Politiker-Bild von Jugendlichen Lautsprecher für Halbwahrheiten

Wenn Politiker was erklären, fragen sich junge Bürger oft: Reden die absichtlich so verquer? Im Interview erklären Johannes Neumann und Lukas Kiepe, wie sie für bessere Politikersprache kämpfen - und im Polit-Sprech-Quiz erfahren Sie, wie gut Sie die Redehülsen aufbrechen können.

Kerstin Bogenhardt/ EV Akademie Sachsen-Anhalt

Nullwachstum, Deckungslücken und Europäische Finanzstabilisierungsfazilität - solche Wörter verwenden viele Politiker ganz selbstverständlich, als wüsste jeder, was damit gemeint ist. Ob unter 18 oder schon wahlberechtigt, wenn Volksvertreter ihre Wortpirouetten drehen, verstehen jung und alt leider oft wenig. Besonders jungen Leuten wird dann allerdings vorgehalten, sie interessierten sich nicht für Politik. Sie seien nämlich irgendwie verdrossen - oder auch zu verspaßt für die ernsten Dinge des Lebens.

Johannes Neumann und Lukas Kiepe, beide 20, ärgert das. Sie wollen Politiker gerne verstehen und den gewählten Volksvertretern helfen, sich verständlicher auszudrücken. In ihrem Freiwilligen Politischen Jahr beschäftigten sie sich mit "Sprache und Politik". In einem Projekt mit zwei zehnten Gymnasialklassen überlegten sie: Wie könnten sich mehr Jugendliche für Politik begeistern?

SPIEGEL ONLINE: Was ist eure liebste Politikervokabel?

Johannes: Alternativlos.

Lukas: Intelligenter Fehlwurf.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das?

Lukas: Wenn man einen Plastikgegenstand in den gelben Sack wirft, obwohl er keinen grünen Punkt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamt ihr auf die Idee für euer Projekt?

Lukas: Vor etwa einem Jahr hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie zum Thema veröffentlicht. Von 30.000 Jugendlichen sagten 60 Prozent, dass Politiker absichtlich abgehoben sprechen.

Johannes: Am Ende der Studie folgten Handlungsempfehlungen an die Politik. Das wollten wir aufgreifen - nur dass die Teilnehmer bei uns ihre eigenen Ratschläge formulieren sollten.

SPIEGEL ONLINE: Habt ihr euch in der Studie wiedergefunden?

Johannes: Ja, ich habe den Eindruck, dass viele Debatten sehr verklausuliert geführt werden.

Lukas: Wobei ich Politikern nicht unterstellen würde, dass sie absichtlich abgehoben sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Bemüht ihr euch denn, Politiker zu verstehen?

Johannes: Ja, wir sind beide politisch interessiert und waren auch früher schon politisch aktiv, Lukas in der Jugendvertretung der Kirche in Kassel, ich in der Schülervertretung, unter anderem als Schülersprecher. Ich verfolge die Politik im Fernsehen, im Radio, im Internet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr habt den Schülern einen kurzen Film gezeigt, unter anderem mit der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin, mit Walter Ulbrichts Satz "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", Edmund Stoibers Rede zum Transrapid und mit Karl-Theodor zu Guttenbergs Erklärung zu seiner Doktorarbeit. Die Schüler sollten ihre Assoziationen aufschreiben - was nannten sie besonders oft?

Lukas: Lügen, unverständlich, Fremdwörter, lächerlich, laut, aggressiv, Beleidigung. Wobei die Lügen wohl vor allem auf Ulbrichts Mauersatz zurückgehen. Wir hatten auch Filmausschnitte dabei, die wir eigentlich gar nicht so schlecht fanden - trotzdem haben die Schüler wenig gelobt.

SPIEGEL ONLINE: Was stört die Schüler an der Politik?

Johannes: Dass Politiker sich abgehoben präsentieren und auch so reden, dass sie in Talkshows Schaukämpfe durchführen, dass sie wenig Interesse für die Themen der Jugendlichen zeigen, dass sie zu selten Schulen und Jugendtreffs besuchen.

Lukas: Wobei sie nicht auf die Idee gekommen sind, dass sie auch mal selbst auf Politiker zugehen könnten. Sie fragen sich: Warum sollen wir uns für Politik interessieren, wenn wir nicht entscheiden dürfen?

SPIEGEL ONLINE: Was kann man dagegen tun?

Lukas: Beispielsweise das Wahlalter auf 16 Jahre senken. Die Schüler sagen, solange wir uns nicht einbringen können, tun wir es auch nicht. Wenn wir aber wählen könnten, wäre es unsere Pflicht, uns zu informieren.

Johannes: Wobei Politiker sich nicht darauf verlassen können, dass alle so denken - sie müssen sich schon um junge Leute bemühen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde Jugendlichen außerdem mehr Lust auf Politik machen?

Johannes: Sie wünschen sich mehr Volksbefragungen, mehr Podiumsdiskussionen speziell für junge Leute und dass Politiker sich häufiger in Schulen blicken lassen. Und von Schulen wünschen sie sich, dass der Politikunterricht nicht erst in der achten Klasse beginnt.

SPIEGEL ONLINE: Diese Vorschläge habt ihr gemeinsam mit den Schülern dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, präsentiert. Wie hat er geredet?

Johannes: Er hat sich nicht hinter Phrasen versteckt. Aber ich habe mich oft gefragt: Na, kommt er noch auf die Frage zurück?

Lukas: Er ging immer kurz auf die Fragen der Schüler ein, sagte 15 bis 20 sehr allgemeine Sätze zum Thema und beantwortete dann erst in drei Sätzen die Frage.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat er auf die Vorschläge reagiert?

