Streit um Schulfach Schüler sollen mehr über Politik lernen - nur wie?

Rechtspopulisten, niedrige Wahlbeteiligung, Brexit: Viele Schüler wissen über Politik erschreckend wenig - teilweise wird das Fach auch erst ab Klasse 9 unterrichtet. Das soll sich nun ändern.

Gymnasiasten im Unterricht (Archivbild)
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Gymnasiasten im Unterricht (Archivbild)

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So viel Einigkeit herrscht selten. Schulverwaltung, Schüler- und Lehrervertreter, die Eltern und die Bildungspolitik - sie alle wollen in Berlin die politische Bildung in der Schule stärken und deshalb möglichst schnell das Fach "Politik" einführen. Es soll bereits im kommenden Schuljahr "erkennbar auf dem Zeugnis ausgewiesen werden", sagt Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Doch es gibt ein Problem: die vollen Stundenpläne. Heftige Debatten sind deshalb um die Frage entbrannt, welche Fächer möglicherweise Stunden abgeben müssen, um Platz für Politik zu schaffen. Ethik, Geschichte, Geografie - das sind die anderen Fächer in den Gesellschaftswissenschaften und damit die möglichen Leidtragenden.

Deren Vertreter finden mehr politische Bildung zwar gut - aber bitte nicht auf Kosten ihrer Disziplinen. "Wir teilen die Einschätzung, dass für Geschichte und Politische Bildung zu wenig Zeit zur Verfügung steht", sagt etwa Peter Stolz vom Berliner Landesverband der Geschichtslehrer.

Stolz schlägt deshalb vor, das Fach "Geschichte/Politische Bildung" ab der 7. Klasse zwei Stunden pro Woche zu unterrichten, ab Klasse 9 dann dreistündig - und damit mindestens eine Stunde mehr als bisher. Auch in der Landesregierung gebe es Überlegungen, den Schülern mehr Unterricht zuzumuten, berichtet der "Tagesspiegel" und zitiert eine Sprecherin der Schulverwaltung: "Die Option einer Ausweitung der Stundentafel ist noch aktuell."

Schon 2009 hatten die Kultusminister eine stärkere politische Bildung in den Schulen vereinbart und ein Programm zur "Stärkung der Demokratieerziehung" beschlossen. "Erziehung für die Demokratie ist eine zentrale Aufgabe für Schule und Jugendbildung - Demokratie und demokratisches Handeln können und müssen gelernt werden", heißt es in der Erklärung.

Gemeinschaftskunde erst ab Klasse 9

Doch wie die einzelnen Bundesländer diesen Plan umsetzen, ist höchst unterschiedlich. Schon die Benennung des Fachs ist nicht einheitlich, und der beispielhafte Blick auf die Stundentafeln in der 8. Klasse des Gymnasiums zeigt, wie wenig Einigkeit darüber herrscht, was unter stärkerer Demokratieerziehung zu verstehen ist.

  • In Berlin sind - bisher - zwei Schulstunden pro Woche für die Fächer Geschichte und Sozialkunde vorgesehen.
  • In Nordrhein-Westfalen sollen zwölf Wochenstunden auf die Zeit zwischen der 7. und der 9. Klasse verteilt werden - und zwar in den Fächern Geschichte, Erdkunde und Politik. Rein rechnerisch wären das ebenfalls zwei Wochenstunden in der 8. Klasse, aber die umfassen zusätzlich auch den Erdkundeunterricht.
  • Auch Hessen gibt eine Stundenzahl für die Klassen 7 bis 9 vor. Hier sind es allerdings 17 Stunden für Geschichte, Politik/Wirtschaft und Erdkunde.
  • In Sachsen ist bis zur 8. Klasse überhaupt kein Unterricht in Gemeinschaftskunde vorgesehen, allerdings zwei Wochenstunden in Geschichte. Gemeinschaftskunde wird erst ab Klasse 9 unterrichtet. "Der Stellenwert des Faches ist im Vergleich der Bundesländer einer der geringsten", sagt Anja Besand, Professorin für politische Bildung an der TU Dresden.

Mehr Politikunterricht findet auch Moritz Peter Haarmann gut, selbst ausgebildeter Lehrer und Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB). "Man muss aber aufpassen, in welcher Form unterrichtet wird", sagt Haarmann: Die Kombination etwa als Fach "Politik und Wirtschaft" sei "grundsätzlich zu begrüßen", dürfe aber nicht dazu führen, dass es nur noch um Fragen der Wirtschaft gehe.

Tatsächlich zeigt sich immer wieder, dass Schüler grundlegende politische Fragen nicht einschätzen oder beantworten können.

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Schülerantworten: Die DDR und der Euro

"Baden-Württemberg ist ein abschreckendes Beispiel", so Moritz Peter Haarmann: "Da findet im Fach Wirtschaft kaum politische Bildung statt, etwa zu Arbeitnehmerrechten. Im Mittelpunkt steht fast ausschließlich Wissen zu Unternehmensgründungen und eigenem unternehmerischem Handeln." Politische und wirtschaftliche Bildung werde damit auf Entrepreneurship reduziert.

