Kritik an Pisa-Tests "Bildungspolitischer Kolonialismus"

Uniform, undemokratisch, manipulierbar: Der Bildungsforscher Heinz-Dieter Meyer ist einer der größten Kritiker des Pisa-Tests. Hunderte Forscher folgen seiner Revolte gegen die weltweite Leistungsmessung.

Pisa-Test: Und jetzt alle im Gleichschritt
DPA

Pisa-Test: Und jetzt alle im Gleichschritt


Der offene Brief von Heinz-Dieter Meyer ist die erste große, weltweite Kritik an der vergleichenden Schulstudie "Programme for International Student Assessment", besser bekannt als Pisa. Inzwischen haben Hunderte Bildungsforscher weltweit das Papier des New Yorker Dozenten Meyer gegen die weltweite Leistungsabfrage bei 15-Jährigen unterzeichnet.

Meyer moniert, Pisa schade den Schülern und lasse die Klassenzimmer verkümmern. Jede neue Runde sorge alle drei Jahre bei den Regierenden für neue, sprichwörtlich gewordene "Pisa-Schocks". Daraus resultiere eine kurzfristige Schulpolitik, meist auf das Ziel ausgerichtet, in der Pisa-Weltrangliste nach oben zu klettern.

Adressat der Kritik ist Andreas Schleicher, internationaler Koordinator der Pisa-Studie für die Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Schleicher wies Meyers Kritik zurück. Der Schülervergleich ermögliche den Staaten und ihren Schulministern eine langfristige strategische Politik.

Im Interview erklärt Meyer, warum er die Pisa-Studie für fatal hält und weshalb die nächste Testrunde ausgesetzt werden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Was ist an Pisa schlecht, Herr Meyer?

Meyer: Dieser Test normiert das Lehren und Lernen weltweit. Es herrscht ein uniformes Strickmuster. Das wäre schon schlimm genug, selbst wenn Pisa ein guter Test wäre. Aber Pisas Normierung verfolgt ein ausschließlich ökonomisches Kalkül. Es hat einen weltweiten Wettlauf um höhere Testresultate nach Pisa-Normen eingeleitet.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine Kritik am Test - oder eher am Umgang der Politik mit den Ergebnissen?

Meyer: Beides. Der Pisa-Koordinator Andreas Schleicher mag sagen, er könne nichts dafür, wenn Politiker aus seinen Daten die falschen Schlüsse ziehen. Aber er weiß, wie Politik funktioniert und was passiert, wenn Testergebnisse in sensationsheischenden Rankingtabellen veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Pisa hat wichtige Informationen über Schule geliefert.

Meyer: Pisa kreiert statistische Artefakte, die leicht verdaulich gemacht werden, in simple Hitlisten verpackt. Politiker mögen das, und es ist prima Medienfutter.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland hat Pisa den Leuten die Augen geöffnet. Wir kennen nun den großen Leistungsabstand von Hauptschulen zu anderen Schulen.

Meyer: Es war lange vorher bekannt, dass Hauptschulen skandalöse Restschulen sind. Aber es stimmt: In Deutschland hat Pisa auf besondere Probleme hingewiesen und einen zuvor nicht gekannten Handlungsdruck erzeugt. Aber die Richtung des Drucks ist einseitig ökonomisch-technokratisch. Und dasselbe Modell wird der ganzen Welt aufoktroyiert.

SPIEGEL ONLINE: Pisa unterwirft die ganze Welt einem Diktat?

Meyer: Gerade schicken sich die Pisa-Macher an, die Tests auf Afrika und Lateinamerika auszuweiten. Das ist bildungspolitischer Kolonialismus. Das wird enormen Druck auf oft sehr arme Länder auslösen, dortige Schulen an westliche Vorstellungen anzupassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zweifeln in Ihrem neuen Thesenpapier gegen Pisa auch an, dass die Ergebnisse von Shanghai, Singapur und Liechtenstein korrekt sind.

Meyer: Ich zweifle die Shanghai-Resultate an, weil sie auf einer selektiven Beteiligung von Schülern beruhen. Mein Kollege Yon Zhao, von der Universität von Oregon und gebürtiger Chinese, hat nachgewiesen, dass große Teile der vom Lande stammenden Schüler Shanghais von den Tests ausgeschlossen waren. Auch muss man wissen, dass Schulen Monate zuvor informiert werden, dass sie an Pisa teilnehmen. Es gibt Berichte über Shanghai, wonach Schulleiter ihre Schüler bis spät nachts auf die Tests getrimmt haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Pisa Ihrer Ansicht nach undemokratisch?

Meyer: Die OECD ist ein Rich-Men's-Club. Das Argument, das dort sticht, ist nicht die Zustimmung der Regierten, sondern allein ökonomische Effizienz. Die Mitgliedsländer sind mit ihren Wirtschafts- und Finanzministern bei der OECD vertreten.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland hat Pisa zunächst dazu geführt, dass die Kultusminister die schlechten Ergebnisse der Schulen erklären mussten. Das war doch ein echter Gewinn.