Lukas: Unsere zentrale Forderung hat er abgelehnt: Das Wahlalter wollte er nicht absenken, man könne in dem Alter noch keine Verantwortung übernehmen. Ich kann das nicht nachvollziehen, wir übertragen jungen Leuten inzwischen immer früher Pflichten, sie sollen schnell ihr Abi machen und früher studieren. Gleichzeitig heißt es aber: Eure Rechte bekommt ihr nicht früher.

SPIEGEL ONLINE: Wollt ihr weitermachen?

Johannes: Ja, wir wollen beide Sozialkundelehrer werden. Ich werde ab Oktober Deutsch und Sozialkunde in Leipzig studieren.

Lukas: Und ich zurück nach Kassel, um Chemie und Politik und Wirtschaft zu studieren.

Lust auf ein Politsprech-Quiz? Testen Sie, wie viele dieser neun schrägen Phrasen Sie verstehen. mehr...

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
sam07 24.08.2012
1. Senkungsgebiete
Da freue ich mich über eine Antwort, in der das Verb "senken" benutzt wird, und drei Sätze später erscheint wieder diese unsägliche Journalistentautologie "absenken". Kann ich auch etwas "hochsenken"? Warum neigen unsere Redakteure dazu, aussagekräftige Verben noch durch eine völlig überflüssige Präposition scheinbar zu verstärken ("austesten", "abspeichern" usw.)?
el-gato-lopez 24.08.2012
2. Niveaulimbo?
Tja, dass man irgendwann einmal sogar die Politikergilde teilweise in Schutz nehmen muss, aber... Mein zugegeben subjektiver, persönlicher Eindruck, was man im Job etwa aus Azubi-Programmen etc. mitkriegt, ist schlicht, dass so mancher junge Erwachsene schon mit Sätzen jenseits der 5-Wort "Grenze" heillos überfordert ist. Textverständnis, Interpretationsfähigkeit, Zusammenfassen von Schlüsselaussagen in längeren Texten etc. scheint leider bei vielen jungen Leuten ausbaufähig. Auf der anderen Seite stehen dann Leute der Marke Stoiber, die besonders stolz darauf sind, Sätze von der Länge einer halben A4 Seite zu formulieren. Wurden die Politiker dann auch noch im Beamtenapparat beruflich sozialisiert, kommen sie aus dem verdrehten Referenten- und Studienrats-Sprech eh nimmer raus.
Charlie Whiting 24.08.2012
3. Nun...
Zitat von sam07Da freue ich mich über eine Antwort, in der das Verb "senken" benutzt wird, und drei Sätze später erscheint wieder diese unsägliche Journalistentautologie "absenken". Kann ich auch etwas "hochsenken"? Warum neigen unsere Redakteure dazu, aussagekräftige Verben noch durch eine völlig überflüssige Präposition scheinbar zu verstärken ("austesten", "abspeichern" usw.)?
..."senken" kann ich etwas Nicht-Gegenständliches wie etwa Steuern (jaja, passiert eh nie), "absenken" kann ich z.B. eine Last an einem Kran. Abgesehen davon finde ich es albern an der Umgangssprache rumzunörgeln. Man sagt ja auch "Auto" und nicht Automobil. Bei den Politikern stört mich oft wenn sie "wir müssen" sagen, oder schlimmer "wir müssen gemeinsam". Für mich gibt es in Wirklichkeit keine Gemeinsamkeiten mit Politikern, also auch kein "wir".
antirechthaber 24.08.2012
4. es hat seinen Grund
Zitat von sysopREUTERSWenn Politiker was erklären, fragen sich junge Bürger oft: Reden die absichtlich so verquer? Im Interview erklären Johannes Neumann und Lukas Kiepe, wie sie für bessere Politikersprache kämpfen - und im Polit-Sprech-Quiz erfahren Sie, wie gut Sie die Redehülsen aufbrechen können. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,846367,00.html
Nun die Politikersprache kann unter den gegebenen Bedingungen gar nicht besser ausfallen. Der Politiker schein unter dem Zwang zu stehen im Ungefähren zu verbleiben, um sich nicht festnageln zu lassen. Das Problem ist also: Die ständige Berechnung und damit auch Heuchelei und Unehrlichkeit. Ein anderer Grund scheint zu sein, dad unbequeme Wahrheiten oder Politiker-Versagen von breiten Bevölkerungsschichten gar nicht verstanden werden sollen.
bourne 24.08.2012
5.
Dank eines äußerst engagierten Gemeinschaftskunde Lehrers hatte ich bereits mehrfach das "Vergnügen", mich mit Vertretern der unterschiedlichen Landtagsfraktionen zu unterhalten. Ich hatte während dieser Gespräche nie Probleme sie zu verstehen. Besonders die Abgeordneten von Linken und Grünen gaben sich Mühe auf Augenhöhe mit uns Schülern zu sprechen. Allerdings sprachen diese Abgeordneten auch mit Vorliebe über Drogenlegalisierung und kostenlose Bildung für alle während der FDP-Mann versuchte die Schuldenbremse zu erklären. Das bei diesen Themen nicht dasselbe Vokabular verwendet werden kann ist traurig, aber wahr. Anschließend kam von einigen besonders dämlichen Mitschülern diese Kritik: "Sie reden nur über Schulden, aber nie über die Dinge, die auch mich angehen! Außerdem reden Sie so abgehoben." Zudem müssten die Politiker mehr auf die jungen Menschen zu gehen. Ich habe mich danach ein wenig für meine 12. Klasse geschämt. Wer mitreden will, muss sich eben informieren.
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