Politikerin Julia Bonk, 20 Nur mit dickem Fell

Julia Bonk, 20, sitzt als jüngste Abgeordnete im sächsischen Landtag, hat aber keine Lust, in eine Partei einzutreten. Wahrscheinlich wäre sie nie Politikerin geworden, hätte sie nicht eines Tages jemand gefragt.


"Früher habe ich gedacht, ich verändere die Welt mit meinen Streiks. Damals habe ich mit meinen Mitschülern organisiert, dass in fünf Dresdner Schulen gleichzeitig die Schüler streiken und wir haben demonstriert. Wir forderten kleinere Klassen und weniger Stundenausfall.

Julia Bonk: Mit 20 die Jüngste im sächsischen Landtag

Julia Bonk: Mit 20 die Jüngste im sächsischen Landtag

'Landtagsküken' nennen mich andere Parlamentarier. Das ist etwas anstrengend. Bei einer drogenpolitischen Debatte ist einmal ein Fraktionschef nach vorne gegangen und hat gesagt "Jetzt pfeifen sie doch mal das junge Fräulein von der PDS zurück!" Junge Leute müssen sich beweisen, wenn sie im Landtag sitzen, weil sie noch nicht 20 Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel haben. Da braucht man schon manchmal ein dickes Fell.

Oft schreiben mir Leute E-Mails: "Hey du, ich will auch Politiker werden. Sag mal, wie das geht." Dann denke ich mir immer, das wird so nichts. Der beste Weg in die Politik ist, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das einen interessiert. Der Weg in die Politik wird sich dann vielleicht finden, mit oder ohne eine Partei.

Dass ich deswegen mal Politikerin werden würde, hätte ich nie gedacht. Ich bin da praktisch hineingerutscht. Mit 13 habe ich angefangen, mich in der Schülervertretung zu engagieren, weil damals die Diskussion um die Lernbedingungen an Schulen groß war. Wir hatten das Gefühl, dass es enorme Missstände gab. Außerdem passierte am 9. November 1999 der Lehrerinnenmord in Meißen. An einem Gymnasium erstach ein Schüler seine Lehrerin vor den Augen der Klasse. Da ging dann bei uns die Diskussion richtig los. Wir wollten die Schule verändern.

Ich bin Schülersprecherin meiner Schule geworden, anschließend Schülersprecherin Dresdens, bin dann dem Landesschülerrat Sachsens beigetreten, wo ich Landesschülersprecherin wurde. Meine Forderungen sind mit den Jahren und der Verantwortung umfassender geworden: Ich stellte fest, dass es nicht reicht, die Schulklassen zu verkleinern, sondern dass man soziale Unterschiede ausgleichen muss, damit jeder die gleichen Bildungschancen hat. Es ist doch nicht fair, dass jemand von seiner Entwicklung her nicht die Möglichkeit hat, das Gymnasium zu besuchen, weil seine Eltern arm sind.

So habe ich fünf Jahre Schülervertretung gemacht. Dafür ging viel Freizeit drauf, aber ich habe das nicht als Arbeit oder Stress empfunden. Es war für mich irgendwie logisch, dass ich mich damit beschäftigte. Das Büro des Landesschülerrats lag nah an meiner Schule, und nachmittags habe ich mich dort mit Leuten getroffen und E-Mails beantwortet. Nach dem Abi war es selbstverständlich für mich, weiter in dem Thema drin zu bleiben. Es gab immer irgendwelche Streiks, Aktionen, Termine oder Treffen, bei denen ich dabei war.

Nicht 40 Jahre in Parlamenten rumhängen

Eines Tages kamen dann die Grünen und die PDS auf mich zu und fragten mich, ob ich nicht für sie bei der sächsischen Landtagswahl kandidieren wolle. Ich war gerade 18 geworden und dabei, mein Abi zu machen. Dass ich gefragt wurde, ist nachvollziehbar. Im Grunde suchen alle Parteien ständig nach jungen Leuten, die sich engagieren und die sie für die Partei gewinnen können. Ich habe für die PDS kandidiert, das aber damals gar nicht so richtig ernst genommen. Richtig realisiert habe ich das erst, als die Wahl vorbei war.

Neben dem Politikerdasein studiere ich hier in Dresden auch noch Geschichte und Politikwissenschaft. Manchmal muss ich in den Sitzungsperioden zu Vorlesungen, das erfordert eine Menge Organisation. Ich bin deswegen ziemlich stolz, dass ich jetzt die ersten Prüfungen abgelegt habe und meine Hausarbeiten schreibe. Dieses zweite Standbein ist sehr wichtig für mich - ich fände es nicht gerade befriedigend, die nächsten vierzig Jahre in Parlamenten rumzuhängen und von der Politik zu abhängig sein.

Jetzt aber besteht mein Alltag zum großen Teil erst mal aus Parlamentssitzungen und anderer politischer Arbeit. Das ist nichts Neues für mich, das kannte ich schon aus der Schülervertretung. Neu waren die ganzen Abläufe und Strukturen - manche Dinge kann man zum Beispiel nicht sofort erledigen, weil sie erst mal einen bestimmten bürokratischen Prozess durchlaufen müssen.

Mein Tagesablauf dreht sich rund um die Termine der Sitzungen, zwischendurch sind Arbeitsphasen. Einmal im Monat ist drei Tage lang Plenarsitzung, und jede Woche muss ich an der Fraktionssitzung teilnehmen, dort Anträge stellen oder über sie abstimmen. Zweimal im Monat treffen sich die Arbeitskreise, und normale Arbeitssitzungen gibt es auch. Abends hat man dann aber auch mal frei und kann ins Kino gehen oder so."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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