Der Homo oeconomicus sei aber nicht das Ziel schulischer Bildung, sagt DVPB-Geschäftsführer Haarmann und verweist auf das Berliner Schulgesetz. "Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, die fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten", heißt es da. Die Schüler sollten in die Lage versetzt werden, "das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten."

Die im DVPB organisierten Lehrer fordern deshalb ein bundesweites Pflichtfach für politische Bildung an allen Schulen ab Klasse 5 mit zwei Wochenstunden. Nur: Woher die zusätzlichen Stunden kommen sollen, sagt auch die DVPB nicht. Die Debatte um die richtige Fächerverteilung im Stundenplan geht also weiter.

insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
mborevi 16.06.2017
1. Ich bin 75 und wir hatten ...
... nie ein Fach wie "Politik" in der Schule. Aber wir hatten einen guten und detaillierten Geschichtsunterricht sowie einen Deutschunterricht, der nicht modisch verbrämt war. Mit einem Wort: Wir bekamen Bildung vermittelt. Das hatte auch ein tiefes Verständnis für politische Zusammenhänge zur Folge, die den "Oberen" allerdings nicht immer in den Kram passten: Siehe 68er. Das und nur das wäre der Weg, Politikverständnis zu wecken. Das allerdings wollen unsere heutigen Politiker verhindern, denn Politikverständnis zu wecken heißt auch Kritik zu wecken. Und die Politiker, so beratungsresistent sie sind, mögen das in der Regel gar nicht.
Leser161 16.06.2017
2. Ja, wenn
Dafür sollten aber zunächst strenge Standards festgelegt und ihre Einhaltung kontrolliert werden. Bzw. bei mir lief das damals so, dass der Lehrer seine Meinung vortrug und wir erklären mussten warum die richtig war. Das Einnehmen von Gegenpositionen führte zu schlechten Noten. Hat mir jetzt nicht geschadet, eigentlich war es im Nachhinein sogar ganz interessant Meinungsmache life erleben zu können. Aber wenn man was verbessern will kann man ja gleich Nägel mit Köpfen machen. Inhalte könnten sein: Was sind fehlerhafte Argumente? Wie überzeuge ich jemanden von meinem Standpunkt? Habe ich immer Recht oder sollte ich mich auch mal überzeugen lassen?
almalexian 16.06.2017
3. Disqualifiziert
Der Linkvermerk mit ein paar einzelnen, mehr oder weniger witzigen Einzelfällen hat in einem seriösen Artikel über die Bildungspolitik nicht verloren. Was gänzlich fehlt, ist eine aktuelle Statistik über das Vermögen oder Unvermögen der Schüler, politische Fragestellungen zu beantworten und zu bewerten. So ist das für den Leser lediglich ein Gerangel verschiedener Interessengruppen, ohne zu wissen wie es um die Faktenlage bestellt ist. Zu wenig.
Mittelalter 16.06.2017
4. Toll!
Das wird R2G in Berlin sicher hinbekommen. Bei der LINKEn sind ja sicher noch genug Leute dabei, die wissen wie man "Staatsbürgerkunde" vermittelt, "Haltungen" (formally knows as Klassenstandpunkt) erzeugt und dafür sorgt, dass ausschließlich die Gedankenwelt der eigenen Partei gelehrt wird. Schule als Hort der zielgerichteten politischen Bildung - so was gab es im letzten Jahrhundert in Deutschland genau zwei mal. Niemals unterstützte dies dienDemokratisierung der Gesellschaft. Das mündige, gebildete Individuum wurde ersetzt, von einer einer "Haltung" folgenden Masse. Worin unterscheiden sich die im Artikel beschriebenen Forderungen von den historischen Vorbildern? Augenscheinlich in nichts. Man kann ja auch mal fragen, wie es möglich war, das sich in den letzten 70 Jahren in Westdeutschland politische Meinungen bilden konnten, mündige Bürger freie Entscheidungen treffen konnten - ganz ohne "Polit-Unterricht". So wie es jetzt angegangen wird, ist es ein weiterer Schritt in die DDR 2.0
genugistgenug 16.06.2017
5. Können die nicht selbst lesen/denken?
Und wieder ein neues Fach - bis zur Umsetzung vergehen noch Jahrzehnte mit vielen Gesprächskreisen. Frage: Was lernen die Schüler eigentlich heute? Lesen/denken gehört anscheinend nicht dazu und auch in der Familie scheint man nicht über aktuelle Themen und Zusammenhänge/eigene Ansichten zu reden. Oder fehlt bei den Smartphones der Nachrichtenkanal oder sind solche Informationen zu viel (wie bei einem US Präser)? Aber vielleicht bin ich zu antik, denn ich habe mir damals (Dorf) die Tageszeitung geschnappt und dann eben im Lexikon SELBST nachgeschlagen. Allerdings wenn ich heute die Bufdis/Zivis sehe, die können weder Dreisatz und bei neuen Sachen kommt der Dackelblick ein 'verstehe ich nicht?' (was bereits verstanden wurde, wird nicht gesagt) und sobald das Handy surrt wird alles gelöscht und die Welt ist wieder schön und denkbefreit.
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