Meyer: Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich die Kultusminister für ihre Schulen vor den Bürgern verantworten müssen. Aber dann bitte nach einem selbstbestimmten und demokratischen Standard.

SPIEGEL ONLINE: Der Standard der OECD heißt Literacy, also Lesefähigkeit im umfassenden Sinne. Ist das nicht eine sehr humanistische Norm, wenn ich sage: Alle Kinder eines Landes sollen lesefähig sein?

Meyer: Es ist kaum im Sinne humanistischer Bildung, wenn man Rezeptzettel und Gebrauchsanweisungen in Pisa-Aufgaben entziffern kann. Im Umgang mit Literatur geht es auch um moralische Urteilsbildung, die Pisa nicht testen kann und will.

SPIEGEL ONLINE: Aber Pisa hat so endlich die Risikoschüler in deutschen Schulen sichtbar gemacht. Haben die kein Recht auf Bildung, nur weil sie nicht Thomas Mann lesen?

Meyer: Das Problem mit der kontinuierlichen Testerei ist, dass der Test zum Curriculum wird. Man lernt mit der Zeit genau das, was in den Tests gemessen wird. Thomas Mann und Goethe werden verschwinden, weil sie von Pisa nicht getestet werden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meyer, Sie fordern, die nächste Testrunde von Pisa auszusetzen. Was soll stattdessen geschehen?

Meyer: Wir müssen uns zusammensetzen und uns fragen: Was wollen wir lernen? Was sollen die öffentlichen Schulen dieser Welt vermitteln? Jeder, der an Bildung interessiert ist, soll daran teilnehmen können. Eine Bildungsreform von unten.

Zur Person
  • Heinz-Dieter Meyer
    Heinz-Dieter Meyer ist Professor an der New York State University in Albany. Er ist spezialisiert auf die Steuerung von Bildungssystemen. Meyer studierte Soziologie an der Universität Göttingen und ging 1983 zur Pomotion in die USA. 2013 gab Meyer zusammen mit Aaron Benavot einen großen pisakritischen Band heraus: Pisa, Power, Policy.
Das Interview führte Christian Füller. Folgen Sie ihm hier @ciffi auf Twitter

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
marthaimschnee 16.05.2014
1.
Eines der schlagendsten Argumente gegen Pisa brachte Prof. Meyerhöfer (http://www.nachdenkseiten.de/?p=21671) auf den Punkt: ".. tatsächlich erfasst man mit standardisierten Tests ja eben nicht Leistungsstärke, sondern Teststärke"
wdiwdi 16.05.2014
2. Mensch Mayer..
Pisa testet doch nun wirklich nur Basiskenntnisse, die jeder in der heutigen Gesellschaft braucht. Wenn da etwas fehlt, dann *ist* messbar und vergleichbar etwas in der Schulbildung schief gelaufen. Das hat wirklich nichts mit hoher Literaturkenntnis, oder irgendwelchen basisdemokratisch selbstbestimmten schwabbeligen Pseudokriterien zum Wohlfühlen zu tun. Schulen und Lehrer *müssen* sich dem internationalen Vergleich und Wettbewerb stellen - wie jeder spätere Berufstätige auch. Pisa lässt genug Raum für weitergehende Bildung mit persönlicher Vertiefung. Es ist mitnichten ein abgeschlossenes Curriculum. Wer aber meint, in humanistischer Verirrung auf grundlegende Mathematik- und Naturwissenschaftsausbildung verzichten zu können, tut den Schülern damit langfristig überhaupt keinen Gefallen.
stahlfahrer 16.05.2014
3. Recht hat er !
Jeder der das nicht glaubt soll sich den Film "Alphabet" von Erwin Wagenhofer ansehen und sich das bestätigen lassen...!
LinkesBazillchen 16.05.2014
4. Man muss ja nicht alles mitmachen
Zitat von sysopDPAUniform, undemokratisch, manipulierbar: Der Bildungsforscher Heinz-Dieter Mayer ist einer der größten Kritiker des Pisa-Tests. Hunderte Forscher folgen seiner Revolte gegen die weltweite Leistungsmessung. http://www.spiegel.de/schulspiegel/pisa-und-bildungspolitik-interview-mit-heinz-dieter-meyer-a-969330.html
Kaum hat irgendwer irgendwas irgendwo erfunden, rennen wir alle hinterher. Lasst es doch einfach bleiben. Nicht für die Schule, sondern für "Tests" lernen wir. Hört doch endlich auf damit!
sarang he 16.05.2014
5. PISA ist zu hinterfragen
aber z.Z. ist PISA auch so ziemlich die einzige Möglichkeit die Leistungsfähigkeit verschiedener Bildungssysteme zu testen und zu quantifizieren. Und so schlecht dürfte PISA nich sein, da die PISA-Ergebnisse innerhalb Deutschlands sehr genau die Realität wiederspiegeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.