Kritik an Lehrplänen und Umstrukturierung Polens gefährliche Schulreform

Weg mit den Gymnasien, weg mit alten Büchern: Die polnische Regierung strukturiert die Schulen um und führt neue Lehrpläne ein. Kritiker fürchten einen Rückschritt um Jahrzehnte.

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Krystian Buszta, 43, leitet eine Grundschule im Dorf Kazun Nowy, rund 30 Kilometer nordwestlich von Warschau. Wenn am Freitag die Schule wieder losgeht, hat er plötzlich einen Jahrgang und ein paar Fächer mehr. Seine Lehrer sollen nun zum Beispiel Chemieunterricht geben - aber seine Schule hat keine Labore.

Die nationalkonservative Regierungspartei PiS hat eine Reform verordnet, die das polnische Schulsystem gehörig durcheinanderbringt. "Sie wird umgesetzt ohne die Schulen entsprechend auszustatten", sagt Schulleiter Buszta verärgert.

Grundschule in Kazun Nowy
Krystian Buszta

Grundschule in Kazun Nowy

In Polen soll eine ganze Schulform wegfallen: Die rund 7500 polnischen Gymnasien, die die Klassen sieben bis neun abdeckten, werden abgeschafft. Die Grundschule wird von sechs auf acht Jahre verlängert. Die Oberschule beginnt ein Jahr früher, also schon mit der neunten Klasse.

Seit die Reform im Herbst 2016 angekündigt wurde, protestieren Eltern und Lehrer dagegen. Die PiS setze auf ein unzeitgemäßes historisch-ideologisches Programm, sagte der Chef der Lehrergewerkschaft ZNP, Slawomir Broniarz, der Nachrichtenagentur dpa.

Es gibt die Gymnasien seit der letzten großen Reform im Jahr 1999. Die konservative Regierung um Ministerpräsident Jerzy Buzek hatte sie eingeführt, um das polnische Schulsystem denen westeuropäischer Länder anzugleichen.

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Schulreform in Polen: Regierung schafft Gymnasien ab

Die jetzige Regierung dreht die Uhren zurück auf kommunistische Zeiten, so wirkt es zumindest. Kritiker fürchten, dass die Reform das Bildungssystem um Jahrzehnte zurückwirft.

Besonders umstritten: die neuen Lehrpläne für Biologie und Geschichte. Kritik entzündet sich zum Beispiel daran, dass Kinder bis zur achten Klasse nur noch wenig über internationale und europäische Geschichte lernen sollen, dafür umso mehr über berühmte Polen wie Papst Johannes Paul II. oder die Physikerin Marie Sklodowska Curie.

"Geschichte ist keine Sammlung patriotischer Episoden und keine Heldengalerie", kritisierten Wissenschaftler des Historischen Instituts der Universität Warschau im Februar…. "Das Auslassen der kontroversen oder negativen Gestalten entstellt das Bild der Geschichte."

Unerwähnt lassen möchte die Regierung zum Beispiel den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Staatspräsidenten Lech Walesa, der Polen in den Neunzigerjahren vom Kommunismus in die Demokratie und Marktwirtschaft führte und die derzeitige Regierung von Jarosaw Kaczyski vehement kritisiert.

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Walesa sei für manche ein Held und für andere ein Mitarbeiter des Geheimdienstes, sagte die polnische Bildungsministerin Anna Zalewska im Februar auf einer Pressekonferenz. Deswegen tauche sein Name im neuen Unterrichtsprogramm nicht auf. Lech Walesa weist seit Jahren Vorwürfe zurück, er habe für den polnischen Staatssicherheitsdienst gearbeitet.

Ein weiterer Streitpunkt: der Biologieunterricht. Ein Team aus Biologen von der Polnischen Akademie der Wissenschaften kritisierte im vergangenen Dezember, dass Evolution in der Grundschule kaum noch eine Rolle spielen werde. "Biologieunterricht ohne Evolution wird zu einer Sammlung nicht miteinander verbundener Tatsachen, die man auswendig lernen, aber nicht verstehen muss", sagen die Forscher.

Mehr als Zehntausend Lehrer könnten mit der Abschaffung der Gymnasien ihren Job verlieren, warnt die Gewerkschaft ZNP. Wie viele es tatsächlich sind, will das Bildungsministerium zum Schulstart bekannt geben.

Die Regierung argumentiert, die Gymnasien hätten sich nicht bewährt. "Studien zeigen, dass häufiger Schulwechsel die Bildung stört und die Motivation der Schüler dämpft", sagte Bildungsministerin Zalewska, als sie die Reformpläne im vergangenen September auf einer Pressekonferenz vorstellte.

Dabei haben sich die Leistungen polnischer 15-Jähriger in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen seit 2003 deutlich verbessert und liegen in der aktuellen Pisa-Studie über dem OECD-Durchschnitt.

Der alleinregierenden PiS ist offenbar daran gelegen, ihren Einfluss auch in der Bildung zu zementieren. "Viele Kommunalpolitiker sind frustriert, weil sie inhaltlich immer weniger Freiräume haben, aber den organisatorischen und finanziellen Teil der Reform stemmen müssen", sagt Schulforscher Marcin Wiatr vom Georg-Eckert-Institut in Braunschweig.

Das ärgert auch Schulleiter Krystian Buszta. "Wir wissen nicht, wie viel Geld wir von der Regierung bekommen", sagt Buszta. "Aber auch wenn sie uns eine Summe versprechen, ist nicht gesagt, dass die auch bei uns ankommt." Er frage sich, ob die Reform von 1999 nötig war - und ob die Reform der Reform nun nötig ist. Aber es helfe ja nichts: "Wir müssen weitermachen."

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