhalten die Schüler bis zur 9. Klasse nicht einmal Zensuren. Dennoch sammelten sie Traumnoten, als die Schule jetzt freiwillig einen Pisa-Nachtest absolvierte - besser als Bayern und nahezu gleichauf mit Finnland oder Korea.


Grundschülerinnen: Früh fördern
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Beim internationalen Schulvergleich Pisa schnitten deutsche Schüler so verheerend ab, dass die Bildungspolitiker seitdem immer neue Vorschläge in die Umlaufbahn schießen: von früherer Förderung von Fünfjährigen über mehr Pauken und Kontrollieren bis zum Ausbau von Ganztags- und Gesamtschulen oder zur Abschaffung des Sitzenbleibens.

In puncto Reformen kann niemand der Laborschule Bielefeld etwas vormachen. Die Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen an der Universität Bielefeld gründete 1974 der Reformpädagoge Hartmut von Hentig gegründet. Seitdem werfen Kritiker ihr Leistungsfeindlichkeit vor, schon weil sie bis zum 9. Jahrgang keine Noten verteilt und das Sitzenbleiben abgeschafft hat.

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Eingeschult werden die Kinder schon mit fünf Jahren, Lernschwache werden nicht an Sonderschulen abgeschoben. Alle 650 Schüler lernen in altersgemischten Gruppen - nicht in geschlossenen Klassenräume, sondern auf offenen "Lerninseln".

Leistungsfeindlich? Papperlapapp: Die umstrittene Schule mit dem Struwwelpter-Image hat es der Konkurrenz jetzt richtig gezeigt. Freiwillig ließ sie alle 15-Jährigen und den gesamten 9. Jahrgang vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschungnachtesten.

Mädchen schneiden besser ab als Jungen

Das Ergebnis ist beeindruckend - im Lese- und Textverständnis und auch in den Naturwissenschaften erreichten die Schüler Traumnoten. Ihre Leistungen lagen weit über dem NRW-Durchschnitt, selbst den deutschen Pisa-Sieger Bayern stellten sie in den Schatten und reichten fast an die Punktzahlen der internationalen Pisa-Sieger Finnland und Korea heran.

Der Vorsprung gegenüber anderen deutschen Schülern ist aber auch darauf zurückzuführen, dass die Laborschüler günstigere Lernvoraussetzungen haben. So verfügen die Eltern im Durchschnitt über deutlich höhere Schul- und Berufabschlüsse als an anderen Schulen.

Aber auch beim Vergleich zu anderen Jugendlichen mit ähnlichem Familienhintergrund und kognitiven Grundfähigkeiten kann die Laborschule mithalten. In Lesen und Naturwissenschaften sind ihre Schüler ungefähr gleich gut, nur in Mathematik etwas schlechter. Ähnlich sieht es bei den Jugendlichen aus, die voraussichtlich in die gymnasiale Oberstufe gehen werden.

Ohne Zensuren und Klassenraum

Besonders leistungsstark sind die Mädchen an der Laborschule - ausgeprägt im Lesen, ebenfalls erkennbar in Mathematik und Naturwissenschaften. Den Unterschied zu den Jungen erklären die Forscher damit, dass mehr Mädchen an der Laborschule aus bildungsstarken Familien kommen.

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Markant sind die Stärken der Laborschüler in demokratischer Kompetenz. Die Studie stellte eine hohe Bereitschaft fest, Verantwortung zu übernehmen und sich sozial zu engagieren. Den Laborschülern wurde zudem ein höheres politisches Informationsverhalten attestiert als bei anderen Jugendlichen.

"Es gelingt in der Laborschule ganz offensichtlich, junge Menschen mit hohen sozialen Wertvorstellungen und politischem Bewusstsein zu erziehen", sagte Schulleiterin Susanne Thurn. Die Ganztagsschule verzichtet weitgehend auf Noten und darauf, junge Menschen nach Leistung in verschiedene Gruppen zu sortieren. Die Schüler lernen nicht nur in der Schule, sondern auch bei jährlichen Reisen, längeren Auslandsaufenthalten, Praktika und bei selbst gewählten Jahresarbeiten.

Eine weitere Reformschule, die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, hatte beim regulären Pisa-Test beim Textverständnis und in den Naturwissenschaften sogar bessere Werte als Finnland und Korea erzielt. Beide Schulen bekommen ihre neuen Lehrer nicht vom Staat zugeteilt, sondern können sie nach eigenen Kriterien auswählen. "Ich will an meiner Schule nur die Wagemutigen. Viele Lehrer sind lebende Klagemauern", so die Wiesbadener Schulleiterin Enja Riegel.



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